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Januar 2009

Social Prototyping


Fortsetzung, Teil 2

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/artikel/2115)

Prototypen und Teamentwicklung

Einen vielversprechenden Ansatz dazu kann man im Bereich der managementorientierten Innovations- und Designforschung finden. Einige Autoren haben bereits darauf hingewiesen, dass der Einsatz von Modellen und Prototypen unterschiedlicher Art, z. B. Zeichnungen, Wireframes, Storyboards, Serviceerprobungen und Funktionsprototypen, nicht nur den Innovationsprozess, sondern auch den Teamentwicklungsprozess beeinflussen kann. Modelle und Prototypen werden dabei als Abbildungen relevanter Aspekte innovativer Produkt- und Dienstleistungsideen verstanden, die dazu dienen, wichtige Fragen im Innovationsprozess zu beantworten. Dies können ausgereifte Funktionsprototypen sein, die dem finalen Produkt schon stark ähneln, aber auch einfache Zeichnungen, die etwa nur die Formgebung oder eine bestimmte Teilfunktion einer Produktidee visualisieren. Aber auch komplexe Dienstleistungsideen können über Modelle und Prototypen abgebildet werden: Dazu eigenen sich z. B. Prozessdiagramme, Rollenspiele, Kundenszenarien als Videos und selbst haptische Abbildungen wie LEGO©-Modelle, mit denen sich eine Vielzahl von Dienstleistungsideen sehr einfach und elegant abbilden lässt. Welche Art der Abbildung zum Einsatz kommt, hängt davon ab, welche Fragestellung beantwortet werden soll.

Die besondere Beschaffenheit solcher Abbildungen kann dabei nicht nur helfen, wichtige Fragen zu beantworten, sondern auch das kollektiv-orientierte Verhalten der beteiligten Personen beeinflussen, etwa durch die Unterstützung von Kommunikations- und Erkenntnisprozessen. Michael Schrage (1999) weißt in seinem Buch "Serious Play" auf eindrückliche Weise darauf hin:

[…] the influential teamwork paradigm posits that "innovative teams generate innovative prototypes”. The corollary is that an organization has to get the right people working together on the right project to create the right prototypes that can be turned into the right products. […]. Innovation leaders […] observe that, more often than not, the precise opposite is the case: "innovative prototypes generate innovative teams”. The prototype plays a more influential role in creating a team than teams do in creating prototypes.

Schrage bezeichnet Modelle und Prototypen in diesem Zusammenhang als so genannten "Shared Space". Demnach wird die Kommunikation zwischen zwei Mitgliedern eines Innovationsteams maßgeblich durch den Einsatz visueller Abbildungen unterschiedlicher Art, z. B. Zeichnungen, Simulationen, Modelle und Prototypen, positiv beeinflusst. Das typische transaktionale Sender/Empfängermodell für menschliche Kommunikation wird damit um die dritte Instanz eines Shared Space erweitert und unterstützt.

Untersuchung der Leistungsfähigkeit

Inspiriert durch diese Erkenntnisse, ging eine empirische Untersuchung an der Technischen Universität München der Frage nach, inwiefern die Entwicklung und Erprobung von Modellen und Prototypen die Qualität der Teamarbeit bei Gründerteams in Bezug auf ihre spezielle Situation im Gründungsprozess beeinflussen können (Doll 2008). Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen deutlich, wie der Einsatz von Modellen und Prototypen Auswirkung auf die Qualität der Teamarbeit bei Gründerteams hat. Ein Ausschnitt der Ergebnisse wird im Folgenden knapp dargestellt:

  1. Haptisches Erleben im Konstruktionsprozess
    Die Untersuchung zeigt deutlich, dass für eine Vielzahl der untersuchten Teams die Planung und Entwicklung von Prototypen nicht nur ein wichtiger Schritt im technischen Problemlösungsprozess ist. Die entwickelten Prototypen machen darüber hinaus die eigene Teamleistung haptisch erlebbar und haben damit eine emotionale Wirkung auf Teammitglieder. In Abhängigkeit von ihrer Zufriedenheit mit den entwickelten Modellen werden positive Emotionen (z. B. Stolz), aber auch negative Gefühle (z. B. Frustration) erzeugt, die die Kohäsion im Team deutlich steigern, aber auch abschwächen können.
  2. Abgleich mentaler Modelle
    Gründer arbeiten in der Regel an innovativen Geschäftsideen, die oftmals keinen logischen Vorgänger haben. Dadurch entwickeln die Teammitglieder unterschiedliche Vorstellungen (mentale Modelle) in Bezug auf die Geschäftsidee, die die Kommunikation in der Teamarbeit maßgeblich behindern können. Rein verbale Kommunikationsformen sind dabei selten in der Lage, wichtige Details der Geschäftsidee und der Nutzererfahrung auf eine eingängliche Weise zu übermitteln. Die Untersuchung zeigt dabei, dass der Einsatz "expliziter" Modelle den Abgleich unterschiedlicher Vorstellungen bei den Teammitgliedern nachhaltig unterstützen kann. Sie nehmen dabei Unterschiede zwischen ihrem eigenen mentalen Modell und den expliziten Prototypen wahr und reflektieren diese, um das eigene mentale Modell anzupassen. Dieser Abgleich verbessert die Qualität der Kommunikation im Team deutlich.
  3. Abschätzung persönlicher Unsicherheiten
    Die Planung und Entwicklung von Modellen sowie deren Erprobung unter realistischen Marktbedingungen liefern zentrale Erkenntnisse für Gründer, um persönliche Unsicherheiten in Bezug auf die technische Umsetzbarkeit einer Geschäftsidee sowie ihre Durchsetzungsfähigkeit auf dem Markt besser abschätzen zu können. So zeigte die Untersuchung, dass die durch den Einsatz von Prototypen gewonnenen Erkenntnisse von den Gründern als besonders valide und zuverlässig empfunden wurden. Sie sind daher auch eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die Teammitglieder im Gründerteam bleiben.
  4. Reflexion eigener Kompetenzen
    Die Untersuchung zeigt weiter, dass der Einsatz von Prototypen Mitglieder von Gründerteams dabei unterstützt, ihre Leistungsfähigkeit in Hinblick auf ihre technische Problemlösungskompetenz, ihre unternehmerische Kompetenz und die vorhandenen Ressourcen offen und ehrlich zu hinterfragen und zu bewerten. Gründerteams lernen einerseits auf Basis persönlicher Erfahrung ihre eigenen Stärken gegenüber Mitbewerbern kennen, können diese somit gezielt weiterentwickeln. Andererseits ist es für Gründerteams mit den gemachten Erfahrungen auch leichter, ihre eigenen Schwächen und damit letztlich auch ihre Leistungsgrenzen bei der unternehmerischen Durchsetzung ihrer Geschäftsidee kennenzulernen. Diese Erkenntnisse helfen Gründerteams, ihre eigenen Strukturen und Prozesse im Laufe der Zeit anzupassen und damit die Teamleistung zu erhöhen.

Die Ergebnisse der empirischen Studie zeigen deutlich, dass die Entwicklung von Modellen und Prototypen sowie deren Erprobung unter realistischen Marktbedingungen die Qualität der Teamarbeit bei Gründerteams positiv beeinflussen können. Die Prototypentwicklung kann damit als ein gut funktionierendes Instrument verstanden werden, um den besonderen Herausforderungen im Gründungsprozess bei der Entwicklung leistungsfähiger Teamstrukturen und -prozesse Rechnung zu tragen.

Vereinfacht gesprochen: Gründerteams lernen auf eine sehr pragmatische Weise, was sie leisten können und was nicht und entwickeln dabei schrittweise eine Identität für ihr Team. Der beschriebene Einsatz von Modellen und Prototypen im Gründungskontext scheint diesen Prozess nachhaltig herauszufordern und zu stimulieren.

Beispiel des Gründerteams "SnipClip"

In nur wenigen Monaten ist es Studierenden der Technischen Universität München gelungen, durch die Entwicklung und Umsetzung einer innovativen Geschäftsidee das virtuelle Sammeln von Videoszenen aus populären Filmen und TV-Serien zu ermöglichen. Die Inhalte dieser Sammelalben können in Onlinenetzwerken wie Facebook oder MySpace ausgestellt und mit anderen Nutzern getauscht werden. Hierdurch profitieren einerseits Inhalteanbieter von einem geschützten Vertrieb ihrer Inhalte, wie auch andererseits Betreiber von Online-Communities, die eine werbeunabhängige Einnahmequelle etablieren können.

 

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