9. März 2010
Bitte nicht berühren!
Im Zuge neuer Aufgaben und einer grundsätzlichen Neugier gegenüber Neuem konnte ich diesen Touch-Gerätschaften nicht widerstehen. Nun ziert also ein Tablet-PC meinen Schreitisch. Mein altes Arbeitsgerät erfährt dagegen gerade wenig Liebe. Ab jetzt die Welt auf andere Art und Weise entdecken ... ergreifen. Doch leider war der Spaß nur von kurzer Dauer. Mehr und mehr stoße ich an die von Websites auferlegten Grenzen. Ich habe es mit Unberührbaren zu tun. Zur Bewegungsunfähigkeit erstarrt, erahne ich die Untauglichkeit derzeitiger Applikationen für Multitouch-Geräte und damit für die Zukunft.
Es fühlt sich nicht gut an.
Ich tatsche also auf diesem herrlichen Spielzeug herum und muss feststellen, dass sich meine Welt der Gestensteuerung auf dem E.T.-Niveau bewegt. Touch bzw. das gewünschte Multitouch auf herkömmlichen Websites oder RIAs, die nicht speziell aufgebohrt sind, ist ein Erlebnis, das über einen Finger selten hinausgeht. Ich bewege mich also mit einem Finger schiebend und drückend auf meinem Screen, schmiere ihn voll, scrolle rutschend hin und her, weil nichts mehr wirklich passt und bin schnell frustriert. Ich wollte doch mit fünf Fingern spielen. Dafür ist das schicke Gerät doch da … Der Versuch zu schreiben, endet gar im Desaster. Über das Adler-Such-System beim Tippen war ich bereits als 10-Jährige hinaus.
Nun werde ich zwangsweise zurückgestuft. Die eingeblendeten Tastaturen reagieren deutlich zu langsam. Mein Schreiben verkommt zu blödsinnigem Rumgetatsche auf dem Display, das man nicht wirklich gut trifft. Mit schlanken Frauenfingern und entsprechenden Nägeln schon mal gar nicht. Abhilfe verspricht der Stift. Mein Gerät bietet zumindest einen, selbstverständlich ist das ja nicht. Dennoch, nach kürzester Zeit sehne ich mich nach meiner alten Tastatur und deren haptischen Widerworten. Absurd. Ging es doch gerade um das bessere Gefühl und die bessere Haptik bei Anwendungen. Aber nichts fühlt sich so an, wie ich es mir vorgestellt habe.
Unbegreifbar.
Plug-in-basierte Lösungen jener Websites, die heute noch als modern und schick gelten, funktionieren mit meinem neuen Gerätchen alles andere als recht. Geschlossene Applikationen in Flash und Silverlight, die nicht extra für Gestensteuerung angelegt sind, bleiben beschränkt – hinsichtlich Format und Ansteuerung. Witziger Weise führen mich hier die bei manchen als proprietär geltende HTML-basierten Websites zu besseren Erlebnissen. Man kann sich relativ komfortabel durch Banales, auch unter Einsatz aller fünf Finger, bewegen. Durch das System und die entsprechenden Browser drumherum wird alles mitgeliefert, was ich zum „Anfassen“ brauche.
In geschlossenen Flash- und Silverlight-Applikationen komme ich dagegen ins Stocken, werde reduziert auf fixe Seitenformate und erreiche im besten Fall über die Standard-Buttonsteuerung die Anzeige der gewünschten Ergebnisse. Ich kann nicht komfortabel zoomen und habe auch hier Probleme, den einen oder anderen Button zu treffen. Für derartige Erlebnisse brauche ich keine schicken Touch-, Multitouch- oder gestenunterstützenden Geräte. Andererseits aber ist der „Überlandflug“ über die Trefferlisten bei Bing und Google ein unvergleichliches 5-Finger-Erlebnis. Muss das Fazit lauten: Es gilt applikationsbezogen mal auf dem einen, mal auf dem anderen Gerät zu surfen.
Schluss mit lustig.
Bei den gerne zur Zerstreuung genutzten Casual Webgames ist mit dem Thema Touch definitiv Schluss. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Ich kann diese Dinger befingern wie ich will, ich komme nicht weiter. Alles, was in der Gaming-Welt eine Tastatursteuerung vorsieht, findet kein Äquivalent im Touch, sofern es nicht extra vorgesehen ist. Macht auch wenig Sinn. Wie soll ich mich mit Multitouch in einer Jump-and-Run-Welt bewegen? Wohin soll Mario springen und laufen? Soll ich ihn einfach mit der Hand nehmen und ans Ziel setzen? Wie langweilig.
Auch tatschtauglich umgearbeitete Shooter verlieren ihren Reiz. Etwas zu treffen, das ich nur mit dem Finger antippen muss – sinnlos grenzt hier an Untertreibung. Verloren ist dennoch nicht. Es gibt bereits erste Spiele für Touchgeräte. Sie lassen vermuten, wie spannend die Welt der neuen Moultitouch Games werden kann. Als Beispiel sei hier die geniale Variante von Need For Speed mit erhöhtem Fahrspaß angeführt. Diese Ideen gilt es, weiterzuverfolgen.
Eine Handbreit wird zur unüberwindbaren Distanz.
Die Wunderwelt der Technik ist spannend, entwickelt sich rasend schnell. Was gut ist. Aber wir kommen mit unseren Inhalten und Designs kaum noch nach und werden dieser Welt daher nicht wirklich gerecht. Es ist fast zu erwarten, dass es kurzfristig zu einer Kluft bei der Qualität der Web- und Softwareapplikationen kommen wird, zwischen den "alten" Rich Internet Applications und den wenigen "neuen" Multitouch-Webapplikationen. Es ist sogar zu befürchten, dass den unberührbaren RIAs irgendwann nutzerseitig der Rücken zugekehrt wird, wenn es mehr von eben jenen intuitiven Touch-Applikationen gibt.
Packen wir es an.
Die Quintessenz muss also lauten: umlernen. Vielleicht ist es sogar an der Zeit, alten Ballast abzuwerfen, alles auf ein Basisverhalten runterzubrechen, um dann mit vielfältigen Ansätzen neu zu beginnen. Aus Sicht der Usability gilt es nicht zu vergessen, der Mensch hat im Gegensatz zu E.T. mehr als nur einen Touch-Finger. Im Design wird sich das so genannte Natural User Interface Design durchsetzen, da es das Leben im Netz und am Rechner nicht mehr auf mausbedienbare Mini-Buttons reduziert. Es erzeugt eine natürliche Umgebung und spiegelt das intuitive Verhalten der Nutzer wieder.
In der Programmierung liegt die große Herausforderung bei der Kodierarbeit. Jeder Finger, der die Bedienung ergänzt, steht für Mehraufwand und erfordert ein Umdenken. Standards für die Gestensteuerung sind noch wenige vorhanden, auch diese Welt muss neu begriffen werden. Schöne neue Welt, zum Anfassen nah und doch noch so fern.
Peggy Reuter ist selbstständige GUI-Designerin für WPF, Silverlight und .Net.

























