24. Februar 2010
Mobile Marketing mit Dieter Bohlen als Testimonial war einmal
Mobile Marketing ist auf dem absteigenden Ast, meint Guido Orthaus, Verkaufsleiter mobileview. Im Mobile Commerce sieht er hingegen enormes Potenzial, vor allem in enger Verzahnung mit analogen Medien und stationärer Website.
CREATE OR DIE: Alle reden seit drei Jahren von mCommerce und Mobile Marketing und es tut sich nicht besonders viel. Stehen wir jetzt endlich an der Schwelle zum Durchbruch?
Guido Orthaus: Meiner Ansicht nach ist das Thema Mobile Marketing (Müllermilch-Werbung auf dem Handy mit dem Testimonial Dieter Bohlen) vorbei. Wenn, dann sprechen wir über Mobiles CRM. Das iPhone und die Apps werden dazu führen, dass sich der mCommerce entwickeln wird. Bremsfaktor sind dabei aber die gängigen Zahlsysteme, ob nun 70 Prozent Ausschüttung wie bei Apple oder 75 bis 78 Prozent Ausschüttung wie bei den deutschen Netzbetreibern: Damit lassen sich noch keine Waren verkaufen. Erst wenn ähnlich der Kreditkarte 95 bis 98 Prozent ausgeschüttet werden. mCommerce findet heute auf Parkplätzen oder im öffentlichen Nahverkehr – handyticket.de – oder zur Freischaltung von Onlineinhalten statt, nicht aber im Konsumgüterbereich.
Aktuelle mCommerce-Lösungen heute sind Workarounds. Das Angebot erfolgt über eine App, die Hotline wird angerufen und die Zahlung erfolgt über Kreditkarte oder Lastschrift. Das wird nicht von der Masse praktiziert und ist nicht convenient.
Wer heute im Onlineshopbereich erfolgreich ist, kann dann seine Wertschöpfungskette um das mobile Endgerät erweitern, neue Kunden erreichen und seine Bestandskunden mit einem "Always-On-Rückkanal" besser bedienen. Und dann sind wir auch beim Begriff Mobile CRM. Bin ich mit einer App oder auch einem SMS-Dienst durch den Kunden gebucht, kann ich ihn jederzeit erreichen. Verbinde ich das mit einem Mehrwert (z. B.: heute 50 Prozent Rabatt auf Internetseite XY), dann bringe ich den Kunden, der sich für meine Ware interessiert, dazu, vermehrt zu kaufen. Aber auch Fragen- und Beschwerdemanagement lässt sich im Rahmen des mobilen CRM hervorragend abarbeiten und zeitaktuell nutzen.
CREATE OR DIE: Würden Sie die Zukunftsaussichten für mCommerce und Mobile Marketing unterschiedlich bewerten?
Guido Orthaus: Ja, definitiv. Mobile Marketing ist auf dem absteigenden Ast. Ausgenommen vielleicht Werbebanner in Apps, aber auch die werden nicht zu den prognostizierten Umsatzzahlen führen. Oder warum wird die meistgelesene Zeitung mobil, die BILD-App, nun kostenpflichtig? Hat also im WAP-Portal die Bannerwerbung zu Refinanzierung nicht gereicht, oder? Und das trotz hunderttausender täglicher Zugriffe.
MCommerce wird ein interessanter Bereich sein und hat, wenn es einfache Zahlungssysteme mit hohen Ausschüttungen über alle Endgeräte gibt, ein riesiges Potenzial.
CREATE OR DIE: Sprechen wir derzeit nur vom iPhone? Blackberry behauptet, sie hätten dieses Jahr mehr Endgeräte verkauft.
Guido Orthaus: Das iPhone ist mit der Besetzung der gesamten Wertschöpfungskette und mit dem besten Konzept das Maß der Dinge und wird es auch noch die nächsten Monate bleiben. Punkt 1 auf der Wunschliste zu Weihnachten in Deutschland war das iPhone, nicht der Blackberry. Während die Zielgruppe iPhone in jungen Jahren bis Anfang 30 zu suchen ist, und dann ab 45 wieder drastisch zunimmt, sind die berufspflichtigen Blackbery-Besitzer in den Jahrgängen 30 bis 45 zu suchen. Der Blackberry ist noch heute die lange Leine des Chefs.
Das iPhone ist sichtbar, trendy, das Konzept mit den Apps benutzerfreundlich und perfekt (90 000 Apps aktuell und über drei Milliarden Downloads). Wir haben inklusive des iPod touch um die vier Millionen Geräte in Deutschland online, das heißt fünf Prozent der Deutschen sind heute schon Apple-User, Anfang 2010 geht man von fünf Millionen aus.
CREATE OR DIE: Ist die rigide App-Store-Politik von Apple auf die Dauer ein Hemmschuh? Das lässt doch viel Raum für Android und Google.
Guido Orthaus: Wenn man ehrlich ist: bis auf Sex bekomme ich doch alles auf dem iPhone als App. Und will ich Sex auf dem iPhone, gehe ich über den Safari-Browser z. B. auf Seiten wie www.ipinkvisual.com. In bester Qualität für kleine Bildschirme aufbereiteter Content, und das noch kostenlos.
Android und Google können Teilbereiche der Wertschöpfungskette besetzen, werden sicherlich im Zeitablauf folgen und ebenfalls erfolgreich sein, aber der eine baut keine Handys, der andere hat keine große Vermarktungskompetenz. Das Gesamtkonzept von Apple ist perfekt und nicht in der Größenordnung wiederholbar. Auch Netzbetreiber bekommen langsam mit, dass sie nur noch die Autobahn für den Datenverkehr liefern. Tankstellen, Mautgebühren und Autos werden von anderen gestellt, gebaut, betrieben und geliefert. Ein Versuch wie Betavine von Vodafone (App- und Social-Plattform) wird nicht funktionieren.
CREATE OR DIE: Welche Rolle spielt das Thema LiveShopping im Bereich mCommerce?
Guido Orthaus: Liveshopping und Spontankauf ist das Thema schlechthin für mCommerce. Ich bin begeisterter Nutzer der eBay-App und habe so manche Auktion beim Kundenbesuch oder Samstagsabends auf einer Party erfolgreich abgeschlossen, was mir ohne App nicht möglich gewesen wäre. Das ist Liveshopping par excellence.
Wir hatten ja den Q-des-Tages-Shop für Quelle noch online gebracht, hier waren alle Voraussetzungen für den Erfolg, mobil etwas zu verkaufen, gegeben:
- Ein Artikel, der nur heute, also zeitlich begrenzt, angeboten wird.
- Ein Artikel, der zu absolut attraktiven Konditionen angeboten wird.
- Ein Artikel, der nur begrenzt verfügbar ist und im Laufe des Tages ausverkauft sein könnte.
- Konvenienz: Eine Bestellung mit einem Klick (Anruf beim Callcenter von Quelle aus der App)
CREATE OR DIE: Wie sieht eine gut gemachte mCommerce-Anwendung aus?
Guido Orthaus: Wir haben in den letzten Monaten viele Diskussionen mit potenziellen Kunden geführt, was in eine App hineingehört. Der ganze Katalog auf das Handy – bei Quelle waren alle 800 000 Artikel im täglichen Upload im Gespräch – oder nur ein ausgesuchtes Angebot. Nein, das Nutzerverhalten ist ein anderes auf dem kleinen Bildschirm als im stationären Internet und in den Shops. Schon bei Anmeldung oder Einrichtung der App muss der Kunde einfach anklicken, was ihn direkt aus einem Warensortiment interessiert, damit er nicht mit Informationen überfrachtet wird.
Zum anderen sollten Shops ihre Artikel mobil nach der 80/20-Regelung anbieten, also nur ein Fünftel des gesamten Warensortiments, da normalerweise: 80 Prozent Umsatz mit 20 Prozent der Ware gemacht wird. Neben diesem muss eine App – gerade auch für einen Onlineshop – für den Anwender einen Mehrwert bieten, damit sie nicht heruntergeladen und nach zwei Tagen wieder gelöscht wird. Dazu gibt es zwei Varianten:
- Mehrwert in Form eines Hilfsmittels bezogen auf das eigentliche mCommerce-Angebot. Beispiel: Der Hagebaumarkt entwickelt eine mobile Shop-App. Hilfsmittel wie Wasserwaage, Bestelllisten für den Einzelhandel usw. werden integriert und bilden den eigentlichen Mehrwert.
- Mehrwert in Form von Unterhaltung und Entertainment. Ein gutes Spiel wird mit mCommerce-App ausgeliefert, bei Apps von Modefirmen gibt es zum Beispiel aktuelle Trends und Videos von den Modeschauen dieser Welt dazu.
CREATE OR DIE: Verhalten sich mCommerce-Kunden anders als PC-Kunden oder Instore-Kunden?
Guido Orthaus: Die Daten müssen mobile komprimierter zur Verfügung gestellt und natürlich auf das spezielle Interesse des Kunden abgestimmt werden. Man sollte aber auch nicht vergessen – und das ist ein Riesenvorteil von Mobile – dass man den Kunden wesentlich effektiver ansprechen kann als per E-Mail im stationären Internet. Auch mit SMS.
Wir glauben auch, dass das mobile Endgerät dazu genutzt wird, sich mal eben schnell und zügig schlau zu machen, wenn man etwas Bestimmtes sucht und nur wenig Zeit hat. Wenn ich es finde, werde ich es voraussichtlich nicht sofort über das mobile Endgerät kaufen, aber wenn ich abends, am Wochenende zu Hause Zeit habe, werde ich es dann nach meiner getätigten Vorauswahl über das stationäre Internet bestellen. Dann war mobile hier die Verkaufsvorbereitung und wird auch als mConmmerce aus unserer Sicht gesehen.
CREATE OR DIE: Hat jedes Unternehmen mCommerce-Potenzial?
Guido Orthaus: Eigentlich ja. Beim Friseur wird es vielleicht schwierig. Bei mittelständischen Einzelhändlern machen Apps sicherlich keinen so großen Sinn, aber beispielweise für Firmen wie ATU, Reifen Helm usw. mit Filialsystemen ist das schon sinnvoll. Terminabstimmung und Erinnerung für Winterreifen/Sommerreifen.
Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist von immer mehr und mehr Informationen. Habe ich da ein Handy und Apps, die es mir ermöglichen, die für mich wichtigen Informationen zu kanalisieren und zu bündeln, dann nutze ich auch die mCommerce-Apps. Das kann im Fashionbereich sein, für nützliche Dinge, die ich nur selten im Jahr brauche oder Informationen darüber, was es aktuell Neues im Elektroniksektor gibt.
Am meisten Potenzial haben aber nach wie vor die Firmen, die heute schon im stationären Internet erfolgreich Onlineshops betreiben. Neue Firmen erhalten durch das Thema Mobile eine weitere Chance zu neuen Umsatzpotenzialen, die sie im stationären Internet nicht wirklich nutzen konnten.
Ich würde schätzen, dass jedes größere Unternehmen ein mCommerce-Potenzial hat. Was bisher auch noch nicht betrachtet wurde, ist die emotionale Komponente des Handys, die Kaufentscheidungen mehr beeinflussen kann als das stationäre Internet.
CREATE OR DIE: In welcher Größenordnung liegt der finanzielle Erstaufwand für eine durchschnittliche App?
Guido Orthaus: Aus der Erfahrung heraus und daher, dass ich für die Angebote in unserem Hause zuständig bin, würde ich sagen zwischen 5 000 bis 120 000 Euro. Der Durchschnitt ist anzusetzen mit 25 000 bis 35 000 Euro. Dann sind aber auch schon die Serverkomponente, die App Push Notification usw. integrierte Bestandteile.
CREATE OR DIE: Was bringt Sie zu der Auffassung, die User wollten verstärkt mit dem Handy bezahlen?
Guido Orthaus: Mein eigenes Nutzerverhalten und weil es so schön einfach und unkompliziert ist. Wir als mobileview bewegen schon weltweit über 15 Millionen Premium-SMS-Transaktionen pro Jahr über unsere Kunden. Also scheint es ja dafür auch zukünftig einen größeren Markt zu geben. Bei einer App mit Bezahlfunktion brauche ich dann auch keine Premium-SMS mehr.
CREATE OR DIE: Herr Orthaus, vielen Dank für dieses Gespräch.
Das Interview führte Frank Puscher































