Juli 2010
Keine Kühlschränke für die Inuit
Die Nutzung des Internets zur Erschließung neuer Märkte
Der Zeitpunkt war noch nie so günstig wie jetzt, um mit einer genialen Idee ein Start-up-Unternehmen zu gründen. Die Tatsache, dass große Unternehmen weltweit Personal- und Budgetkürzungen vornehmen, bietet die Gelegenheit, den so entstehenden Bedarf mit einer innovativen Idee und niedrigeren Betriebskosten zu decken, um günstigere Preise und bessere Qualität als die der Hauptwettbewerber anzubieten. Der Schlüssel zum Erfolg liegt allerdings darin, nicht sämtliche Ressourcen in die Pflege nur eines einzigen Markts zu stecken. Warum sollte man sich auch darauf beschränken, seinen Umsatz allein durch einen einzigen regionalen Markt zu erzielen, wenn man online durch seine Internetpräsenz 1,8 Milliarden potenzielle Kunden erreichen könnte?
Text: Christian Arno
Produkte und Dienstleistungen über das Internet in Auslandsmärkten anzubieten, ist nicht nur deshalb sinnvoll, weil sich dadurch Ihr Markt vergrößert und Währungsschwankungen gedämpft werden – auch aus dem anderen Grund, dass die Vermarktung durch das Internet mithilfe von Suchmaschinenoptimierung, Pay-per-Click-Werbung, Werbebannern und E-Mail- bzw. viralem Marketing nur einen Bruchteil dessen kostet, was Werbekampagnen in traditionellen Medien veranschlagen. Bevor man sich jedoch in die rauen Gewässer des multilingualen Internets stürzt, zahlt es sich aus, zunächst eine Strategie auszuarbeiten. Folgende Punkte sind dabei zu beachten:
Recherchieren
Beim Entwerfen von effektiven mehrsprachigen Websites ist es nicht allein damit getan, oben auf einer beispielsweise deutschsprachigen Webseite ein Übersetzungs-Widget von Google anzubieten. Untersuchungen belegen, dass 85 Prozent der Onlineverbraucher – darunter selbst die mehrsprachigen Internetsurfer – nichts auf einer Website kaufen, wenn sie die Produktinformationen nicht in ihrer Muttersprache lesen können.
Es kommt der Glaubwürdigkeit darüber hinaus zugute, wenn der User davon überzeugt werden kann, dass ein seriöses Geschäft vor Ort betrieben bzw. ein lokaler Bezug suggeriert wird – oder dort zumindest eine seriöse Niederlassung zu finden ist. Dazu spricht man den User am besten in seiner eigenen Sprache an – über eine lokale Website, die auf die Interessen dieses Kundenkreises abgestimmt ist.
Aus diesem Grund sollten individuelle Websites für jeden der Zielmärkte und jede Sprache entworfen werden. Bevor damit begonnen wird, ermittelt man jedoch zunächst, in welchen Ländern eine Lücke besteht, die das Produkt oder der Service ausfüllen kann – es wäre zwecklos, beispielsweise eine lokalisierte Version der Website für den Verkauf von Kühlschränken auf Inuktitut, der Sprache der Inuit, anzubieten.
Lokalisieren
Wenn ermittelt wurde, in welchen Ländern Kunden leben, die potenziell an dem jeweiligen Angebot interessiert sind, ist eine Website mit separater Domain für das betreffende Land zu erstellen, die vorzugsweise auf lokalen Servern gehostet wird (nicht bloß Subdomains der Hauptwebsite, zum Beispiel www.mybusiness.fr anstelle von www.mybusiness.com/intl/fr). Dies dient nicht nur der Glaubwürdigkeit am Markt als lokales Unternehmen, sondern auch der günstigeren Positionierung in Suchmaschinenrankings, da Suchmaschinen lokale Websites bei Suchanfragen bevorzugen.
Entscheidender ist es jedoch, dafür zu sorgen, dass Webdesign und Inhalte voll und ganz auf den jewweiligen Markt zugeschnitten sind. Statt also lediglich englischsprachigen Inhalt ins Französische zu übersetzen, ist ein professioneller französischsprachiger Texter und Übersetzer damit zu beauftragen, den Inhalt zu bearbeiten. Dadurch ist sichergestellt, dass Tonfall und Inhalt (genau wie Grammatik und Rechtschreibung) für ein französischsprachiges Publikum geeignet und ansprechend sind.
Das Design der lokalisierten Website sollte im Hinblick auf die Markenbildung einheitlich, aber dennoch flexibel genug sein, um Änderungen zu erlauben – unterschiedliche Kulturen haben auch verschiedene Vorlieben in Bezug auf das Design. Zudem sollte man dahingehend über den kulturellen Tellerrand schauen, auf welches Design die Mitbewerber am jeweiligen Markt setzen. Dadurch bekommt man einen ungefähren Eindruck davon, wie der eigene Webauftritt im jeweiligen Kulturkreis zu optimieren ist.
Ferner ist darauf zu achten, die Navigation der Website möglichst simpel zu halten. Idealerweise verwendet man eine horizontale Navigation, damit ein leichter Wechsel zu Sprachen möglich ist, die von links nach rechts bzw. von rechts nach links geschrieben werden. Zudem bieten sich die Stylesheet-Sprache CSS (die durch die Trennung von Design und Inhalten einen einfachen Wechsel von Inhalten ermöglicht) und Unicode UTF-8 zur Zeichenkodierung (dieser deckt sämtliche Zeichen in mehr als 90 Sprachen ab) an.
SEO
Nicht zuletzt ist es wichtig, die richtigen Keywords zu verwenden, damit die Website ein gewünscht hohes Ranking in den örtlichen Suchmaschinen erzielt. Direkte Übersetzungen mithilfe eines Wörterbuchs sind nur selten die beste Lösung. Ein Muttersprachler im Zielland sollte daher eine Liste potenzieller Keywords erstellen. Anhand dessen recherchiert man anschließend mithilfe eines Keyword Finders, welche die erfolgsversprechendsten sind.
Am Ende sollte für das Produkt eine gute Mischung sowohl der beliebtesten Keywords als auch der spezifischeren Long Tail Keywords vorliegen, nach denen weniger häufig gesucht wird. Damit wäre sichergestellt, dass potenzielle User direkt zur Website gelangen, statt dass sie sich durch die Masse der Konkurrenz kämpfen, die die gleichen Keywords verwendet.
Mit einer Reihe von fremdsprachigen Websites, die für ihr jeweiliges regionales Publikum und im Hinblick auf örtliche Suchmaschinen optimiert sind, gibt es keinen Grund, warum der Erfolg ausbleiben sollte.
Christian Arno ist der Gründer und Geschäftsführer des internationalen Übersetzungs- und Lokalisierungsunternehmens Lingo24. Lingo24 wurde im Jahr 2001 gegründet und beschäftigt rund 4000 professionelle freiberufliche Übersetzer, die zusammen einhundert unterschiedliche Sprachkombinationen abdecken. Folgen Sie Christian Arno auf Twitter: @Lingo24chr.
































