Juli 2008
Crowdsourcing – Innovativer Baustein der virtuellen Wertschöpfungskette
Kurze Einführung in dieses Themengebiet
Crowdsourcing ist ein derzeit oft bemühter Begriff. Doch was steckt eigentlich genau dahinter? In einer neuen Artikelserie zeigt Matias Roskos Risiken und Möglichkeiten des populären Web-Phänomens auf. Der nachfolgende erste Teil dient als Einstieg in das Thema.
Text: Matias Roskos
Crowdsourcing wird in der öffentlichen Wahrnehmung und vor allem auch in der deutschsprachigen Kreativszene zumeist mit amateurhafter Kostenlos-Arbeit gleichgesetzt. Diese Sicht wird den Möglichkeiten von Crowdsourcing-Konzepten in keiner Weise gerecht.
Immer mehr Marketingexperten, Unternehmensberater, Manager, Strategieplaner richten den Blick auf diesen innovativen und neuen Wertschöpfungsprozess. Denn in Crowdsourcing steckt weitaus mehr als nur der Zugriff auf günstige Arbeitskräfte außerhalb eines Unternehmens.
Aber was ist Crowdsourcing nun eigentlich?
Es gibt bisher keine wissenschaftliche Definition von Crowdsourcing. Der Begriff wird oft sehr unpräzise genutzt. Erfunden hat dieses Wortkonstrukt Jeff Howe in einem Artikel für das "Wired Magazine" im Juni 2006. Seitdem gilt Howe als Pionier der Crowdsourcing-Bewegung.
Der Neologismus "Crowdsourcing" setzt sich zusammen aus den Worten "Outsourcing" und "Crowd". Mit Crowd wird die Masse von Internetnutzern bezeichnet, die auf einer Internetplattform Zugriff auf die dort angebotenen Projekte haben. In vielen Fällen ist die Bezeichnung nicht mehr korrekt. Man sollte sie durch "Community" ersetzen. Es ist keine wilde, unbestimmbare Masse mehr, die da an Problemlösungen arbeitet, sondern oft eine gefestigte Community, Menschen die sich kennen, die kollaborativ zusammenarbeiten, die sich gegenseitig inspirieren. Und die dadurch die vielen guten Seiten von Crowdsourcing hervortreten lassen. "Communitysourcing" wäre sicherlich oft die bessere und auch sympathischere Bezeichnung. Aber wenn sich ein Wort erst einmal durchgesetzt hat, ist es schwer, dem noch etwas Besseres entgegenzusetzen.
Crowdsourcing ist zuerst einmal ein Wertschöpfungsprozess bei dem Menschen außerhalb eines Unternehmens Dienstleistungen und Problemlösungen erbringen. Im Idealfall ist dieser Prozess auch noch günstiger als eine Inhouse-Lösung. Der Fokus auf Billigarbeit, der in erster Linie verantwortlich ist für den schlechten Ruf von Crowdsourcing, gerade auch bei etlichen kreativ tätigen Menschen, verliert immer mehr an Bedeutung und ist nur noch ein Bestandteil eines Konglomerats vieler Aspekte.
Oft sind die anliegenden Probleme gar nicht Inhouse zu lösen. Innocentive ist ein solches Beispiel für eine erfolgreiche und spannende Crowdsourcing-Plattform. Namhafte Unternehmen wie Procter & Gamble oder Boeing lagern scheinbar nicht zu lösende Fragen auf diese Plattform aus. Mehr als 30 Prozent der Probleme konnten bisher via Innocentive gelöst werden. Wohlgemerkt Probleme, die Inhouse nicht zu lösen waren. Nicht mit dem im Unternehmen zur Verfügung stehenden Personal und dem zur Verfügung stehenden Zeitrahmen. Die auf Innocentive aktiven Menschen – Hobbywissenschaftler, Experten im Ruhestand, arbeitslose Fachkräfte – werden für die Lösungen entsprechend entlohnt, sodass man hier kaum noch von Billigarbeit sprechen kann. Bis zu 100.000 US-Dollar werden bezahlt. Man greift in diesem Fall auf Personen zu, die man langfristig nicht einstellen kann und die oft auch gar nicht bei Procter & Gamble oder anderen Unternehmen arbeiten möchten. Aber sie lösen, freiwillig, Probleme, weil sie Freude daran haben und weil sie sich ihre Zeit selbst einteilen können.
Crowdsourcing basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und auf einem selbstbestimmten Zeitmanagement
Dieses wird von seinen Kritikern immer übersehen. Damit ist Crowdsourcing Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich auch auf das Arbeitsumfeld ausgedehnt hat. Menschen möchten selbstbestimmt leben und arbeiten. Crowdsourcing kann ihnen dafür die idealen Rahmenbedingungen geben. Und Unternehmen erhalten so Zugriff auf einen Pool von Menschen, der ihnen sonst nie zur Verfügung stehen würde.
Noch stehen wir aber ganz am Anfang dieser Entwicklungen. Crowdsourcing birgt nicht nur ungeahnte Möglichkeiten, sondern selbstverständlich auch Risiken und Gefahren. Die kommenden Jahre werden zeigen, welche Projekte und welche Ansätze sich in Sachen Crowdsourcing durchsetzen können. Mit ziemlicher Sicherheit werden es die Konzepte sein, die auf eine faire Entlohnung der Crowd, der beteiligten und mitarbeitenden Community, setzen und die den Spaß am kreativen Wertschöpfungsprozess fördern. Denn Spaß ist ein weiterer, wichtiger Baustein beim Crowdsourcing, den man nicht unterschätzen sollte.
In folgenden Artikeln werde ich mich den Risiken von Crowdsourcing, den Möglichkeiten im Bereich Marketing und PR sowie der Frage widmen, welchen Sinn Crowdsourcing-Projekte für Kreative haben. Dabei wird es unter anderem um Viralmarketing, Suchmaschinenmarketing, rechtliche Rahmenbedingungen, die Unterschiede zu Pitches und Contests nach althergebrachtem Modell, um ausgelebte Kreativität, Spaß bei der Arbeit, Fairness gegenüber den Teilnehmern und um erfolgreiche Crowdsourcing-Beispiele gehen.




























