November 2009
Design Zoom in Hildesheim
Fortsetzung, Teil 2
Talking about Future Needs
Wir brauchen Flugsimulatoren für Design
Wie man den Kunden erfolgreich in das Design einbindet, versucht Prof. Holger Ebert in seinem Vortrag über Desingnintegration anzudeuten. Seine Forderung nach Flugsimulatoren für Design kommt nicht von ungefähr. Trotz Digitalisierung wird die reale Welt immer eine entscheidende Rolle spielen. Am Beispiel von Flugzeugabstürzen, die durch falsches Zusammenspiel von Mensch und Technik verursacht wurden, verortet er die Schnittstelle von realer und virtueller Welt: Technik braucht immer noch den User, der sie bedient. Und wenn die Technik versagt, muss ihr Benutzer dennoch die Oberhand behalten können.
Obwohl Ebert für seine Metaphorik gern in den höheren Sphären fischt, plädiert er für ein Design, das auf dem Boden bleibt. Das Design muss eine Ästhetik schaffen, die den User zum Souverän der Technik macht. Dazu bedarf es empirischer Tests, wie sie beispielsweise in Usability-Laboratorien durchgeführt werden. Auch hier wird der User zum Kodesigner, indem sein Verhalten den Ton angibt.
Gibt es ein Feng Shui für Webdesign?
Was passieren kann, wenn man die Oberhand über die Technik verliert, hat der Vortrag von Dr. Manfred Nelting erahnen lassen. In seiner Klinik, die u.a. auf Burn-Out-Forschung und Psychotherapie bei Lebenskrisen spezialisiert ist, betreut er viele Menschen, die an ihren Jobs gescheitert sind und sich im Alltag nicht mehr zurechtfinden. An dem ständig wachsenden Tempo, das uns die moderne Kommunikation heutzutage auferlegt, scheitern viele Menschen. Daher setzt Nelting zu Beginn einer Behandlung darauf, das Kommunikationsverhalten zusammen mit seinen Patienten zu überdenken.*
Auch auf dem Gebiet der Gesundheit werden viele an das Design gerichtete Fragen aufgeworfen. Wie gestaltet man Klinikräume, in denen die Patienten zu sich selbst finden können? Wie bringt man virtuelle und reale Welt auf möglichst förderliche Weise zusammen? Gibt es vielleicht sogar ein Feng Shui des Webdesigns? Kann man virtuelle Räume so gestalten, dass sie die mentale Gesundheit des Users möglichst wenig belasten?
Nelting fordert Produkte, die das Gehirn anregen. Das Design muss dem Hirn genügend Raum lassen, um seine Kreativität frei entfalten zu können. Der User oder Konsument muss stets die Option haben, eigene Wege gehen zu können. Wie dieser Weg letztendlich aussehen kann, ist Aufgabe der Designer. Um die Teilnehmer auf diese anspruchsvollen Aufgaben einzustimmen, fand im Anschluss eine Unterweisung in chinesische Entspannungstechniken statt. Gutes Design macht auch vor Qi Gong und TCM nicht halt.
Der Konsument wird selbst zum Produkt
Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Vortrag des Konsumpsychologen Stefan Baumann über Servicedesign. Er weist darauf hin, dass im Fokus des modernen Marketings längst nicht mehr das Produkt, sondern der Konsument selbst steht: Er wird selbst zum Produkt. Es werden nicht mehr materielle Güter verkauft, sondern Services. Diese werden in der Werbung so in Szene gesetzt, dass sie nicht mehr als Dienstleistung an sich, sondern als Lebensgefühl beim Konsumneten dargestellt werden. Deutlich wird das unter anderem am Beispiel Apple: Man verkauft nicht mehr lediglich einen Laptop oder einen MP3-Player – man verkauft das Image, das dem Mac-User anhaftet, das Lebensgefühl.
Der Designer muss also über den Tellerrand des Produkts hinausblicken und den Effekt auf den Konsumenten im Blick behalten. Durch die Marke wird der Verbraucher zu jemandem, zu einem Produkt. Services sind dabei für Marken wertschöpfende und differenzierende Kommunikations- und Identitätsträger. Der Kunde will schon längst nicht mehr nur ein Produkt kaufen, sondern eine relevante Erfahrung. Das Servicedesign ist dabei die Schnittstelle zwischen Konsument und Marke.
Damit ging in Hildesheim ein unterhaltsamer und facettenreicher Ausflug in alle Berührungspunkte des gestalterischen Handwerks zu Ende. Im Anschluss daran wurde die Jahresausstellung der Fakultät Gestalten "Design AnSich(t)" eröffnet. Dort werden Arbeiten aus Bereichen wie Advertising, Farb-, Grafik-, Corporate oder Produktdesign gezeigt. Die Ausstellung geht noch bis zum 20. November.
* Auf Wunsch von Dr. Nelting haben wir den kursiv gesetzten Abschnitt geändert.
zum Artikel
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/252060.html
Designer sind nicht nur reine Gestalter, sondern werden immer mehr zu Innovationsberatern für Mode, Bau, Industrie, Internet, Software, wohnen und leben. Sie müssen in der Lage sein, ihren Ideenpool als Marktwert zu nutzen.
Das Auge isst mit. #zitieren

























