Juli 2008
Mario Klingemann im Interview
Der Pixelflüsterer
CREATE OR DIE: Mario, mal angenommen, dass jemand noch nichts von dir gehört hat: Stell dich doch bitte kurz selbst vor.
Mario: Guten Tag, mein Name ist Mario Klingemann und ich mache schöne Sachen aus Code. Auf meiner Visitenkarte steht "Computational Artisan", was man auf deutsch wohl am ehesten mit "Rechenkunsthandwerker" übersetzen könnte (aber das lassen wir mal lieber). Das Problem ist, dass mir "Künstler" zu affektiert und "Programmierer" zu normal ist, aber irgendwo dazwischen bin ich zu finden. Ich bin einer von den Jungs, die mit Lego, Fischertechnik und einem C64 aufgewachsen sind und irgendwann den Absprung verpasst haben.
CREATE OR DIE: Toronto, Köln, Paris und bald schon wieder Minneapolis – wo nimmst du die Zeit her, all deine Ideen umzusetzen?
Mario: Gute Frage. Denn Ideen zu haben ist ja normalerweise nicht das Problem, sie kommen einem ja ständig und meistens, wenn man nichts zu schreiben dabei hat. Aber was nützen Ideen, wenn man nicht dazu kommt, sie zu realisieren? Denn nur darauf kommt es an. Und zugegebenermaßen ist das viele Reisen nicht wirklich förderlich dabei – mit der Ausnahme von Zugfahrten, die liebe ich, denn da gibt’s kaum (Internet-)Ablenkung und auch sonst nicht viel zu tun. Perfekte Coding-Bedingungen also. Darüberhinaus bin ich relativ rücksichtslos: Wenn eine wirklich gute Idee anklopft, schiebe ich einfach alles andere zur Seite und lege los. Denn ich weiß mittlerweile, dass es für mich nur so funktioniert. Man könnte es auch so sehen, dass ich ein Ideenjunkie bin, und solange es kickt, wird der Rest der Welt zur Nebensache. Glücklicherweise lässt meine Arbeitssituation das zu und Alexandra, meine Freundin, passt außerdem auf, dass ich sozial nicht vollkommen verwahrlose.
CREATE OR DIE: Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt (Zitat von A. Einstein). Was regt deine Phantasie an, was inspiriert dich?
Mario: Ehrlich gesagt, bin ich kein großer Freund des Worts "Phantasie". Ich bin ein extrem rationaler Mensch und "Phantasie" hat für mich so einen schwurbel-esoterischen Beigeschmack – so, als ob Ideen zu haben, eine magische Fähigkeit wäre, die besonders durch wallende Gewänder und Fingerfarben gestärkt wird.
Wenn ich mal schnell google, dann scheint dieses Zitat auch nicht wirklich von Albert Einstein zu sein und im englischen Original "Imagination is more important than knowledge" zu lauten, was man treffender mit "Vorstellungskraft" übersetzen kann. Das klingt schon besser. Vorstellungskraft wiederum ist die Fähigkeit, mit dem Wissen, das man besitzt, spielen zu können, neue Kombinationen zu finden, Muster zu erkennen oder daraus extrapolieren zu können. Das heißt aber auch, dass ohne Wissen alle Vorstellungskraft nichts nützt – das wäre so wie kochen ohne Zutaten. Und je mehr ich weiß, desto mehr kann ich mir auch vorstellen.
Um also die Frage zu beantworten: In gewisser Weise inspiriert mich alles, was ich noch nicht kenne: neues Wissen jeglicher Fasson – seien es Zeitungsartikel, obskure Webseiten, wissenschaftliche Arbeiten, Filme oder Vorträge. Der eigentliche Auslöser für Gedankenblitze sind dann aber häufig konkrete Problemstellungen oder Fragen, die sich in Gesprächen mit Freunden oder Gleichgesinnten ergeben.
CREATE OR DIE: Bildbearbeitung, Patternerstellung, Computer generierte Kunst – da kam a.viary.com doch sicherlich wie gerufen?
Mario: Oh ja! Ein perfekteres Projekt als Aviary, das mich so rundum fordert und gleichzeitig so ideal auf meine Fähigkeiten abgestimmt ist, hätte ich mir kaum wünschen können. Interessanterweise kann man hier hautnah Evolution in Aktion erleben, bei der verschiedene "Ökosysteme" in Symbiose gedeihen. Zum einen ist da die noch relativ junge Spezies der kreativen Coder, die seit einigen Jahren auf der Bildfläche erscheinen – natürlich nicht zuletzt durch Technologien wie Flash oder Processing beflügelt. Zum anderen gibt es da plötzlich die Web-2.0-Welt und ihre Investoren, die quasi der Humus sind, auf dem wir gedeihen können. Kann man nur hoffen, dass uns nicht irgendwann das Wasser abgedreht wird und wir auf dem Dot-Komposthaufen landen.
CREATE OR DIE: Zuletzt hast du in Köln "Peacock" vorgestellt, und die Möglichkeiten dieses Tools erscheinen schier unbegrenzt. Wie ist die allgemeine Resonanz?
Mario: Abgesehen von einigen wenigen, die mit Node-basiertem Arbeiten nichts anfangen können, bekomme ich durchwegs positive oder begeisterte Rückmeldungen und das, obwohl wir die Leute derzeit eher ins kalte Wasser springen lassen – sprich, es gibt noch keine wirkliche Dokumentation und nur wenige Tutorials. Ich bin wirklich beeindruckt, was manche Leute mittlerweile damit bauen, und das gute Feedback motiviert mich natürlich Peacock laufend zu verbessern und mit neuen Fähigkeiten zu versehen.
































