Juni 2009
Bei Mister Wong unterm Schreibtisch
Fortsetzung, Teil 2
Reimar, die erste: Metaversum
Auf dem Fußmarsch zum ersten Ziel ist gleich die fürsorgliche Seite von Gruppen-Guide Papa Schlumpf – Verzeihung: Tobias Kaufmann – gefragt: "Ist es noch sehr weit, Papa Kaufmann?" – "Nein meine Lieben, wir sind gleich da!" – "Wird es nicht gleich zu regnen anfangen, Papa, es tröpfelt ja schon." – "Ach was, das Wetter hält, basta!". Zum Glück ist auf Tobias Verlass, bereits nach kurzem Marsch an der Spree entlang erreichen wir trockenen Fußes das Gemäuer einer alten Zigarettenfabrik. Hier hat das Start-up Metaversum Quartier bezogen, Betreiber der 3-D-Onlinewelt Twinity.
Empfangen werden wir vom CEO Jochen Hummel persönlich. Es folgt zunächst das Pflichtprogramm: Hummel klärt uns in einem kurzen Vortrag über die Vorzüge von Twinity auf, das alles andere als ein billiger Second-Life-Klon ist. Mit Twinity setzt man stärker aufs Detail, will Realität widerspiegeln. Auf einem riesigen Flachbildschirm bekommen wir ein aktuelles Highlight präsentiert: die Liveübertragung der webinale in die digitale Parallelwelt. Auf die Pflicht folgt bekanntlich die Kür: Auf dass wir nicht vom Fleisch fallen, werden uns kleine Snacks und Bionade angeboten. So richtig Zeit zum Zugreifen bleibt allerdings gar nicht. Denn während sich eine Fraktion der Besuchergruppe fasziniert über die zahlreich vorhandenen Flipper- und Videospielautomaten beugt – Relikte der Sammelleidenschaft von Jochen Hummel –, erhält der Rest Einblick in das Allerheiligste von Metaversum: die Entwicklungsabteilung. Hier lassen sich fleißige Damen und Herren dabei beobachten, wie sie, vor übergroßen Monitoren sitzend, die Onlinewelt in eine getreue Kopie des "Real Life" verwandeln. Von der Stuckfassade bis zum City-Klo, auch noch der trivialste Alltagsgegenstand wird penibel digitalisiert, virtualisiert, transformiert.
Computergeneriete Welt und Realität – irgendwann wird es uns schwer fallen, das eine vom anderen zu unterscheiden, schwant es mir. Die Grenzen verschwimmen. Zurück auf den echten Straßen Berlins, wird der verwirrte Geist erlöst. Harter, mit Hundekot gespickter Asphalt und aggressive Fahrradfahrer – ich bin zurück im wirklichen Leben. Tobias beweist jetzt seine Qualitäten als Fremdenführer: "Hier stand früher die Berliner Mauer", klärt er uns auf und zeigt auf eine unscheinbare Markierung am Straßenrand. Plötzlich kommt mir Stefan in den Sinn – was treibt der Kollege wohl gerade?
Stefan, die zweite: Soundcloud
Unser Führer David entwickelt sich zum Kameltreiber und lotst uns zum nächsten Zielpunkt, Soundcloud. Abgeratzte Location, Dachterrasse mit glühendem Grill, kleine Räume unterm Dach, tiefe Decken, Licht aus Neonröhren, mehrere Arbeitsplätze pro Tisch, ein Ambiente wie in einer Künstlerwerkstatt. Berlin pur, so wie ich es mir vorgestellt habe. "Soundcloud ist wie Flickr, nur für Musik", erzählt mir der Gründer von Soundcloud, Alexander Ljung.
Das Konzept seines Unternehmens: Hier trifft sich die Community der Musikschaffenden, Musiker und Musiklabels aus dem professionellen Bereich. Sie können Musik hochladen und präsentieren – wer Mehrwertdienste möchte, wie das unlimitierte Hochladen von eigenen Tracks, zahlt zwischen 9 und 59 Euro monatlich.
Hier geht's anders zu als bei Mr. Wong, hier sind die Leute nicht so "normal", aber ebenso bemüht, der Horde Besucher eine gute Atmosphäre zu schaffen. Schnell hab ich jetzt eine Flasche Becks in der Hand, ein flüchtiger Seitenblick auf Carlo, ihm rinnt der Gerstensaft schon längst durch die Kehle. Ob ich eine große oder kleine Bratwurst wolle, fragt mich der Grillchef. "Schau mich an und frag nochmal", sag ich, und bekomme die größte Bratwurst ins Brötchen gestopft.
Am Himmel braut sich jetzt ein Gewitter zusammen – Mist, auf dem Webcrawl gerät man echt an seine Grenzen. Schnell noch den letzten Schluck, ein bisschen das Büro bewundert mitsamt dem stylischen Plattenspieler und schon wieder rafft sich die Runde auf zur nächsten Location.






































