September 2007
Illustrative 07: Ein Rundgang durch die wiederentdeckte Welt der Illustration
Der Veranstaltungsort der Illustrative 07 war so hübsch-hässlich wie im Jahr zuvor, Werke gab es jedoch deutlich mehr. Und auch wenn das Konzept die eine oder andere Lücke hatte, ein Besuch hat sich gelohnt.
Text: Scott Kausky
Wie im letzten Jahr hat der Putz an der Wand Löcher und es kann durchaus vorkommen, dass einem von der Decke der Staub auf den Kopf rieselt. Damit sind aber auch schon die meisten der wenigen Gemeinsamkeiten aufgezählt, die die "Illustrative 07", die vom 31. August bis 16. September in der Villa Elisabeth in Berlin stattfand, mit der gleichnamigen Ausstellung aus dem letzten Jahr hat.
Ansonsten ist dieses weltweit einmalige Illustrations-Forum vor allem eins geworden: größer und schöner. Selbst die allzu Berlin-typisch renovierungsbedürftigen Räumlichkeiten haben dazu beigetragen, denn ihre klassizistische Substanz kam ganz wunderbar zur Geltung und der über zwei Geschosse gehende Hauptraum mit begeh- und bespielbarer Empore wusste trotz aller Ramponiertheit zu imponieren.
Stellwände, Licht- und Ausstellungsarchitektur waren gut auf die Arbeiten abgestimmt. Statt der 100 Arbeiten wie im Vorjahr wurde gleich die doppelte Anzahl präsentiert, die vertretenen Grafiker kamen nicht mehr nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa, die begleitende Publicity-Kampagne bediente sich aller Medien, der 120-seitige, klebegebundene Katalog hat das Heftchen von 2006 gar um das dreifache überboten, es gab einen "Junge-Talente"-Wettbewerb, das Rahmenprogramm war ausgesprochen umfangreich und zu guter Letzt soll die Ausstellung auch noch auf Reisen nach Paris, Moskau und Lissabon gehen.
Soweit so gut, doch wie sieht es mit der Ausstellung selbst aus, um die sich dieser enorme Aufwand dreht? Zwei Fragen, die sich beim ersten Durchgang aufdrängen, muss man zweifelsohne, wie bei jeder "Best-of"-Sammlung, sofort aus seinem Gehirn verbannen. Es kann nur müßig sein, darüber zu grübeln, ob diese Auswahl repräsentativ ist, ebenso, ob es sich hier nun tatsächlich um die besten Illustratoren Europas handelt, und wer fehlt bzw. noch hineingehört hätte.
Einige bedeutende Künstler fehlten dennoch
So fehlte die von Heinz Edelmann geprägte Stuttgarter Schule um Christoph Niemann, Sylvia Neuner und Monika Aichele völlig, obwohl sie in Deutschland über ihre Zentralorgane Süddeutsche Zeitung und F.A.Z. fast so etwas wie einen Illustrations-Mainstream gebildet haben. Auch von den zahlreichen Epigonen Anke Feuchtenbergers, samt der Meisterin selbst, war niemand vertreten. Das könnte aber auch Absicht gewesen sein, denn schnell wird klar, was "Grenzgänger" (Tagesspiegel) und Kurator Pascal Johanssen für Ziele verfolgt.
Zum einen ähnelte seine Auswahl einer Gleichung, bei der möglichst viele Variablen, Kontext, Arbeitsweise und Thema, miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Mode-und Editorialillustratoren, Plakatgrafiker, Comiczeichner, Künstler aus der Streetart- und Graffitiszene laserpointen, ritzen in Platinen, arbeiten mit dem Computer in Vektor- oder Pixelprogrammen, basteln, collagieren, animieren und installieren, radieren, zeichnen und malen, von hartem schwarz/weiß bis zur knalligsten Bonbonfarbigkeit – und das alles will dann sorgfältig gegeneinander abgewogen sein.
Ein Trend war nicht auszumachen
Außer dieser Balance, die es zu finden galt, hatte Johanssen offensichtlich keine besonderen Vorlieben oder verbot sich zumindest, sie deutlich zu Tage treten zu lassen. Stattdessen sollte alles vertreten sein, was Illustration ist oder besser: auch sein kann – ein Ansatz, der durchaus auch eine didaktische Note in sich trägt. Das macht ihn in gewisser Weise unangreifbar, birgt aber auch diverse Gefahren. Die Illustrative 07 hat Laufen gelernt, aber da sie sich in viele Richtungen gleichzeitig bewegt, ist es nahezu unmöglich auszumachen, welches Ziel sie wirklich verfolgt. Davon abgesehen ist es ihr auf diese Weise natürlich unmöglich, einen speziellen Trend zu setzen oder eine besondere Schule zu begründen. Dies kann man genauso als Vorteil wie als Nachteil bewerten.
Mit Johanssens zweitem Anliegen verhält es sich ähnlich. In enger Zusammenarbeit mit einem Großteil der vertretenen Illustratoren versucht er eine von ihrer professionellen, angewandten Arbeit, gesonderte freie, speziell für die Illustrative konzeptionierte Serie zu realisieren, die über die verschiedenen Illustrativen zu einem komplexen Werk ausgebaut werden soll. Diese Idee ist überaus ambitioniert und ohne Zweifel interessant. Es entsteht etwas, das irgendwo zwischen Kunst und Gebrauchsgrafik liegt und nicht ganz fassbar ist. Die Risiken hierbei zeigen sich jedoch vor allem dann, wenn sich z.B. Weir, Notmann oder Grandfield zu sehr über diese unsichtbare Grenze hinauswagen und ihre Arbeiten auf diffuse Art versuchen, Kunst zu sein.
Der Betrachter bekam, was er sah – nicht mehr, aber auch nicht weniger
Am stärksten ist die Illustrative dagegen bei den Werken, deren Herkunft deutlich abzulesen ist, bei Copp, Hajek, Foldvari, Saveedra und vielen anderen. Den Designern ist anzumerken, dass sie durch ihr eigentliches finanzielles Standbein als angewandte Grafiker unabhängig sind und sie einen Erfolg bei der Illustrative nicht bitter nötig haben – hier wirkte die Ausstellung im Kontext des ganzen Kunstausstellungsbetriebs auf erfrischende Weise selbstvergessen, frei von Berechnung, ja fast naiv. Diese ganz und gar positiv zu bewertende Unbedarftheit wurde jedoch stets von einer absoluten Professionalität bezüglich der Machart und des Wissens um die Wirkung kontrastiert, die sich die Ausstellenden beim Erlernen ihres Berufs zwangsläufig aneignen mussten.
Man blieb also weder ratlos vor den Bildern, noch entwickelte sich der beliebte "Könnte ich auch"-Gedanke, noch musste man sich zum Verständnis erst klein bedruckte DIN-A4-Seiten durchlesen – statt dessen bekam man, was man vor Augen hatte, und die Wirkung entfaltete sich im Moment des Betrachtens.
Eine weitere positive Überraschung war der "Junge Talente"-Wettbewerb, der durchweg mit erstaunlich gekonnten und interessanten Arbeiten aufwarten konnte. Ihm wünscht man für das nächste Jahr weiteres Bestehen und breiteren Raum, zumal die Arbeiten noch nicht bei der Vernissage zu sehen waren und auch nicht im Katalog vertreten sind.
Trotz Ungereimtheiten: so kann es weitergehen
Unterm Strich hat sich mit der Illustrative 07 neben der "Typo" und der "Pictoplasma" in Berlin eine dritte Veranstaltung aus dem Bereich Grafik-Design etabliert, die trotz kleinerer Ungereimtheiten den Vergleich mit den beiden anderen nicht zu scheuen braucht. Im Gegenteil, verglichen mit den anderen, etwas autistisch auf Art-Direktoren zugeschnittenen Festivals mit ihren horrenden Eintrittspreisen, wirkt die Illustrative offener, ja fast plebejisch – schafft es aber sogar, diese Publikumsnähe mit etwas mehr künstlerischem Anspruch zu kombinieren. So kann es weitergehen!
Scott Kausky studierte Kunstgeschichte in Berlin. Er schreibt regelmäßig Kurzgeschichten und Artikel über Design.


























