März 2008
Das World Wide Web
The End of the Web as we know it
Das Internet ist ein partizipatorisches Medium. Und dies nicht erst seitdem die Rede vom Web 2.0 ist: die Einbeziehung einer interessierten Community ist bereits für die Anfangsjahre des Internets charakteristisch. Mittlerweile besteht eine Wechselwirkung zwischen Internet und Mensch: Einerseits wurde das WWW als ein Ordnungssystem konzipiert, das an der Natur und Denkweise des Menschen orientiert ist. Andererseits prägt das Netz inzwischen auch das Sein vieler Menschen: die verlinkte Welt bevölkert sich zunehmend mit "Webwesen".
Text: Heidi Jovanovic
AM ANFANG WAR DAS WORT ...
"Ohne Sprache gäbe es keine höhere Kultur, ohne Schrift keine Zivilisation." Mit diesen Worten beginnt Erik Möller das erste Kapitel seines im Telepolis-Verlag erschienenen Buches "Die heimliche Medienrevolution". Dann spannt er den Bogen von den ersten, mehr als 32.000 Jahre alten Höhlenmalereien über Hieroglyphen, Keilschrift, die Erfindung des Buchdrucks und die Entstehung der ersten Tageszeitungen bis zu den elektronischen Medien wie Rundfunk und Internet. Er wähnt uns auf dem Weg in eine bessere Welt, in der jeder Mensch nicht nur Konsument, sondern auch Produzent von Wissen, Kunst und Kultur ist. Dies will er vor allem daran aufzeigen, wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Sie sind Teil der Errungenschaften der gegenwärtigen Turing-Galaxis, in die die Gutenberg-Galaxis, wie sie Marshall McLuhan in seinem gleichnamigen, 1962 erschienen Werk nannte, mündete. In der erstmals 1993 von Wolfgang Coy auf der Konferenz Interface II in Hamburg so genannten Turing-Galaxis hat der vernetzte Computer das Buch als Leitmedium abgelöst. Das World Wide Web hat Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft verändert. Im Folgenden soll kurz auf seine Geschichte zurückgeblickt werden.
Ab Mitte der 60er-Jahre bereits wurden die technischen Grundlagen zu dem, was heute das World Wide Web ermöglicht, gelegt. Die damalige Forschung und Entwicklung war im militärischen Bereich angesiedelt. Mit dem ARPAnet wollten die USA ein Computernetz schaffen, in dem die Datenübertragung auch unter ungünstigsten Bedingungen, wie zum Beispiel einem Teilausfall des Netzes, gewährleistet bleibt. Im Sommer 1969 gingen die ersten vier Knoten des ARPAnet in Betrieb. Die Entwicklung der zugrunde liegenden Technik und die Erforschung der sich aus dem entstehenden Computernetz eröffnenden Nutzungsmöglichkeiten gingen Hand in Hand. Einer der frühen Visionäre war J.C.R. Licklider, der erste Leiter des Information Processing Techniques Office (IPTO) bei der ARPA (Advanced Research Projects Agency) des US-Verteidigungsministeriums. In dieser Funktion vergab er Forschungsaufträge an Universitäten, mit deren Wissenschaftlern er ein Forschungsnetz formte. In einer Reihe von Memos beschrieb er in den Jahren 1962 bis 1964 ein globales Computernetzwerk (das "Galactic Network"), das viele der Eigenschaften aufwies, die heute das Internet kennzeichnen.
In den 70er-Jahren wuchs das ARPAnet beständig. 1971 hatte es 14 Knoten und laufend kamen neue dazu. Dienste wie Telnet, FTP und E-Mail mit dem bis heute gültigen Addressierungsschema user@host wurden geschaffen. Im Oktober 1972 wurde das ARPAnet auf der International Computer Communication Conference (ICCC) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Mitte bis Ende des Jahrzehnts fand der Wechsel vom militärischen zum wissenschaftlichen Forschungsumfeld statt. Bereits in der frühen Entwicklungsphase diente das Netz als Kommunikations- und Publikations-Infrastruktur, zunächst vor allem für seine Entwickler selbst während ihrer Arbeit, bald aber auch für Forscher anderer Disziplinen. Von Anfang an war das entstehende neue Medium ein kooperatives. Es gab keine Trennung zwischen Erfindern, Entwicklern und Anwendern. Teils ist das heute nicht anders. Betaversionen von Programmen werden ins Internet gestellt und weltweit getestet und diskutiert. Praktisch jeder kann Beiträge leisten, sei es in Form von Ideen, Software, oder durch Dokumentationen und Übersetzungen. Selbst an der technischen Leitung des Internet, der IETF, kann jeder, der die nötige Qualifikation hat, mitwirken. Sie arbeitet noch heute nach der gleichen offenen, kooperativen Philosophie wie 1969, als der Startschuss zum ARPAnet fiel. Noch heute werden die technischen Standards des Internet in RFCs definiert. Die Abkürzung steht für Request for Comment. Sie wollen sich also nicht den Duktus von Gesetzen anmaßen, sondern kommen als Bitten um Kommentierung daher.
In den 80er-Jahren gab es noch kein mit dem späteren Internet vergleichbares weltumspannendes, multifunktionales Netz, sondern zahlreiche Einzelnetze, die meist auf bestimmte Anwendungen spezialisiert waren. Dazu zählten zum Beispiel das BITNet, das hauptsächlich einzelne Universitäten verband, das Usenet als internetweites schwarzes Brett für Diskussionsgruppen, das FidoNet als Mailboxsystem und das SPAN als Forschungsnetzwerk der NASA. Viel von dem, was mit wachsender Verbreitung und Leistungsstärke des Internet zu einer Revolutionierung nicht nur des Mediums selbst, sondern unserer Wirtschaft und Gesellschaft führen sollte, hat seine Anfänge bereits in jener frühen Phase genommen: Damals entstand der Hackergeist, der sich schafft, was er braucht, und jegliche Behinderungen des Zugangs und des Informationsflusses geschickt umschifft. Es bildeten sich vernetzte Communities, die auf Selbstorganisation und Tauschökonomie für Software und Information setzten. 1982/83 wurde TCP/IP als eines der für das entstehende Internet grundlegenden Protokolle zum verbindlichen Standard. 1983 wird das Domain Name System zur Auflösung von Namen wie "createordie.de" in Rechneradressen entwickelt. Dies war auch die Zeit der ersten PCs und des damit einhergehenden schlagartigen Durchbruchs der Computertechnik. Somit war der Boden beackert, auf dem das World Wide Web entstehen und blühen konnte. Die notwendige Technik war ebenso vorhanden wie der kooperative innovative Geist. Was fehlte, war die sinnvolle Nutzung dieser Rohstoffe, waren Struktur und Ordnung. Noch waren viele der verwendeten Programme textbasiert: Worte, nichts als Worte. Es fehlten sowohl intuitive graphische Benutzeroberflächen als auch die Verbindung zwischen den Wortschwällen, die alles revolutionierenden Hyperlinks.

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