Juni 2009
Bei Mister Wong unterm Schreibtisch
webinale Crawl
Am 26. Mai 2009 ging der erste webinale Crawl über die Bühne – Motto: Berliner Agentur-Luft schnuppern. Zwei "Schreibknechte" von COD waren mit von der Partie und verfassten den nachfolgenden Erlebnisbericht.
Text: Stefan D'Amore, Reimar Winkler
Stefans grober Seitenhieb
Was für eine bescheuerte Idee – vier Web-2.0-Startups im webinale Crawl anschauen, während auf der Konferenz spannende Sessions ablaufen. Schreibknechte machen so etwas, weil es der Chefredakteur möchte. Reimar sieht am Verlosungspunkt auch nicht glücklicher aus, aber er kennt diese Wünsche von Felix ja schon, ihm ist längst die Resignation des zu lange Unterdrückten in die Augen gemeißelt. Der arme Kerl ist fest angestellt.
Also gut, Auslosung abwarten. In welche der drei Gruppen man kommt, ist egal, alle drei entpuppen sich sicher als dieselben Eselspfade für Redakteure oder freischaffende Journalisten.
Ich habe trotzdem Glück: ein paar hübsche Mädels sind in meiner Gruppe. Die drei Stunden dauernde Trampelei von einem Ort zum anderen lässt sich deshalb wenigstens mental besser verarbeiten. Die erste Station wird sogar per Bus angefahren, Luxus pur – erst hinterher merke ich, dass der Bus eben nur für die Hinfahrt gedacht ist und dass das Gelatsche zurück umso länger dauert. Reimar bleibt mit hängenden Schultern und glasigen Augen auf den Stufen zur webinale zurück als der Bus losfährt, die nächste Biegung kommt, ich verliere den Schreibsklaven aus dem Blick.
Reimars kleine Retourkutsche
Nanu, ist mir da gerade ein Licht aufgegangen? Von wegen: Stefan steht mir fies grinsend gegenüber, die Linse seiner protzig-teuren Nikon ist auf mich gerichtet. Es hat mich also wieder voll erwischt: Einen Erlebnisbericht vom Agentur-Hopping soll ich abliefern – "seriös, aber auch irgendwie rotzig-frech geschrieben", lautet der klare Auftrag. Damit die Story genügend Pfeffer hat, lässt mich Felix gegen meinen alten Konterpart Stefan antreten. Ein ungleicher Kampf – Stefan ist mit allen journalistischen Wassern gewaschen. Meine Ausrüstung beschränkt sich dagegen auf eine merkwürdige Videoaufzeichnungsapparatur namens FlipShare. Schmackhaft gemacht wurde mir dieser Technikfrevel als "Must-Have" der US-Bloggerszene, mehr als unscharfes, viel zu dunkles Bildmaterial und grauenhaften Ton hat das Teil allerdings nicht zu bieten – die bösen Flüche der genervten Leserschaft sind mir sicher. Naja, vielleicht taugt es ja dazu, eine kleine Retourkutsche gegen Stefan zu fahren – gleich mal ausprobieren:
Dass ich beim Auslosen wieder den Kürzeren ziehen würde – ein klarer Fall. Während meine Gruppe dazu verdonnert wird, das erste Ziel zu Fuß anzusteuern, darf der Kollege im vollklimatisierten Bus Platz nehmen. Meine allerherzlichsten Wünsche begleiten ihn auf dem Weg zur ersten Station seiner webinale-Crawl-Tour.
Stefan, die erste: Mister Wong
Mister Wong ist unsere erste Anlaufstelle. Im Bus gab es schon erste Gerüchte von uns erwartenden Frühlingsrollen und chinesischem Bier, die mir wie ein Rettungsanker auf diesem Ochsentrip erscheinen. Und wirklich: Nachdem die webinale-Herde die gefühlten zwei Millionen steilen Stufen in den vierten Stock geschafft hat, öffnet sich vor uns ein weiträumiger heller Flur. Die Begrüßungsrede vom Pressesprecher Christian Clawien ist schnell über die Bühne gebracht, wir werden durch die Büroräume geschleust, Altbau, große Fenster, da, wo die Programmierer sitzen, befinden sich coole Pixelbilder von Super Mario und Donkey Kong an den Wänden. Relaxte Arbeitsumgebung, die paar Angestellten starren auf den Bildschirm, täuschen Arbeit vor und fragen sich sicher, was dieser webinale-Überfall soll. Whatever, die Crowd wird in den Besprechungsraum geführt, wir können uns endlich auf die Frühlingsrollen und das Bier stürzen.
Irgendwie hat sich Carlo Blatz von den Powerflashern mit in die Truppe gemogelt und hält sich mit seinem Heißhunger nicht zurück, greift kräftig zu, lässt nicht nur einen Bierkorken knallen, entpuppt sich als ein ebenso ausgehungerter Schreiberling wie ich. Ruck zuck ist der Vorrat von Mister Wong auch mithilfe der anderen webinale-Teilnehmer halbiert. Kauend fällt mir auf, dass es hier gar keine Chinesen gibt, die Linklisten füllen. Mister Wong ist genauso chinesisch wie das thailändische Bier.
Trotzdem nett, denke ich mir, höre dem Christian zu, erfahre, dass inzwischen 16 Leute an Mister Wong arbeiten und alle nicht vorhandenen Chinesen ersetzen. Vom kleinen Balkon sehe ich auf eine beeindruckende Kreuzung, nehme noch einen Schluck, denke an den armen Reimar, wie er sich bei einem anderen Web-2.0-Start-up wohl gerade scheinbar interessiert einige Krampffragen rausquält, und genieße mit jedem Schluck und Bissen die entspannte Stimmung beim Chinesen um die Ecke. Nette Leute hier, sieht seriös und nach ehrlicher Arbeit aus, danke für's Essen, weiter geht's.






































