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Oktober 2008

Interview mit UI-Experte Florian Müller: Fortbestand der "AJAX-Art" vorerst gesichert

Live von der AJAX in Action

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/artikel/1988)

CREATE OR DIE: AJAX Frameworks, Flash, Silverlight, auch Java im Client ist wieder da. Wie denkst du über diese Entwicklung, wo führt das hin? Oder anders gefragt: Wird es irgendwann zu "Konsolidierungen" kommen?
Florian Müller: Nun, prinzipiell belebt Konkurrenz immer das Geschäft und sorgt für den Verbraucher im Sinne von Anwender und Entwickler für mehr Auswahl – und das sehe ich als Entwickler ganz klar erstmal als großen Vorteil an. Ich denke, man muss dabei auch beachten, dass die Frameworks nicht unbedingt in direkter Konkurrenz zueinander stehen, sondern ganz einfach unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, die bisher eben alle aus dem "AJAX-Trog" schöpfen mussten. Die breite Masse der Web-User und Entwickler kann nach wie vor auf AJAX setzen, denn es ist und bleibt eine tolle Technologie und nicht nur ein Hype.
Für die Power User gibt es jetzt eben noch Alternativen, die besser zu ihren Anforderungen passen, im Sinne von Rich Clients, die ganz einfach besser performen und einen professionelleren Entwicklungsprozess zulassen. Und bei den Power Usern kann wieder unterteilt werden in Unternehmen mit einer Microsoft-Infrastruktur und solchen, die auf den Java-Stack setzen – für beide ist etwas in der RIA-Kiste enthalten! Kurz gesagt, ich denke, dass es bei den GUI-Frameworks zwar schon einen Touch von Konkurrenzdenken geben wird, letzen Endes sind jedoch die Anforderungen an Projekte und die damit verbunden Voraussetzungen zu unterschiedlich, als dass sich "das" Framework herauskristallisieren wird.

CREATE OR DIE: AJAX, ist das ein Trend, der gerade erst Anlauf genommen hat, oder ist die heiße Phase bereits vorbei?
Florian Müller: Nun, ich denke, ein kurzer Blick in Google Trends zeigt ganz gut, wo AJAX momentan steht – und man sieht deutlich, dass es sich dabei definitiv um einen Trend handelt und nicht um einen Hype! Der Trend unterscheidet sich vom Hype insofern, als dass ein Trend etwas Langlebiges ist, was auf einem soliden Gerüst steht und nicht einfach umgestürzt werden kann, da die technische Grundlage ausgereift und wohldurchdacht ist – und außerdem eine große Lobby von Anwendern und Entwicklern dahinter steht.
Genau diese Bedingungen sehe ich bei AJAX erfüllt; entsprechend gehe ich davon aus, dass der Fortbestand der "AJAX-Art" vorerst gesichert ist, mit dem winzigen Unterschied, dass AJAX eben jetzt nicht mehr der einzige Player im GUI-Bereich ist. Aber gerade im "normalen" Web sehe ich nach wie vor eher AJAX-Applikationen als Rich Clients oder gar Fat Clients.

CREATE OR DIE: Kannst du ein paar Beispiele für eine gelungene Umsetzung von RIAs nennen oder gar Applikationen, die dir nicht gefallen und warum?
Florian Müller: Bei gelungenen RIA-Umsetzungen fallen mir als Erstes immer Online-Mail-Clients ein, angefangen beim einfachen GMail bis hin zum Outlook Web Access glänzen die Mail Clients wirklich mit "Richness" und man merkt manchmal nicht mehr wirklich, dass man gerade im Browser unterwegs ist, sondern bedient die Clients so intuitiv wie Desktopapplikationen.
Eine Lieblings-RIA-Seite habe ich nicht, vielmehr freue ich mich grundsätzlich immer über die unglaubliche Innovation, die man in vielen Applikationen findet – nicht nur die Innovation aus technischer Sicht à la "das ist aber ein tolles Control", sondern vielmehr die Innovation à la "verdammt einfache, aber gute Idee hinter der Applikation!" Doodle ist zum Beispiel eine dieser innovativen Web Apps.

CREATE OR DIE: Wie sehen RIAs in Zukunft aus? Sind etwa Mailanwendungen von Google bis Microsoft das Ende der Fahnenstange?
Florian Müller: Ich denke, es kommt darauf an, auf welchen Bereich man bei dieser Fragestellung schielt: Schweift der Blick Richtung Enterprise Apps im Intranet einer Firma, so hat das Rennen meiner Meinung nach gerade erst angefangen. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft auf viele Intranet-Applikationen stoßen werden, die mehr als nur Drag-and-Drop können und komfortabler zu bedienen sind als manch eine Applikation, die momentan noch durch eine AJAX-Lösung repräsentiert wird: Die einfachen Tools, die dabei in jeder Firma eingesetzt werden, wie "Zeiterfassung" und "Spesenabrechnungen", sind beispielsweise solche Klassiker, die früher oder später durch die neu heranrollende Rich-Client-Welle, im Sinne von Silverlight, Adobe, Java & Co, erfasst werden könnten.
Auch im Web denke ich, dass das Ende noch lange nicht erreicht ist. Neue AJAX-Frameworks und -Technologien versetzen Entwickler in die Lage, ihre Ideen bzw. die der Kunden noch besser, schneller und auch einfacher umsetzen zu können. Kürzlich bin ich gerade erst wieder auf ein solches Framework gestoßen, ZK, bei dem ich hinterher ganz einfach nur dachte: Wow! Damit kann ja wirklich jeder tolle AJAX/Java-Apps bauen! Ich denke, dass im Web noch extrem viele Web-1.0-Applikationen umhergeistern – grobe Daumenschätzung: 70 Prozent –, Onlineshops sind das beste Beispiel dafür: Nach wie vor finde ich nur bei jeder zehnten Bestellung im Web einen Onlineshop, bei dem ich hinterher sagen würde "Das war jetzt Web 2.0". Entsprechend gehe ich davon aus, dass das "Ende der Fahnenstange" bei weitem noch nicht erreicht ist, die Fahne wird lediglich nicht mehr unter Paukenschlägen und feierlichen Hype-Zeremonien weiter gehisst werden.

CREATE OR DIE: Wie ist es um den Bereich Mobile bestellt? iPhone und Android, ebnen sie den Weg in eine mobile Zukunft, werden wir künftig alle unsere Arbeiten auch von unterwegs aus erledigen können?
Florian Müller: Diese Frage kann ich nur als iPhone-Besitzer, nicht aber als Ingenieur mit entsprechendem Backgroundwissen beantworten: Ich denke, dass wir dank Apple zum ersten Mal an der Stelle stehen, dass ein Handymodell in den Markt geworfen wurde, dass wirklich zu einem Durchbruch im Mobile-Bereich geführt hat. Vorher wurde zwar schon oft gesagt, dass das Handy "die Zukunft" ist und wir in fünf Jahren alles auf dem Handy erledigen und gar kein Notebook mehr brauchen, so die Vision auf manch einer Messe, davon war man aber bis zum iPhone weit entfernt.
Dennoch, auch wenn es etliche tolle Applikationen auf dem iPhone gibt, schreibe ich immer noch lieber Mails vom Laptop aus als auf dem iPhone herumzudrücken. Auch all die anderen Applikationen sind eher "Spielereien", die zwar manchmal ganz nützlich sind, zumindest um das eine oder andere langweilige Meeting sinnvoll zu überbrücken, aber eben nicht mehr und nicht weniger. Google Android kenne ich nur vom Hörensagen, aber ich denke, es wird sich mit Android und den darauf laufenden Applikationen ähnlich verhalten. Mein Fazit zum Thema Mobile: eine nette Ergänzung als "Zweitwagen" aber, ohne "Erstwagen" geht noch gar nichts.

CREATE OR DIE: Florian, vielen Dank für dieses Gespräch!


Florian Müller auf der AJAX in Action

Das Interview mit Florian Müller führte Felix Schrader

 

Kommentare
Gravatar Martin 30.10.2008
um 16:47 Uhr
Der gute Herr sollte aber schon wissen das Web 2.0 != AJAX ist. #zitieren
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