März 2010
FITC Amsterdam 2010
Frische Innovationen aus der Dose
Wie bereits erwartet, konnte man vom Wetter in Amsterdam um diese Jahreszeit noch keine anderen Highlights als nass und kalt verlangen. Dafür entschädigten aber zwei wirklich lohnenswerte FITC-Amsterdam-2010-Konferenztage, die viele Innovationen, Überraschungen und Erstveröffentlichungen bereithielten.
Text: Frank Reitberger
Es ist wohl mehr so ein persönlicher Graus von mir, aber angesichts meist doch eher langatmiger Marketingveranstaltungen in Sachen Adobe-Produkte meide ich Keynotes eigentlich konsequent. Dieses Mal bekam ich am Vorabend aber den Tipp, dass es sich lohnen könnte … doch lohnte es sich wirklich? Wirklich visuell erwähnenswert wäre da zunächst das "FITC Amsterdam 2010 Opening Titles"-Video von Soulbase.
FITC Amsterdam 2010 Opening Titles from Soulbase on Vimeo.
Halbstündig angelegte, zähe Predigten über die Lauffähigkeit von Flash auf Mobile Devices, von Jahr zu Jahr wiederkehrende Ausblicke über verbesserten Textumgang innerhalb der kommenden Flash-IDE sowie minimalst präsentierte Ein- und Ausblicke auf Adobe Air- und Catalyst sagen mir: Chance vertan – danke, das war's!
Was sicherlich auch daran lag, dass die eigentliche Innovation, nämlich ein verdammt performantes und eigens für diese Keynote entwickeltes 3-D-Demo des away3D-Entwicklerteams total unterging. Obwohl eigentlich gerade das die Leistungsfähigkeit des kommenden FlashPlayers 10.1 unterstrich. Ich sage nicht, dass gefühlte zwei Minuten zu kurz sind, um so eine Demo zu präsentieren, doch fehlte Richard Galvan und Marc Anders an dieser Stelle einfach der nötige Enthusiasmus, den es gebraucht hätte.
Mathematische Feinheiten
Mario Klingemann brachte danach die willkommene Wende. Hier liebt und lebt jemand sein Thema – und dieser ehrliche Funke springt auf das Publikum über. Mathematik und ActionScript verschmolzen in diesem Vortrag zu starken visuellen Ergebnissen, wenn einfache geometrische Formen wie Linien, Kreise und Punkte scriptgenerierte Muster, Ornamente und Strukturen formen. Ab jetzt war es ein wirklich gelungener Start in den Tag.
Sechzehn Farben
Klingt nach wenig, kann aber viel. ASCII Art? Ein aus heutiger Sicht fast urzeitliches Thema, das ein davon gefesselter Peter Nitsch für die Generation Flash quasi wiederentdeckt hat. Denn bis heute veröffentlicht eine immer noch existente ASCII-Art-Szene neue Kompositionen. Peter zeigte u. a. einen flashbasierten ANSII Viewer sowie ein ebenfalls flashbasiertes Zeichenprogramm für ANSII.
Mit ASCIImeo präsentierte er zuletzt seine neueste private Spielwiese: Ein Video zu Textmode "Renderer", der Vimeo-Filme in ASCII-Textmode wiedergibt.
Skunk Works
Als "Skunk Works" werden geheime Projekte (auch "Black Projects" genannt) bezeichnet. Der Begriff wird auch für Projekte verwendet, die Mitarbeiter ohne Kenntnis der Unternehmensleitung durchführen. Und Ralph Hauwert zeigte in seiner Stunde eine Menge seiner bisher "geheimen" und noch nicht veröffentlichten Arbeiten und Experimente.
Ich kann an dieser Stelle nur sagen, wer diese Vorführung verpasst hat, hat aus meiner Sicht den Höhepunkt des ersten Tages vertan. Ralph zeigte seine neuesten Experimente, Umsetzungen sowie absolut grandiosen "Work in Progress", an deren Ausarbeitung er aktuell noch sitzt. Ob nun partikelgetriebene Teaser für kommende Konferenzen, ein mit Pixel Bender umgesetzter Raytracer oder seine herausragenden Arbeiten in Flash-Realtime-3D: Alles, was Ralph zeigte, ist wirklich höchst inspirierend und empfehlenswert.
Steine von Außerirdischen
Jared Tarbell hatte ich seinerzeit schon einmal auf der FOTB in Brighton gesehen. Seinerzeit hatte ich beschlossen, seine Vorträge in keinem Fall mehr zu verpassen. Und auch dieses Jahr in Amsterdam zeigte sich – dieser Entschluss war keine Fehlentscheidung.
Jared zeigt viele seiner programmierten Strukturen und Muster, die man wohl am ehesten mit dem Begriff "Generative Art" versehen möchte sowie eine Vielzahl seiner analogen Arbeiten. Darüber hinaus garnierte er seinen Vortrag immer wieder mit wirklich erfrischenden Anekdoten aus der "realen Welt". Beispielsweise dieser: Man nehme Jareds Heimatstaat New Mexico, bekannt für seine extraterrestrischen Vorkommnisse. Dort erlaubt er sich hin und wieder den Spaß, Steine, die er zuvor mit seinen Kreationen bedruckt hat, in der Wüste zu verteilen. Reaktionen einer ufotreuen Fangemeinde auf diese Fundstücke inbegriffen.
Der Apparat
Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Joa Ebert den Ausbau seines Apparat Frameworks vorantreibt. Er zeigte viele kleine Anwendungsbeispiele für seine bestehenden Tools REDUCER, TAAS, TDSI und zuletzt STRIPPER. Joa zeigte z. B., wie mit STRIPPER bequem alle Trace Commands aus bestehendem AS3-Code entfernt werden können. Oder aber wie durch den Einsatz von TAAS Geschwindigkeitsboosts von bis zu 100 Prozent möglich sind (before/after-Beispiele). Ein zwar bekanntermaßen sehr technikgetriebener Vortrag, dennoch höchst interessant und ein Muss, wenn man für den täglichen Flash-Gebrauch Ansätze und Lösungen für performanceoptimierte ActionScript-Programmierung sucht.
Klingt nach ActionScriptt
Musikalisch untermalt startete ich den zweiten Tag mit Andre Michelles Vortrag über in Flash zur Laufzeit generierten Musik. Auch hier merkt man sofort, dass jemand seine Passion gefunden hat – was sich denn auch letztlich in einer weiteren kommenden Version des Hobnox Audiotools niederschlägt. Leider konnte ich dem Vortrag nur zur Hälfte treu bleiben, da ich direkt im Anschluss selbst meine Session hielt und somit früher gehen musste.
The Cool Shit Hour!
Fünf Sprecher in einer Session sind nach dem Mittagessen immer eine willkommene Abwechslung, ob nun Flash-basierte Spracherkennung auf dem Programm steht oder alte C64-Gefühle wieder zum Leben erweckt werden (Claus Wahlers hielt einen C64 Emulator für Flash bereit), hier gibt es komprimierte Inspiration in staccato.
Ein persönlicher Favorit war für mich die in Flash realisierte Demoeinladung zur "Block Party", einer in Cleveland gelegenen Demoparty. Wirklich feine Filter- und Effektprogrammierung von Peter Nitsch und Simo Santavirta.
WIFI – bitte melden
Retrospektiv war die diesjährige FITC Amsterdam 2010 wieder ein wahrhaft gelungener Event. Bleibt zu erwähnen, dass dieser doch sehr onlineaffinen Gattung Mensch jedoch leider meist der Zugang zur digitalen Welt durch die Abwesenheit von WIFI verwehrt wurde. Dennoch ist diese Veranstaltung wie auch schon letztes Jahr ein perfekter Auftakt in ein neues Konferenzjahr. Amsterdam ist stets ein guter Ort, um alte Kontakte zu pflegen sowie neue zu knüpfen und um sich mit Inspiration und Motivation für 2010 aufzutanken.
Fazit: Nächstes Jahr ist schon gebucht.
Frank Reitberger arbeitet und entwickelt als Flash-Teamleiter für anyMOTION GRAPHICS Internet- und Offlineanwendungen im B2C- und B2B-Bereich. Frank veröffentlicht unter seinem Nickname "pwdVergesser" auch viele seiner kleinen Flash Snippets im Flashforum sowie in seinem Blog Prinzipiell.com.
http://bit.ly/cwCN0r #zitieren
































