Januar 2010
Von GUI zu NUI
Fortsetzung, Teil 2
Die nächste Generation des Interfacedesigns
Was ist natürlich: Unmittelbarkeit
Ein zweiter Punkt, der neben dem OSIT-Prinzip die natürliche Nutzung ausmacht, ist die Unmittelbarkeit. Natürlich zu Handeln bedeutet, Dinge möglichst unmittelbar, also direkt, ausführen zu können. So beschäftigten sich die Entwickler des iPhone-Operating-Systems zunächst ausschließlich damit, wie wir auf möglichst natürliche Art und Weise, also über unmittelbare Gesten, Funktionen und Abläufe, erschließen und nutzen. Das Wissen über den natürlichen Umgang mit Objekten wurde in einem Gesten-Styleguide zusammengefasst (am Ende des Artikels), der Designern und Developern als elementares Grundlagenwerk für die Entwicklung von natürlichen Nutzungsoberflächen zur Verfügung stand. Der Styleguide gibt Aufschluss darüber, welche Gesten so natürlich sind, dass sie sofort ohne Erklärung verstanden werden wie beispielsweise "Touch and Go", die zunächst erlernt werden müssen, aber nur eine geringe Lernschwelle aufweisen wie das Drehen des iPhones, um in den Landscape-Modus zu gelangen, und welches Spezialgesten sind, die eines Hinweises bedürfen, bevor wir sie verstehen, wie die Umlaute auf der iPhone-Tatstatur. Kein Wunder, dass der Design- und Entwicklungsstyleguide für das iPhone sehr viel Wert auf das Verhalten von WebApps legt.
Die meisten von uns benutzen für die Interaktion mit dem Computer oder einer Webseite meist immer noch die Maus, die den Cursor steuert. Handeln wir heute also nur mittelbar, können wir uns vorstellen, wie viel schneller eine direkte Manipulation eines Objekts wäre, wenn wir dieses direkt berühren könnten. Wissenschafter wie Ben Shneiderman oder Jens Wandmacher haben herausgefunden, dass die Effizienzsteigerung durch NUI-basierte, also unmittelbar zu bedienende, Benutzungsoberflächen bei bis zu 30 Prozent gegenüber indirekt zu manipulierenden Systemen liegt. Nutzer könnten Aufgaben wesentlich schneller erledigen, als dies heutzutage der Fall ist. Dass die direkte Interaktion neben der Steigerung der Arbeitseffizienz und einer Verbesserung der Usability auch zu einer Zunahme am Nutzungserlebnis führt, beweist bereits der Erfolg des iPhones.
Zudem bedeutet ein synchrones Benutzen von Hand, Stift, Maus und Tastatur, dass der Mensch in Bewegung bleibt und dadurch die Ergonomie positiv beeinflusst wird. Die Unmittelbarkeit des Handelns und das sukzessive Verschwinden der Maus zugunsten von Stift und Finger fordern, diesen neuen Interaktionsformen ein adäquates Design gegenüberzustellen. Der größte Unterschied zur Gestaltung der grafischen Nutzungsoberflächen liegt also darin, dass Designer nicht mehr nur für den Cursor, sondern für eine synchrone maus-, stift- und fingerbasierte Steuerung des Systems gestalten müssen. Konkret bedeutet das, dass sich die Größe der Interaktionselemente nicht am Cursor, sondern am Finger orientieren muss. Interaktive Elemente müssen greifbar erscheinen und taktile Qualitäten vermitteln. Damit der Finger den Blick auf die dazugehörigen Beschriftungen nicht verdeckt, muss der Text darüber und nicht mehr unter oder auf dem Element stehen.
Gestaltungsmerkmale von Natural-User-Interface-Systemen
Sobald Konzepter, Designer und Entwickler die natürlichen Handlungsmodelle kennen, können sie diese für die Gestaltung von NUI-basierten Systemen zugrunde legen. Ein Bereich des Neuen ist also eine stärker an Handlungen als an der Grafik angelehnte Gestaltung. Gestalterisches Denken bewegt sich nicht mehr in Aspekten des Aussehens, sondern dreht sich um Handlungen und Verhalten und reduziert Gestaltung auf das Wesentliche, das Situativ-Relevante.
Natural User Interfaces stellen die nächste Generation im Umgang mit dem Computer, Smartphone oder Web dar. Auch wenn wir uns zurzeit noch in den Anfängen dieser neuen Mensch-Computer-Interface-Dimension befinden, so zeigen diese bereits auf, dass ein Leben ohne Handbücher und ohne klassische Softwareprogramme die Interaktion mit dem Computer wesentlich angenehmer und erlebnisreicher gestalten wird, als sich dies viele von uns heutzutage vorstellen können. Die bessere Usability, eine gesteigerte User Experience sowie ein hoher Grad an Wirkungseffizienz bei der Nutzung deuten darauf hin, was in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird. Die große Herausforderung besteht nun darin, eine medienadäquate Sprache hierfür zu finden und den Mut zu haben, sich von den bekannten Formen zu lösen und eine neue, den Technologien entsprechende Bildsprache zu entwickeln. Konzepter, Designer und Developer sind aufgerufen, gemeinsam daran zu arbeiten, diese neue Welt der Interfaces zu erschließen.
10 Guidelines zur Gestaltung von Natural User Interfaces
1. Natural User Interfaces sollen sich kontextsensitiv und adaptiv verhalten, also den Interessen, Bedürfnissen und Erwartungen eines Nutzers anpassen.
2. Das NUI-Verhalten sollte der natürlichen Gestenwelt der Nutzer entsprechen.
3. Bildschirmobjekte sollen sich zum Nutzer hin ausrichten. Dies ist besonders wichtig bei Multitouch-Tischen.
4. Da NUIs mit dem Finger bedient werden können, sollten Bildschirmelemente keine "spitzen", sondern eher abgerundete Ecken aufweisen.
5. Objekte am Bildschirm sollten zoomfähig sein, sich bei Bedarf also auf einen Nutzer zu bewegen können, ähnlich dem Lightbox-Prinzip.
6. NUI-Objekte sollen sich immer dynamisch öffnen, vergrößern oder zurückziehen, damit der Nutzungskontext für einen Nutzer erhalten bleibt.
7. Denken Sie bei der Gestaltung immer an eine Fläche, auf dem sich Dinge verschieben, skalieren, aufsliden, sortieren oder filtern lassen.
8. NUI-Systeme müssen immer direktes, unmittelbares Feedback (auditiv, taktil oder visuell) geben. Latenzzeiten hierfür sollten unter zwei Sekunden liegen. Ein gutes Beispiel hierfür ist eine Suche, die bei der Eingabe direkt die ersten Ergebnisse anzeigt.
9. Bei Multitouch- und Multiuser-Interfaces empfiehlt sich zudem eine kreisförmige Anordnung der Inhalte, da die Nutzer von allen Seiten sich dem Interface nähern können.
10. Überprüfen sie mittels der wesensspezifischen Merkmale, ob ihr gestaltetes Natural User Interface alle Kriterien berücksichtigt.
Wesensmerkmale von NUI-Interfaces
Dynamisch
Adaptiv
Multimedial
Kooperativ statt nur interaktiv
Situativ-relevant
Kontextsensitiv
Unmittelbar
Multimodal
Wolfgang Henseler ist Managing Creative Director von SENSORY-MINDS, einem Designstudio für Neue Medien und innovative Technologien mit Sitz in Offenbach am Main sowie Professor für Digitale Medien, Usability und elektronisches Kundenbeziehungsmanagement (eCRM) an der Hochschule Pforzheim – Fakultät für Gestaltung.
Danke fürs Veröffentlichen!
Schöne Grüße aus Offenbach
SENSORY-MINDS
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Warum schreibt ihr eigentlich nie irgendwelche Verweise, auf den Urheber der Texte?
Hallo Hans,
machen wir eigentlich immer. Hier haben wir es vergessen und soeben nachgereicht. #zitieren
der titel verweist auf die evolution von gui zu nui. natürlich sind nui´s auch grafischer natur, da der natürlichste sinn des menschen das sehen, und somit die visuelle ausprägung von interfaces darstellt. nui´s bestehen neben dem feel ja auch aus ihrem look. nur wird das verhalten zunehmend wichtiger.
Trepper:
Der Titel ist etwas dämlich, weil die hier vorgestellten "NUIs" auch grafisch sind.
Trepper:
Der Titel ist etwas dämlich, weil die hier vorgestellten "NUIs" auch grafisch sind.
#zitieren
































