Juni 2008
Wissensgesellschaft 2.0 – Mitmachen oder Verlieren
Fortsetzung, Teil 3
The End of the Web as we know it
Diese Sozialisierung bietet aber viele Chancen. Denn bei Web 2.0 geht es auch um das "Aal-Prinzip" ("Andere arbeiten lassen"). Ein Klassiker: Der Siegeszug von Amazon beruht unter anderem auf der Tatsache, dass die durch Kunden verfassten Buchbesprechungen einen enormen Mehrwert gegenüber Mitbewerbern darstellen. Ausgenutzt wird bei diesem und vielen anderen E-Business-Beispielen die so genannte "Schwarmintelligenz".
Marktvorsprung hat, wer das Wissen der Belegschaft, der Kunden und der Partner zu nutzen lernt. Wird dieses Wissen intensiv ausgetauscht, analysiert und angewendet, werden unter anderem Produkte verbessert, Markttests verkürzt, Streuverluste bei Werbung und Kommunikation verringert, Motivation erhöht und neue Ideen kreiert. Klassische Web 2.0-Unternehmen wie Threadless gehen soweit, dass sie die bestehenden und potenziellen Kunden in den Produktionsprozess einbeziehen. Konkret: Erst wenn ein T-Shirt-Motiv genügend User-Resonanz erzielt, geht es in die Produktion. "Social Commerce" in Reinkultur.
"Social" ist denn auch ein Web 2.0-Schlüsselbegriff. User vernetzen sich in "Social Networks", publizieren "Social Bookmarks" und generieren Inhalte dank "Social Software". Jede Interaktion, jeder neue Eintrag, jeder neue Inhalt stärkt die Netzwerke oder Communitys. David J. Krieger, Co-Leiter des Instituts für Kommunikationsforschung (IKF) in Luzern verdeutlicht: "Über diese Verbindungen unter Menschen mit gleichgelagerten Interessen entstehen neuartige Communities, die selber wie Netzwerke organisiert sind.
Wissen und Information sammeln sich um 'Hubs' und organisieren sich durch Links zwischen den Akteuren." Die Communitys seien selbstorganisierende Netzwerke und Basis für einen funktionierenden Wissensaustausch und informelles Lernen. Kriegers Aussage wird von Tim O'Reilly gestützt. In seinem berühmten Artikel "What Is Web 2.0?" hat er neben anderen Punkten als Kernkompetenzen von Unternehmen die Nutzung kollektiver Intelligenz und Errechen des "Long Tails" mittels Bildung von Communitys festgehalten.
Web 2.0-Avantgarde: Mit gutem Beispiel vorangehen
Wenig Berührungsangst vor dem Web 2.0 als Mittel der Unternehmensmaximierung, haben unter anderem Finanzunternehmen. Die Bank Dresdner Kleinwort setzt seit einigen Jahren schon Wikis und Weblogs ein. Während Wikis laut Watersonline.com vor allem von der IT-, Compliance- und der Trading-Abteilung genutzt werden, tauschen sich Analysten, Händler und ausgesuchte Kunden auf über 120 verschiedenen Intranet-Weblogs aus. Selbstredend, dass mit jedem Beitrag und jedem Kommentar wertvolles Wissensmanagement betrieben wird.
Dem genannten Beispiel werden weitere folgen, ist Andréa Belliger überzeugt: "Web 2.0 verändert Arbeitsprozesse, Unternehmensstrukturen und Kommunikationsverhalten." Warum gibt sich die Kommunikationsforscherin so sicher? Warum schreiben so viele Bankangestellte in Wikis oder Weblogs? Warum bestehen die Hemmungen bei der Preisgabe von persönlichem Wissen nicht mehr? Im Grunde genommen, ist es eine Frage der Motivation und des gesellschaftlichen Wandels.
Als Beispiel sei die relativ simple Web 2.0-Anwendung "Social Bookmarking" genannt: Hunderte, wenn nicht Tausende Favoriten oder Bookmarks waren bisher in den Browsern der Angestellten gespeichert. Darunter immer auch solche, die genau den Informationsbedürfnissen einer Kollegin oder eines Kollegen entsprochen hätten – wenn denn danach gefragt worden wäre.
Dank Web 2.0 ist das nun anders: Favoriten lassen sich einfach speichern, mit Stichwörtern ("Tags") etikettieren und für bestimmte Zielgruppen frei geben. Wenn nur ein Bruchteil der Belegschaft mitmacht, entsteht mit der Zeit ein Universum an qualifizierten, etikettierten Bookmarks – und damit klarer Mehrwert für das Unternehmen durch Förderung und Nutzung kollektiver Intelligenz.
Beim genannten Beispiel müssen die Mitwirkenden noch nicht einmal Texte verfassen. Dank Tools wie Weblogs oder Wikis ist aber auch das kein Hinderungsgrund für erfolgreiches Aggregieren von Informationen mehr. Insbesondere Weblogs, vor zwei Jahrzehnten schon als Instrument zum Hinweis auf interessante Presseartikel erfunden, haben eine richtiggehende Schreibmanie ausgelöst. Im Unternehmen können Blogs verschiedenen Zielen dienen. Weblogs für die externe Kommunikation bieten Mehrwert in den Bereichen Suchmaschinen-Marketing, Image und Branding, Produktinformation, Krisenkommunikation und Kundenbindung.
Belebende Wirkungen zeigen Weblogs im Bereich der internen Kommunikation. Dank attraktiver Aufmachung sowie Interaktionsmöglichkeit mittels Kommentarfunktion werden hierarchieübergreifende Diskussionen, Motivation und Innovationsprozesse gefördert. Im Gegensatz zu Foren oder auch zu Wikis bleibt bei Weblogs die publizistische Hierarchie unangetastet. Es gibt klar festgelegte Autoren, die sich in Layout und Gewichtung von den Lesern respektive den Kommentatoren abgrenzen. Der Wissenstransfer ist einfach im Handling und vor allem verschwinden die Informationen nicht in diversen E-Mail-Boxen. Sie sind vielmehr zentral in den Weblogs festgehalten und damit auch gleich archiviert.
Ähnlich verhält es sich mit Projekt-Weblogs. Statt an alle relevanten Personen per E-Mail Informationen zu senden, lesen die Berechtigten die Unterlagen im spezifischen Projekt-Weblog und schreiben ihre Kommentare direkt zu den Beiträgen. Auch nach Abschluss des Projekts können die gesammelten Informationen mittels integrierter Suchfunktion abgefragt werden. Weblogs bieten eine breite Palette an Einsatzmöglichkeiten. Echter Mehrwert entsteht aber nur, wenn sie mit den Marketingstrategien der Unternehmen korrespondieren, die Verantwortlichen für den Inhalt die entsprechende Fähigkeiten mitbringen und die Integration technisch optimiert ist.
Gleich verhält es sich mit Wikis. Die thematisch strukturierte und stark vernetzte Darstellung von Informationen ist äußerst effizient. Im Gegensatz zu Weblogs müssen sich die Mitarbeitenden für die inhaltliche Bearbeitung aber mit der spezifischen Syntax vertraut machen. Bei der Lancierung von Wikis ist außerdem zu beachten, dass die Struktur sorgfältig geplant wird. Wenn nicht, wird die Navigation innerhalb des Wikis zu umständlich. Gut gemachte Wikis sind aber hervorragende und extrem preiswerte Wissensmanagement-Instrumente.

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