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Interviews

3. November 2009

Vom GUI zum NUI – Lustgewinn durch natürliches Benutzer Interface

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/news/052208)

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Professor Wolfgang Henseler verspricht sich Effizienzsteigerungen und bessere Usability durch den Einsatz von Touch-Interfaces. Gefordert ist allerdings eine neue Annäherung an die Idee des nutzerzentrierten Designs.

CREATE OR DIE: Herr Henseler, was hat Sie dazu veranlasst, eine Firma mit dem Fokus auf neue Interfaces zu gründen?
Wolfgang Henseler: Wir sehen derzeit, dass sich völlig neue Entwicklungen abzeichnen. Multitouch Computing und Natural User Interfaces sind im Kommen. Sie befinden sich noch am Anfang der Entwicklung, werden aber den Softwaremarkt nachhaltig verändern, auch in Sachen Arbeitseffizienz.

Professor Wolfgang Henseler von Sensory Minds
Professor Wolfgang Henseler von Sensory Minds

CREATE OR DIE: Im Moment sieht man doch nur spielerische Ansätze von Multitouch auf dem Markt. Haben Sie reelle Aufträge oder forschen Sie derzeit, alimentiert durch Venture Capital?
Wolfgang Henseler: Venture Capital haben wir nicht aufgenommen, sondern wir sind direkt mit Multitouch-Projekten gestartet. Wir arbeiten entweder mit dem Microsoft-Surface-Tisch oder mit selbst entwickelten Tischen. Auftraggeber ist zum Beispiel die Lufthansa oder Mercedes. Am Nürburgring haben wir im Sommer die größte Multitouch-Wand der Welt aufgestellt.
Der Markt ist noch klein und überschaubar, aber es gibt ein paar Agenturen, die sich damit beschäftigen. Das Potenzial ist da. Beim Projekt Lufthansa Jettainer haben wir enorme Steigerungen der Arbeitseffizienz erreicht. Wir nutzen die Technologie nicht nur für Joy of Use, sondern auch für Ease of Use.

CREATE OR DIE: Wodurch sollte der Effizienzgewinn entstehen? Man kann doch nur bunte Bildchen hin- und herschieben.
Wolfgang Henseler: Da gebe ich Ihnen recht. Es sind wenig seriöse Businessanwendungen verfügbar. Auch auf Microsoft Surface sind 85 Prozent der Anwendungen Spiele. Aber das wird kommen. Für die Bild-Zeitung haben wir zum Beispiel ein Interface für deren immer wieder stattfindende Bildkonferenz erzeugt. Da kann man den Effizienzgewinn sehr gut sehen. Die Natural User Interfaces werden ungefähr den gleichen Effizienzgewinn auf die grafischen Oberflächen draufpacken, wie diese es damals bei den Kommandozeileninterfaces geschafft haben. Die Arbeit mit dem Interface wird einfach schneller. Sie würden auch keinen Mauszeiger benutzen, um eine Tür zu öffnen.
In der Kombination mit dynamischer Datenvisualisierung kann Multitouch zum Beispiel im militärischen Einsatz interessant sein. Aus dieser Richtung kommen viele Anfragen.

Für Mercedes produzierte Sensory Minds einen Multitouch-Tisch für die Verkaufsräume
Für Mercedes produzierte Sensory Minds einen Multitouch-Tisch für die Verkaufsräume

CREATE OR DIE: Haben Sie schon einen militärischen Auftrag?
Wolfgang Henseler: Wir haben bereits einen Auftrag fürs Landeskriminalamt realisiert und sprechen derzeit mit der Bundeswehr. Aber naturgemäß sind das Projekte, über die man sich nicht öffentlich äußert.

CREATE OR DIE: Sie sprechen bereits zum zweiten Mal vom Natural User Interface. Hat das iPhone eines?
Wolfgang Henseler: Das iPhone ist ein sehr gutes Beispiel, bei dem man die Natürlichkeit in der Bedienung sieht. Das erkennt man wunderbar daran, dass das iPhone ohne Handbuch ausgeliefert wird. Das ist ein sicheres Indiz dafür, dass das Benutzerinterface intuitiver gestaltet wurde. Das führt übrigens dazu, dass die Bedienung auch lustvoller wird.

CREATE OR DIE: Lustvoll ist nachvollziehbar, aber was macht ein NUI aus?
Wolfgang Henseler: NUI bedeutet direkte Interaktion mit einem Objekt. Sie klicken also direkt auf ein Symbol, egal ob mit dem Finger oder Stift. Beim klassischen GUI bewegen Sie eine Maus, die einen Mauszeiger steuert und bedienen die Software indirekt.
Ein weiteres Merkmal ist, das diese Interfaces den Kontext nicht verlieren. Wenn Sie an Webseiten denken, dann springen Sie von Seite zu Seite und müssen sich jedes Mal neu orientieren. Bei einem NUI-Webinterface kommen die Informationen zum Nutzer. Sie zentrieren sich und kommen auf ihn zu. Der Kontext bleibt erhalten.

CREATE OR DIE: Braucht man also 3 D bei NUI-Webdesign?
Wolfgang Henseler: Ja. Es gibt natürlich eine Pseudo-3-D-Umgebung. Wir können am Bildschirm Tiefe simulieren und durch das Zoomen den Fokus des Nutzers lenken. Das ist genauso, wie man etwas in die Hand nimmt, um es genauer zu betrachten. Je näher man es ans Auge führt, umso besser sind die Details zu erkennen. Hält man es weiter weg, so bekommt man einen besseren Überblick.
Wenn Sie an Webseiten denken, ist zum Beispiel das Abdunkeln des Hintergrunds beim gleichzeitigen Vergrößern des ausgewählten Motivs (Lightbox-Effekt) ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

CREATE OR DIE: Aber ist es nicht eine der großen Stärken der Onlinesysteme, große Datenbestände eben nicht visuell, sondern per Text und Suche zugänglich zu machen? Siehe Google.
Wolfgang Henseler: Ja, aber sobald emotionale Aspekte ins Spiel kommen, fällt diese Form der Interaktion zurück. Schauen Sie sich Bing an. Was bei Google am stärksten wächst ist YouTube, also Bild und Video. Sobald ich über Bilder suche, dann zum Beispiel mit Schiebereglern einen Preisbereich definiere und sich die Dinge vor meinem geistigen Auge filtern, bleibt der Kontext erhalten.
Auch unter Windows oder Mac OS liegt noch ein Kommandozeilen-Interface. Das könnten Sie auch nutzen, wenn Sie sich einen Gewinn davon versprechen würden. Die meisten von uns nutzen aber lieber Maus und GUI, weil sie merken, es ist intuitiver und macht auch mehr Spaß.

CREATE OR DIE: Was ist die nächste Evolutionsstufe nach Touch? Sprachsteuerung?
Wolfgang Henseler: Sprachsteuerung ist ein spannendes Thema, aber sehr, sehr komplex. Schon in den Siebzigern hat man geglaubt, das im Griff zu haben und musste sehr schnell lernen, dass das nicht der Fall ist. Gerade die Semantik, bei der es nicht nur um das Erkennen von Worten, sondern auch um Zusammenhänge und Bedeutungen geht, ist sehr komplex.
Vereinfachte Formen der Sprachsteuerung gibt es, und jedes Interface, das in der Lage ist, den Nutzern – auch per Sprache – einen natürlichen Zugang zu Funktionen zu verschaffen, wird sich langfristig durchsetzen. In vielen Bereichen werden die Interfaces verschwinden. Zum Beispiel Car-to-Car-Kommunikation, wo Gegenstände direkt miteinander kommunizieren. Die nächste Stufe ist das adaptiv-autonome System mit einem intelligenten Interface-Agenten. Ich setze mich also ins Auto und fahre los, und der virtuelle Begleiter kommuniziert in meinem Sinn mit der Technik. Das wäre aber für die Menschen heute noch zu abstrakt. Es gibt noch keine Vorstellungsbilder dafür. Die Innovationen sind immer nur so gut, wie die Zeit, in der sie kommen.

CREATE OR DIE: Werden die Leute dann im ICE mit ihrem PC sprechen?
Wolfgang Henseler: Das passiert doch jetzt schon. Die Menschen im ICE reden zwar nicht mit dem Gerät, sondern mit dem virtuellen Gegenüber – und das meistens ziemlich laut. Das Schöne an den neuen Technologien ist, dass wir sie gegen solche Missstände ins Spiel bringen können. Bei akustischen Signalen kann man genau die Wellenlänge gegenschwingen lassen, dass jeder an seinem Sitzplatz zwar laut telefoniert, seine Umgebung ihn aber nicht hört.

Mittels WebCam wurde der Nutzer zum integralen Bestandteil der Fiat 500C Einführungskampagne
Mittels WebCam wurde der Nutzer zum integralen Bestandteil der Fiat 500C Einführungskampagne

CREATE OR DIE: Anderes Thema: Wo stehen wir heute in Sachen Augmented Reality?
Wolfgang Henseler: Augmented Reality sehen wir heute schon an einigen Stellen. BMW setzt das ein, um „Training on the Job“ zu praktizieren. Das heißt, sie Setzen diese Brille auf und der Mitarbeiter bekommt am Fahrzeug eine Art Guided Tour. Das spart BMW natürlich Ausbildungszeit. Man kann die Mitarbeiter viel schneller an die Aufgaben heranlassen, weil man weiß, dass er durch die Anwendung geführt wird, wie von einem Meister.
Im Moment ist das noch etwas kostspielig, aber es wird kommen. Wir sehen erste spannende Verschmelzungen zwischen digitaler und analoger Welt auf dem iPhone. Unsere Kinder werden sowieso nicht mehr verstehen, weshalb es hier eine Trennung gab. Für die ist ein reales Produkt nur halbwertig, wenn es keinen digitalen Hintergrund hat.

CREATE OR DIE: Was ist denn Ihr Lieblingsinterface analoger Art?
Wolfgang Henseler: Gute Frage. Das iPhone als Handschmeichler vielleicht. Es gibt auch ein sehr negatives Beispiel: die Touchscreen-Terminals zum Kaufen von Bahnkarten. Ich habe neulich mit einem Kollegen versucht, eine Karte von Frankfurt nach Bad Homburg zu erstehen. Es ist uns nicht gelungen.

CREATE OR DIE: Und dann?
Wolfgang Henseler: Wir sind schwarz gefahren.

CREATE OR DIE: Professor Henseler, vielen Dank.

Das Interview führte Frank Puscher

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