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September 2008

Ajax-Schulterblick

Die Phase des Hypes ist vorüber

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/artikel/1939)

Ajax hat einen festen Platz im Sprachgebrauch jedes Entwicklers eingenommen, auch Benutzer, die nicht mit den technischen Details von Ajax vertraut sind, wissen: "Ajax, damit kann man schöne Oberflächen im Web bauen!". Umso mehr ist es an der Zeit, einen Schulterblick zu wagen, denn die Phase des Hypes ist vorüber.

Text: Florian Müller

Vielerorts werden Ajax-Applikationen eingesetzt, was dazu führt, dass objektive Erfahrungswerte vorhanden sind, die eine objektive Beurteilung zulassen. Primär muss bei der Beurteilung eine Unterscheidung zwischen Enterprise- und Webapplikationen getroffen werden, d.h. Applikationen, die für professionelle Endbenutzer (der Klassiker: Versicherungssachbearbeiter), sowie Applikationen, die von der breiten Masse – von Internetbenutzern – verwendet werden.

Ajax aus der Perspektive des System-Owners

Stellt man sich auf den Standpunkt des System-Owners einer Intranetapplikation, so liegen die Vorteile für den Einsatz einer Ajax-Applikation klar auf der Hand: Nie war der Rollout der Releases einfacher, denn schließlich muss die Applikation lediglich an einer Stelle deployt werden, im Anschluss steht diese allen Benutzern unternehmensweit zur Verfügung. Doch halt: Wer erstellt das Release? Schnell findet sich ein Java-Entwickler der den Backend-Part übernimmt, doch der Entwickler, der den Frontend-Teil entwickelte, hat das Unternehmen vor einem halben Jahr verlassen – Ratlosigkeit, denn an das JavaScript des Frontend und der darin verwendeten Ajax-Bibliotheken möchte keiner so wirklich Hand anlegen. An dieser Stelle wird eines der größten Mankos von Ajax ersichtlich, denn das Spektrum von Ajax-Bibliotheken ist nach wie vor immens, Standards fehlen. Benötigte man früher lediglich HTML- und JavaScript-Kenntnisse, um das Frontend einer Applikation zu bearbeiten, so ist es jetzt noch eine ordentliche Portion Spezialwissen über ein Framework/Bibliothek hinzugekommen, die es zu beherrschen gilt, um die Kontrolle über das Frontend zu behalten.

Ajax aus der User-Perspektive

Wie sieht es mit Ajax aus der Perspektive des Versicherungssachbearbeiters aus, der den ganzen Tag die Applikation verwendet, um Schadensfälle aufzunehmen? Eine der meist gegebenen Antworten eines Sachbearbeiters auf diese Frage könnte sein: "Die Applikation ist gut und die Masken decken genau unseren Prozessablauf ab. Nur ist die Applikation recht langsam und ich verbringe viel Zeit damit, Formularen beim Aufbau im Browser zuzusehen." An dieser Stelle bleibt zu sagen, dass Ajax sicherlich deutlich schneller ist als "Old-School-Webapplikationen", die 20 Prozent Daten und 80 Prozent GUI-Informationen über die Leitung schickten. Ohne Ajax wäre es sicherlich auch nicht möglich gewesen, die Formulare so zu erstellen, dass diese den Prozessablauf optimal reflektieren. Dennoch bleibt der bittere Beigeschmack der Performance, denn auch Ajax-Applikationen müssen auf dem Client gerendert werden, und der "Bauplan" für das Rendering geht nach wie vor über die Leitung.

Von all diesen Problemen kriegt der Ajax-Anwender vom Typ Internetnutzer jedoch wenig mit. Er ist es gewohnt, dass Seiten im Browser erst aufgebaut werden müssen und dadurch kurze Verzögerungen entstehen. Er freut sich über die neue Interaktivität der Seiten, und mit einer Prise Web 2.0, Social Web & Co macht ihm das Surfen gleich doppelt Spaß. Auch muss der Typ Internetnutzer nicht mehr ständig zwischen unterschiedlichen Browsern wechseln, da die eine Seite nur den IE unterstützt und die andere Seite zwingend Mozilla erfordert – sicherlich einer der großen Gewinner der Ajax-Welle, denn sowohl seitens Browserhersteller als auch seitens Frameworks und Applikationsentwickler versucht man, einen gemeinsamen Nenner zu finden, der keine Browsergruppe außen vor lässt.

Die Ajax-Welle – ein Fazit

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die zuletzt genannte Usergruppe der klare Gewinner der Ajax-Welle ist. Für den "professionellen Anwender" stellt Ajax aus oben genannten Gründen noch nicht die allseits gesuchte 100-prozentige-Lösung dar, aber dennoch einen großen Fortschritt im Vergleich zu der vorher verbreiteten "HTML-Tabellen-CSS-Steinzeit". Für die einen beinhaltet diese Tatsache einen bitteren Beigeschmack, hatte man doch heimlich gehofft, auf einen Ansatz gestoßen zu sein, der nicht nur die Benutzergruppe "Webuser" abdeckt, sondern auch den Bereich "professionelle Anwender". Für andere bedeutet diese Tatsache eine große Chance, denn das Rennen um die bestmögliche Frontend-Technologie und die damit verbundene Architektur geht weiter. Lassen wir uns also überraschen, was als nächstes heran rollt – eines lässt sich jedoch bereits jetzt vermuten: Rich Clients könnten wieder stark an Bedeutung gewinnen!

Florian Müller (Florian.Mueller@richability.com) arbeitet für Comit Schweiz und ist dort für den Bereich User-Interface-Technologien verantwortlich. Darüber hinaus betreibt Florian die Plattform richability.com, wo regelmäßig über neuste Erkenntnisse aus dem Bereich Frontend-Technologien und -Entwicklung informiert wird.

 

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