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Kolumnen

17. April 2009

Das blaue Loch-Facebook

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Während Google seine Bots in die Weiten des Internets entsendet, um auch das letzte Quäntchen Daten aus dem Netz zu filtern, verfolgt Facebook eine gegenteilige Strategie. Wenn Google eine Datenkrake ist, so ist Facebook ein schwarzes Loch. Es zieht alle Daten an sich, verschluckt sie und spuckt sie als personalisierten Nachrichtenstrom wieder aus.

Mensch versus Maschine

Google geht es um die Daten, die meist von Menschen erzeugt werden. Facebook geht es dagegen um die Menschen, die Daten erzeugen. Google nutzt ein wesentliches Merkmal des Web, um an möglichst viele Daten zu gelangen: die Verlinkung der Webseiten. Facebook nutzt wiederum eine Eigenart des Menschen, um an die interessanten Daten zu gelangen: die Eitelkeit der Nutzer. Bei Google ist das Maß aller Dinge der PageRank: das Produkt aus Quantität und Qualität eingehender Verlinkungen. Bei Facebook ist das Maß aller Dinge der Social Graph: das Geflecht aus Menschen und deren Beziehungen zueinander. Google lässt die Nutzer suchen, was sie interessiert. Facebook lässt die Nutzer hingegen finden, was sie interessieren könnte. Google ist unpersönlich und sozialistisch: Jeder bekommt dieselbe Information, wenn er dasselbe eingibt. Facebook ist persönlich und demokratisch: Was man sieht, bestimmt die Mehrheit der Freunde.

Google verdient viel Geld mit Werbung. Facebook verdient kaum Geld mit Werbung. Google setzt bei der Werbung auf Intention – wenn ich nach "iPhone" suche, möchte ich mir wahrscheinlich ein iPhone kaufen. Werbung ist bei Google Information. Facebook setzt auf Inspiration: Wenn mein Hobby Tauchen ist, spricht mich eine Reisewerbung an – vielleicht, wenn ich in Urlaubsstimmung bin. Werbung ist bei Facebook fast immer nervig. Google bewertet indirekte Empfehlungen (Links) von Fremden. Bei Facebook zählt allein die Empfehlung eines Freundes: "Martin ist ein Fan von", lautet das neue Mantra des Onlinemarketings.

Die neue Startseite

Wer heute das Web bereist, startet auf Facebook. Erstmal schauen, was die Freunde machen, dann weitersehen, wohin die Surfreise geht. Oft bleibt sie im blauen Meer von Facebook stecken. Zu viele exotische Inseln warten auf die Entdeckung: Pages, Apps und Games in Hülle und Fülle, bunt und vielfältig, unterhaltsam und nützlich. Facebook ist die neue Startseite. Google muss bangen. Treiben lassen statt Suchen ist der Surfstil des 21. Jahrhunderts.

Doch nicht nur Google muss bangen. Auch Flickr, Twitter, die Blogosphäre und viele weitere soziale Onlinedienste. Facebook schluckt sie alle. Früher – durch Adaption – oder später – durch Integration. FriendFeed hatte gute Ideen und einzigartige Features – bis Facebook sie adaptierte. Twitter ist angesagt – bei Techies. Der Mainstream zwitschert lieber auf Facebook, ohne es Microblogging zu nennen. MySpace stagniert in den Nutzerzahlen, StudiVZ verliert Reichweite, doch Facebook wächst rasant. Flickr ist zwar die bekanntere Foto-Sharing-Community, doch weitaus mehr Fotos finden sich auf Facebook. Geschäftliche Kontakte pflegt man längst nicht mehr nur in Businessnetzwerken. Facebook schafft hier, was XING und LinkedIn nicht richtig gelingen mag: die globale Vernetzung.

Blogs verlieren an Relevanz. Nicht nur wegen Twitter, sondern auch weil Meinungen auf Facebook verbreitet und diskutiert werden. RSS-Feeds haben sich in der Breite nicht durchgesetzt, weil zu kompliziert. Einfacher ist es, auf Facebook einer Fangemeinde oder Gruppe beizutreten. Facebook hat mit seinem sozialen Netzwerk eine Plattform geschaffen, auf der sich soziale Dienste wie Fotosharing, Microblogging und News-Feeds mit wenig Aufwand und hoher Reichweite realisieren lassen. Die Pionierleistung übernehmen Start-ups – Facebook kopiert was überzeugt und gefällt. Und wer nicht durch Adaption verschluckt wird, der stürzt sich freiwillig ins blaue Loch-Facebook. Mit einer Facebook-Applikation fängt es an, es folgt die Anbindung mittels Facebook Connect und schließlich verkommt die eigene Website zum reinen Add-on für Facebook.

The Singularity is (not) near

Doch soweit wird es nicht kommen. Die Nutzer wollen keinen blauen Einheitsbrei. Auch Facebook muss sich differenzieren, um im Wettbewerb unterscheidbar zu bleiben, und deshalb muss es sich wie seine Wettbewerber auf seine Stärken fokussieren. So geht es bei MySpace eben weitaus stärker um die kreative Selbstdarstellung als auf Facebook. Bei Flickr tummeln sich auch weiterhin vor allem die semi-professionellen Fotografen. XING verwaltet nun mal keine Freunde, sondern Kontakte. Blogs bieten Anonymität, Twitter eine lose thematische Vernetzung. Und FriendFeed bleibt ein Powerwerkzeug für die Information Worker.

Facebook steht vor einem Bifurkationspunkt. Es muss sich entscheiden, was es sein möchte. Wer alles bietet, wird sich verzetteln und seine Nutzer überfordern. Wer alles in seiner Umgebung aufsaugt, ist ein schwarzes Loch: nicht sichtbar und ohne Identität. Und dann wird es auch enden wie ein schwarzes Loch: Nachdem es alles in seiner Umgebung aufgefressen hat, zerstrahlt es ins Nichts. Doch bis dahin wird der neue Stern am Webhimmel noch einige Jahre strahlen.

Reimar Winkler

Kommentare
Gravatar martin 17.04.2009
um 15:37 Uhr
facebook mit google zu vergleichen und dann noch zu sagen:
Treiben lassen statt Suchen ist der Surfstil des 21. Jahrhunderts.

halte ich ein wenig für übertrieben.

Trotzdem ein sehr schöner artikel.
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Gravatar Alex 17.04.2009
um 18:42 Uhr
Schön geschrieben. Ich würde sagen, "Treiben lassen" (Serendipity) ist nicht die, aber doch eine neue Art des Surfens.
Dass aber Facebook die "neue Startseite" ist, sehe ich nicht so. Das liegt imho v.a. daran, dass Facebook momentan eine der o.g. Eigenschaften in Wirklichkeit fehlt: Nützlichkeit. Wenn ich mich momentan in Facebook einlogge sehe ich nur noch "xxx made the yyy quiz, and the result is zzz"... Das ist für mich auch der Grund, warum Social Networking noch lange nicht "Mainstream" ist (zumindest nicht in Dtl. und bei den über 16-Jährigen). Die ganzen Studenten, die es monatelang ganz "fancy" fanden, sich stündlich einzuloggen schauen jetzt bestenfalls noch täglich vorbei... deswegen bin ich auch schon gespannt, was sich Facebook einfallen lassen wird, damit der Nutzen mal wieder ein wenig mehr im Vordergrund steht... (dass StudiVZ irgendwann auch mal was einfällt, scheint ja nicht so realistisch)
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Gravatar John 20.04.2009
um 03:52 Uhr
Facebook geht es um die Menschen? Ahja.Man sollte vielleicht auch nicht jeden Satz auf die Goldwaage nehmen, der Einsatz des Genitivs (!) ist dennoch unumstritten. #zitieren
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