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8. November 2011

Digital ist besser

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/buchtipps/000892)

Warum das Abendland auch durch das Internet nicht untergehen wird

  • Autor/in: Kai-Hinrich Renner & Tim Renner
  • Verlag: Campus Verlag
  • Seiten: 246
  • erschienen: 7. März 2011
  • Preis: 22 Euro
  • ISBN: 978-3-593-39208-0
8/10 Punkte

Umbrüche – ganz gleich welcher Art – führen häufig zu Kritik, Verunsicherung und Ängsten. Die seit Jahren fortschreitende Digitalisierung fast aller Lebensbereiche, die wachsende Bedeutung des Internets und die damit verbundene Gefahr für bis heute bestehende und vorherrschende Informationsmedien und Deutungshoheiten bedeuten einen solchen Umbruch von hohem Ausmaße. Dass diese Entwicklung in das digitale Zeitalter Chancen beinhaltet und kein Teufelswerk darstellt, dass sie erklärbar ist und nicht gefürchtet werden muss, zeigen die Autoren Kai-Hinrich Renner und Tim Renner. Ihr Buch „Digital ist besser“ ist ein unmissverständliches Bekenntnis zur digitalen Zukunft und kontert die Argumente der Kritiker locker aus.

Das nach dem im Jahr 1995 erschienenen Debütalbum der Hamburger-Schule-Band Tocotronic provokant benannte Buch widmet sich in drei Teilen der Entstehung und den Chancen des digitalen Zeitalters. Die Brüder Renner nutzen dazu ihre vielfachen Kenntnisse über den Medienmarkt und die einzelnen Mediengattungen. Der zwei Jahre ältere Kai-Hinrich Renner ist Medienjournalist und als Autor für das Hamburger Abendblatt tätig. Tim Renner ist Unternehmer, Professor an der Popakademie Baden-Württemberg und war zu Beginn des Jahrtausends Vorstandsvorsitzender der Universal Music Group in Deutschland. Geballte Medienkenntnis ist demnach sicher. 

Im ersten Teil „Evolution“ schildern die Autoren den Abschied aus dem analogen Zeitalter und den zu Beginn schleichenden Eintritt in die digitalisierte Welt. Den Autoren gelingt dies durch die Erzählung autobiografischer Erlebnisse, angefangen in deren Kindheit und Jugend. Der erste Kassettenrekorder bot erstmals die (für alle Haushalte finanzierbare) Möglichkeit, eigene Playlists zusammenzustellen oder Lieder mit eigenen Ansagen einzuleiten. Musikpiraterie ist also nicht neu, früher war es nur umständlicher und langwieriger. Die aus der Punkbewegung stammenden Fanzines sind ein anderes Beispiel. Sie stellten kleine Zeitungen dar, die auf die eigenen Bedürfnissen ausgerichtet waren und die Möglichkeit boten, den Massenmedien, denen nicht mehr geglaubt wurde, auszuweichen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Beide Beispiele – und die Autoren liefern eine Vielzahl mehr in den ersten vierzehn Kapiteln des Buches – sind ein Beleg dafür, dass das, was heute illegale Downloads oder Blogs sind, früher schon existierte, wenn auch in ganz anderer Form. Fest steht, dass die Entwicklung vom Konsumenten zum Produzenten nicht erst durch das Internet einsetzte, sondern bereits viel früher. Das Web forcierte nur die Geschwindigkeit in bis dato unvorstellbarer Weise und erleichterte die Usability und den Austausch enorm.

Die Autoren stammen aus einer Generation, die durch die Popkultur sozialisiert wurde und diese gelebt hat. Sie nutzen den Begriff und deren Zeitgeist, um die fortschreitende Digitalisierung zu erklären und ihr das unterstellte Bedrohungsszenario zu nehmen. Die Popkultur lebt und entwickelt sich weiter – heute im Netz und digital. 

In dem mit „Revolution“ betitelten zweiten Teil des Buches widmen sich die Brüder Renner den Folgen für den Handel und für die Qualität sowie der „neue Generation“ der Konsumenten/Produzenten/Prosumer und den Nutzern. Sie lassen dabei kaum ein Thema aus und veranschaulichen sowohl den Umgang mit Medien und Daten seitens der Nutzer, User und Konsumenten als auch die zum Teil schleppende Reaktion und Anpassung der „alten“ Handels- und Vertriebswege sowie des konservativen Bildungsbürgertums, das ein Bedrohungsszenario elementarer Werte ausmacht und dabei die positiven Errungenschaften außen vor lässt. Wichtig ist dem Autorenduo auch die Feststellung, dass die Qualität durch neue Medienformen nicht leidet, sondern ebenso vorhanden ist wie zu früheren Zeiten. Wenn ein Blog auf ein bestimmtes Thema spezialisiert ist, muss er ja schließlich nicht automatisch von schlechterer Qualität sein wie sein „analoges“, gedrucktes Pardon, das monatlich oder vierteljährlich „ordentlich gedruckt“ erscheint. Der Verlags- und Printbranche ganz allgemein bescheinigen die Renners sowieso einen zu langsamen Umgang mit dem seit Jahren fortschreitenden Wandel. Überspitzt formulieren Sie dies in dem Satz: „Das Buch ist längst schon nicht mehr zeitgemäß, es ist aber der letzte große Fetisch des Bildungsbürgertums“. (Seite 105) 

User in sozialen Netzwerken, vielbeachtete Blogger oder Akteure wie Wikileaks greifen laut den Autoren das Herrschaftswissen an, was den Medien mit Deutungshoheit und auch den daran interessierten Konsumenten natürlich nicht sonderlich gefällt und was sie in ihrer Position bedroht. 

Im dritten Teil von „Digital ist besser“ widmen sich Kai-Hinrich und Tim Renner der Zukunft und machen sich stark dafür, dass das Netz als Grundversorgung gilt, dass Deutungshoheiten nicht mehr gelten und sie setzen sich mit einer vorangegangenen Publikation des kulturkonservativen Bildungsbürgers und FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher (Frank Schirrmacher: Payback. Karl Blessing Verlag 2009) auseinander, in der „die digitale[n] Medien wahlweise als den Menschen verdummende oder überfordernde Technik“ gebrandmarkt werden. (S. 227) 

Abschließend sind die Renners der Meinung, dass sich am Ende Qualität und Service durchsetzen werden. Sind beide Aspekte digitalisiert gegeben, werden sich folgende Entwicklungen nachhaltig durchsetzen: Blogs werden vermehrt Qualitätsjournalismus bieten, Massenmedien und Politiker werden entsprechend an Deutungshoheit verlieren, die Instanz der Nutzer wird gerstärkt werden und die Verwandlung der Konsumenten zu Produzenten wird fortschreiten. 

„Digital ist besser“ ist ein gelungenes Buch über die Digitalisierung aller Lebensbereiche. Es räumt mit Missverständnissen, Vorurteilen und Ängsten auf und beleuchtet die sich bietenden Chancen dieses Umbruchs. Der hohe Unterhaltungswert entsteht zum einen durch die persönliche Erzählweise, die gewählt wurde, und zum anderen durch die manchmal provokanten Schlussfolgerungen, die dazu anregen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen bzw. die positiven, aber auch die negativen Aspekte der Entwicklung zu hinterfragen und zu diskutieren. Alles in allem ein lesenswertes Buch für jeden, aber insbesondere für diejenigen, die häufig mit Skeptikern der „neuen Welt“ konfrontiert werden.

Bastian Krampen

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