Juli 2008
Mario Klingemann im Interview
Fortsetzung, Teil 2
Der Pixelflüsterer
CREATE OR DIE: Pixel Bender, Werkzeug mit Potenzial?
Mario: Für mich als 2D-Pixelfetischisten ist Pixel Bender natürlich die perfekte Spielwiese und gerade die Aviary Tools werden mit Sicherheit performancetechnisch davon profitieren. Die Technologie selbst hat bei mir jetzt aber nicht unbedingt einen massiven Kreativschub ausgelöst, da es ja letztendlich auch nur wieder um Pixel und Bitmaps geht, die sich bei mir ja ohnehin schon die Klinke in die Hand geben. Das heißt, Business as usual, aber ein bisschen schneller als zuvor. Ich finde es natürlich fein, wenn sich jetzt noch mehr Leute mit dem Thema befassen und bin sehr gespannt, was wir in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.
CREATE OR DIE: "Generative Art" mit Flash. Gerade von Eric Natzke und Joshua Davis gibt es auf diesem Gebiet vorzüglichen Output. Wie stark fließt "Generative Art" als Aspekt in deine Projekte mit ein?
Mario: Es ist schön, dass sich der Begriff "Generative Art" als Genre immer mehr etabliert, denn endlich kann man seiner Mutter erzählen, was man eigentlich macht. Zur Kunst habe ich ein eher gespaltenes Verhältnis – was vor ein paar Jahren noch reine Experimente waren oder Programmierbeispiele in einem "Graphik auf dem Amiga"-Buch, wird heute an Ausstellungswände projiziert. Da bleibt die Frage, ob die Autoren damals ihr Potenzial unterschätzt haben bzw. nicht die richtigen Freunde hatten oder ob die Messlatte heute einfach niedriger hängt. Andererseits finden wir im Bereich der generativen Kunst einzelne Werke, mit denen ein "klassischer" Künstler früher ein ganzes Lebenswerk begründen konnte.
Was meine kommerzielle Arbeit betrifft, kann ich nur vollen Herzens Joshua Davis zustimmen, wenn er sagt "The type of work that you present is the type of work you'll get hired to do". Insofern ist Generative Art (oder kreativer Code) immer mit von der Partie. Alles andere wäre ja auch langweilig.
CREATE OR DIE: In letzter Zeit wird die Verwendung von Flash immer vielseitiger. Unter all den gegeben Facetten, sprich, dynamischer Sounderstellung, ausgereifte 3D-Engines, Online Image Processing – wo geht die Reise hin?
Mario: In den nächsten Monaten werden die Early Adopters erst einmal in die Vollen gehen und uns mit Technikdemos bombardieren – also 3D, Pixeleffekte und Sound, bis der Arzt kommt. Wenn dann die erste Euphorie vorbei ist und wir uns ausgetobt haben, können wir dazu übergehen, die subtilen Feinheiten zu genießen, die uns die neuen Techniken ermöglichen. Das heißt, zum einen werden wir noch stylischere Hyperreal-Lichteffekt-Softshadow-Hightechwelten und zum anderen noch haptischere echt-organisch-schmutzig-sieht-aus-wie-selbstgemacht-Looks bekommen.
Letzten Endes ist es ja eine Binsenweisheit, dass die Technik immer nur Mittel zum Zweck sein kann und nie die Hauptrolle spielen sollte. Also: Jetzt wird’s erst ein bisschen wehtun, aber dann wird es schön.
CREATE OR DIE: Gibt es für dich bei all den gegebenen Anwendungen ein Highlight?
Mario: Schwer zu sagen, da ist so viel Interessantes dabei. Ich werde mich wohl zunächst intensiv mit Pixel Bender und der neuen Graphics-API beschäftigen, dann sehen wir weiter.
CREATE OR DIE: Mario Klingemann unplugged ndash; ohne Rechner würdest du wahrscheinlich etwas tun?
Mario: Du meinst also in ca. 10-15 Jahren, wenn das Öl mindestens 10-mal so teuer ist wie heute und sich unser aller Leben grundlegend verändert hat? Bis dahin habe ich hoffentlich die finanziellen Mittel, um mich mit einigen Freunden zu einer autarken Gemeinschaft in irgendeiner abgelegenen Ecke der Welt zusammenzutun. Und dann werde ich einfach alles tun, was so anfällt: Fahrräder reparieren, die Wasserpumpe warten, Brot backen, Käse machen, die Flinten in Schuss halten, Vögel beobachten und natürlich weiter Ideen haben und Probleme lösen.
Das Interview mit Mario Klingemann führte Frank Reitberger (www.prinzipiell.com)

























