28. Januar 2010
Augmented Reality – Die Welt ist nicht genug
Der moderne Webnutzer betrachtet seine Umgebung nicht mehr direkt, sondern durch den digitalen Filter einer App. Die sagt ihm, was gut und was teuer ist, wohin er gehen soll und ob der sich abzeichnende Flirtversuch Erfolgschancen hat.
Mit Goethe durch sein Weimar, mit Jan Fedder auf´n Kiez, mit Kafka am Strand oder alleine durch die Häuserschluchten der Großstadt, verfolgt vom digitalen Alter Ego des Pacman, der auf die dunkle Seite der Macht gewechselt hat und immer nur an das eine denkt: User fressen. Unsere digitalen Freunde – kurz Tamagotchis – reichern unseren tristen, realen Alltag mit Lebensfreude an, mit Weisheit, mit einer guten Portion Humor und Abenteuer. Sie geben unserer Umwelt und mithin dem Dasein an sich endlich einen Sinn. Und dazu muss man nicht mal lesen können. Es reicht, sich ein iPhone vor die Nase zu halten. Dessen Kamera sieht den Planeten in einer Klarheit, die uns verloren gegangen ist. Die iPhone-Software holt längst Vergessenes – oder bewusst Ignoriertes – in die Welt zurück und präsentiert uns die Realität, wie sie wirklich ist, die Augmented Reality, die angereicherte Wirklichkeit.
Der tägliche Gang zur Bushaltestelle wird zur Reality Show: "Wussten Sie eigentlich, dass Friedrich Schiller genau in dieser Unterführung dereinst ein seidenes Taschentuch verlor?" Hätten Sie darüber nachgedacht, wären Sie möglicherweise der Auffassung gewesen, dass die in dieser Unterführung so filigran verarbeiteten Betonplatten erst in den 50er Jahren erfunden wurden. Aber Sie haben ja nicht nachgedacht. Sie haben gar nicht gedacht. Gut, dass es Augmented Reality gibt. Es ist keine angereicherte Wirklichkeit, es ist die bessere Wirklichkeit.
Den Eiffelturm auf Händen tragen
Das Schlagwort Augmented Reality hallt zu Beginn des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert durch die Gänge der Marketingabteilungen und Agenturen wie ein finsteres Donnergrollen, als Vorbote des nahenden Unwetters, der Sintflut. Eingeweihte benutzen das stylische Kürzel "AR" um sich von Ewiggestrigen abzusetzen.
Letzteren sei gesagt: Es geht darum, dem Bild einer Karmera mithilfe von Software eine zusätzliche Informationsschicht zuzuordnen. Da die Kamera meistens noch zu doof ist, um selbst zu erkennen, was der Nutzer ihr zeigen möchte, benutzt der pfiffige Marketer Hilfsmittel. Beim iPhone – und von etwas anderem reden wir hier natürlich nicht … natürlich – ist das ganz einfach. Hier nutzt die Software einfach die GPS-Positionsdaten, um herauszufinden, welches Bild die eingebaute Kamera wohl gerade anzeigen könnte. Und schon poppen lustige kleine Informationsblasen auf wie: "Nur für die nächsten 20 Sekunden: türkisfarbene Damen-Dessous für 9,95 bei H&M da rechts vorne. Rennen Sie … jetzt!"
Gemein ist, dass dem stationären PC, der ja heute auch oft eine Kamera besitzt, die Positionsdaten so wenig nutzen. Also muss ein anderer Trick gefunden werden, damit die Software versteht, was vor ihrem Kameraauge vor sich geht. Der Trick heißt AR-Code. Dabei handelt es sich überwiegend um potthässliche Pixelrechtecke mit tumben Mustern. Die sind so einfach, dass selbst die dämlichste Webcam sie erkennt. Und wenn die Software was erkennt, kann sie damit auch was machen. Man nennt das in Alt-Englisch "Interface".
Und so dürfen wir, was wir schon immer wollten. Wir wedeln mit einem Stück Papier vor der Webcam und plötzlich erscheint wie durch ein Wunder ein Windrad auf dem Papier (GE Ecomagination) oder ein Auto (Mini, Toyota IQ, Fiat 500C) fährt über das Blatt und zerlegt sich in seine Einzelteile. Oder man hält den Eiffelturm in Händen (ARSights) und kann ihn drehen und wenden und von allen Seiten betrachten. Dazu muss man sich allerdings ziemlich verrenken, sodass es vielleicht pfiffiger ist, das AR-Code-Papier auf den Schreibtisch zu legen und dort zu drehen. Mist, die Schreibtischplatte ist nicht ganz im Bild der Webcam. Die also erst mal neu justieren. Und etwas dunkel ist es auch, aber da drüben steht ja noch eine unnütze Schreibtischlampe, das sollte gehen.
Ja. Tatsächlich. Da ist er, der Eiffelturm auf meinem Schreibtisch, und hier, das römische Kolosseum. Virtuell praktisch einen Klick daneben, bei gleichbleibender Raumtemperatur und ohne Parkplatzsuche. Cooool.
Leider kann es nix, das Kolosseum. Aber das wird sicher Ausbaustufe AR 3.0. Dann hört man das Raunen der Zuschauer, wenn der Kaiser den Daumen senkt und der Zeremonienmeister zur Tat schreitet: "Zieht den Christen die Fingernägel bei lebendigem Leib ab." Wahrlich eine Killer-App, vor allem unter Islamisten.
Hands free
Aber die Zeit der profanen AR-Codes neigt sich ohnehin dem Ende entgegen. Die Anwendungsentwickler sind ja nicht blöd. Die Fashion-Webdesigner sind da ganz weit vorne. Zugara hat einen Shop für Tobi.com entwickelt, bei dem die Webcam sogar das Drücken von Buttons erkennt, auch wenn diese real gar nicht da sind.
Die geneigte Tobi.com-Jugendmode-Lifestyle-Social-Shopperin darf sich also vier Meter entfernt von ihrem Notebook aufstellen, die linke Hand nach links oben ausstrecken und dort so tun, als drücke sie was. Dann blättert der Onlineladen auf das nächste Modestück, stellt es genauso pixelig und schlecht freigestellt dar wie das erste und positioniert es statisch im Bildschirm, sodass man problemlos dahinter wegtauchen kann, zum Beispiel, um sich umzuziehen.
Leider funktioniert das Zugara-System nur für Mädchen, die zwischen 171,3 und 173,1 cm groß sind. Kleinwüchsige müssen zum Button hüpfen. Gerüchten zufolge ist schon eine Yoga-Edition der Shopsoftware in Arbeit. Der meditative Nutzer muss den Arm nur eine halbe Stunde waagrecht gestreckt halten, und schon löst der Button aus. Dazu ertönt der Soundtrack "Rivers of Life", also: Lautsprecher an, aber leise bitte.
Die dänische Brauerei Carlsberg hat präzise analysiert, dass sich aktuell im Netz zu findende AR-Systeme nur nach Genuss erklecklicher Mengen Alkohols schadlos überstehen lassen. Folgerichtig ist eine Bierflasche das Interface für die AR-Applikation von Carlsberg. Und für alle, die gerade aus Versehen keine echte Bierflasche von Carlsberg zur Hand haben, gibt es eine PDF-Anzeigenseite zum Ausdrucken. Eine vollflächig schwarze Seite mit zwei Händen, die eine Bierflasche halten. "Diese Werbeinformation wurde Ihnen präsentiert von Carlsberg und HP6540, dem Tintenstrahldrucker Ihres Vertrauens."
Content is Burger King
Doch wie weit ist der Kolumnist gesunken, wenn er sich über die bagatellgleiche vermeintliche Rückständigkeit technischer Systeme zu erheben sucht (der virtuelle Spiegel von RayBan lädt 236 Megabyte aus dem Netz!). Schließlich geht es um die Inhalte.
Mit AR kann man prima lernen. BMW bildet Nachwuchstechniker mit Datenbrillen aus, damit sie nicht an den falschen Stellen schrauben. Es wird nicht lange dauern, dann landet die Software "Risikoloser Austausch der Bremszylinder beim Einser" als Freemium-Version im AppStore. In der kostenlosen Variante kann der alte Bremszylinder ausgebaut werden. Wer einen neuen einbauen möchte, darf sich für 239,50 Euro die ProEdition aufs Phone laden.
AR ist natürlich auch super für den Tourismus. Endlich wird der alte Menschheitstraum, die Welt mal mit anderen Augen zu betrachten, Wirklichkeit. Ich mach mir mein Schwabing, wie Karl Valentin es geliebt hat. Blöd nur, dass an Stelle der zünftigen Eckkneipe "Zur Haxn" heute ein Burger King steht. Aber auch beim "X-TRA-Long Chilli Cheese" – der laut Foodwatch App höchstens zu zwölf Prozent aus Schwermetallen besteht – lässt sich trefflich darüber sinnieren, ob "heute wirklich die gute, alte Zeit von morgen ist".
Und natürlich ist AR voll social. Realski hat gerade eine neue App veröffentlicht, die ganz ohne AR-Codes auskommt. Sie erkennt die Bergspitzen von ganz vielen amerikanischen Gipfeln. Und statt so profane Weisheiten von sich zu geben, um welchen Gipfel es sich handelt, wer ihn zuerst bestieg und um wie viel er seit Beginn der Klimakatastrophe geschrumpft ist, sucht Realski zielsicher den Weg zurück in die echte Welt, nämlich die nächste Kneipe, Pizzeria oder Lodge. Und wer da dann reingeht und seine Brightkite-App anwirft, erfährt direkt, welche der anwesenden Personen sich gerade im Flirtmodus befindet und entsprechende Signale aussendet. Natürlich nicht direkt, sondern über Twitter.
Welche Möglichkeiten! Viel Zeit dürfte daher nicht verstreichen, bis eine findige BMW-Praktikantin die Einser-Reparatur-App zur universellen Bedienungsanleitung umfunktioniert. In der Flirtvariante steht dann das BMW für BetterManipulateWomen und der zahlende Abonnent – auch Porsche- und Smart-Fahrer sind zugelassen, Mercedes-Besitzer nicht – erfährt direkt von seinem iPhone, an welcher Stelle des ausgewählten Models er als Nächstes herumschrauben sollte und wovon er lieber die Finger lässt.
Ich benutze, also bin ich. Yes, we AR.
Frank Puscher arbeitet seit 14 Jahren als freier Journalist und Buchautor mit den Schwerpunkten Flash, Usability und Online-Marketing. Er berät und schult Unternehmen bei der Umsetzung von Online-Strategien.

























