31. Juli 2009
Kommentar von: dummschwaetzer
Blogs haben aus dem Web ein Kommunikationsparadies geschaffen. Jedenfalls für Blender, Querulanten, SEO-Hobbyisten und andere Schwachköpfe, denen man nicht einmal im Benimmkurs einen guten Tag wünschen möchte.
Für die öffentlichkeitswirksame Zurschaustellung der eigenen Beschränktheit führt heute kein Weg mehr am Web vorbei. Kein anderes Medium ist so gut geeignet, alle Inhalte des Hirnkastens direkt und ungefiltert der ganzen Welt mitzuteilen. Einschlägige Webdesignblogs sind die ideale Einstiegsdroge für notorische Selbstdarsteller und Vollpfosten. Nach kurzem Überfliegen von Titel und Teaser wird das Seitenende gesucht, um sofort einen Kommentar zu verfassen.
Das Ergebnis sind dann Perlen wie "Toller Artikel! So nutze ich das auch schaut mal unter www... (noch nicht ganz fertig!)" oder "Ich stimme xxx, zu dass WC3 hätte da mal besser aufpassen sollen." Neben der kreativ-minimalistischen Interpretation deutscher Rechtschreibung bestechen solche Kommentare vor allem durch die hohe Kunst, jeglichen Bezug zum Inhalt des Blogbeitrags gekonnt zu umschiffen.
Kommentare ohne Wort und Sinn
Auf den ersten Blick gehören diese Auswürfe zu den harmlosen kleinen Nebenwirkungen des Webs. Recherchiert man aber genauer und besucht die angegebenen URLs der Kommentatoren, offenbaren sich klägliche Versuche der billigen Selbstvermarktung, die dann gelegentlich doch pathologische Züge aufweisen. Zum Schutze der Augengesundheit bleibt die URL der "nicht ganz fertigen" Website hier unerwähnt. Das Machwerk mit einem übernommenen und dann noch schlecht individualisierten Template besteht aus einer Linksammlung und ein paar langweiligen Absatztexten, verteilt auf zwei Seiten. Der übliche Pseudo-SEO-Schrott also, mit dem der Betreiber offensichtlich irgendetwas im Web erreichen will. Er hat dabei nicht nur peinlich genau darauf geachtet, dass die Langeweile der Inhalte ideal zur Monotonie des Designs passt, konsequent ist auch der klare Verzicht auf jegliche Semantik im HTML-Code als auch beim Texten. Alles in allem wird die Seite einen Aufwand von immerhin zweieinhalb Stunden verursacht haben.
Etwas mehr Zeit widmete sich der aufstrebende Webworker in der Auswahl und Einbindung von Google-Anzeigen rechts neben dem kompletten Inhaltscontainer, die man sogar ohne horizontales Scrollen sieht – sofern man mindestens einen 22-Zoll-TFT hat. Hier findet der unmotivierte Nutzer dann Fettkillerdiäten zum schnellen Abnehmen (30 Kilo), Eilkredite ohne Schufa oder auch PHP-Entwicklung in Indien. Mit dem gesparten Geld für das Essen und den großen Scheinen vom Kredithai kann sich der magersüchtige und hoch verschuldete Nutzer dann zum ebenfalls angebotenen Fachinformatiker ausbilden lassen, nebenbei noch einige indische PHP-Entwickler in Brot und Lohn bringen und "Webseiten zum Toppreis" erstellen lassen.
Hobbyisten und Vollpfosten
Eng verwandt mit den SEO-Deppen sind die jungen und jugendlichen Nerds, erkennbar anhand Verwendung des Begriffs "Webstandarts" und dem Zeitpunkt ihrer Postings – kurz nach 13.00 Uhr, direkt nach Schulschluss. Unerfahrenheit paart sich hier mit gnadenloser Selbstüberschätzung und geballtem Halbwissen. Das Ergebnis sind Kommentare, bei denen sich der halbwegs kundige Leser fragt, was da eigentlich gesagt werden soll. Inhaltlich reicht das Spektrum von komplett falsch bis komplett falsch verstanden. Auf einen anspruchsvollen Beitrag zur Barrierefreiheit wird beispielsweise das idiotische Argument einer "nicht originären Zielgruppe" gebracht. Dieser selbsternannte Webdesigner offenbart sich damit als genauso inkompetent wie die meisten Kunden aus der freien Wirtschaft.
Ebenso bezeichnend sind endlose Dialogmarathons mit anderen Kommentatoren, wobei nach spätestens drei Postings der Bezug zum eigentlichen Thema des Blogbeitrags im Schreibwahn untergeht. Ein freiwilliger Rückzug aus diesen hoffnungslosen Gefechten mit echten Profis findet nicht statt, die bedingungslose Kapitulation erfolgt dann unter dem Vorwand, man mache das ja nur als kleines Hobby nebenbei und würde das alles gar nicht so genau wissen wollen.
Zu den Kollateralschäden des Webs gehören auch Vollpfosten, die sich angesichts zuviel freier Zeit über jedes CMS, Framework oder Tool auslassen, ohne auch nur den Hauch einer Erfahrung damit gemacht zu haben. Solche Kommentare beginnen oder enden fast immer mit der Aussage "Ich habe damit zwar noch nicht gearbeitet, aber ich finde, dass ...". Die Strategie dahinter ist denkbar einfach: Man orientiert sich am gerade aktuellen Kommentarmainstream und schlägt in die gleiche Kerbe. Lobt ein Meister seines Fachs ein Tool, finden die Vollpfosten das auch klasse, findet die Koryphäe ein Haar in der Suppe, finden die Vollpfosten ein weiteres, leider geht genau das oft daneben: Da werden Zusammenhänge aus Unwissenheit falsch interpretiert oder es werden schlicht falsche Behauptungen aufgestellt, die ein anderer Depp kolportiert hat.
Die Generation Google-Copy-Paste hat immerhin gelernt, wie man aus mehreren Kommentaren ein paar Satzteile verwendet, das Ganze etwas umstrickt und mit zwei, drei eigenen Sätzen so garniert, dass das Ergebnis als eigene Kreation im Web serviert wird. Natürlich wird dabei nichts gesagt, jedenfalls nichts, was nicht schon vorher gesagt wurde. Der Sinn solcher Kommentare ist offenbar ein anderer. Dahinter steht vermutlich die Verarbeitung gestörter Selbstwertgefühle oder ein zwanghaftes Sendungsbewusstsein.
Nervensägen und Besserwisser
Während man die Vollpfosten noch geradeso als harmlose und kompetenzfreie Zeitgenossen verschmerzen könnte, hat man es bei den echten Nervtötern mit Webdesignern aus dem semiprofessionellen Bereich zu tun. Hier lauern die Kampfdackel, Kleingeister und Trolle, für die das ein oder andere Tabellenlayout auch noch im Jahr 2009 akzeptabel ist, während die Anregungen kompetenter Webworker bekämpft werden, sofern sie nicht ihren eigenen eingefahrenen Wegen entsprechen. Die Nervensägen pflegen ein enges, auf Hassliebe basierendes Verhältnis zu einer Reihe von Blogs, deren Betreiber für sie wohl eine Art Feindbild darstellen. Dass ihre Sicht offensichtlich falsch ist und ständig durch Gegenargumente widerlegt wird, stört diese aufdringlichen Querulanten nicht. Sie schreiben selbst fleißig und eifrig Blogbeiträge, in denen sie auf die ihrer Meinung nach falschen Ansätze der Kollegen mit beneidenswerter Vehemenz und totaler Lernverweigerung reagieren.
Don’t feed the Trolls
Es fällt professionell tätigen Webdesignern zwar schwer, die ganze Entourage der Kommentardeppen zu ignorieren, neben der Möglichkeit der moderierten Kommentarfreigabe ist dennoch ein hohes Maß an Gelassenheit die einzige Möglichkeit, interessante Blogbeiträge zu verfassen. Jedenfalls, sofern man die Gefahren aufgestauter Aggressionspotenziale vermeiden möchte.
Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.
Wer das web2.0 nicht will, sollte keine Kommentarfunktion einbauen.
Obiger Beitrag ist ein zulässiger Aufschrei eines gequälten Profis, aber dafür gleich webspace zu verschwenden - na, ich weiß nicht. Errinert mich an die Verdammung von RIAs durch den Gerrit letztens in seinem Blog.
Ich verstehe jedenfalls nicht, warum ich mir die Leiden des jungen W. (steht für webworker) anhören soll. Kommt doch eine recht arrogante Haltung zum Ausdruck.
Wer was drauf hat, steht über Besserwisserkomentaren.
So, ich hoffe, dieser Kommentar hat die oben beklagten Eigenschaften #zitieren
Verschlafen die wieder mal nen Trend?
Ich finde die Macher dieses Blogs haben dieses Problem durch die richtig zu lösende Rechenaufgabe ganz gut im Griff. Man kann davon ausgehen, das zumindest die nicht mehr posten, die eins und eins nicht zusammen zählen können. Schön wäre ein, direktes Verhältnis des Schwierigkeitsgrades der Aufgabe zu dem des Artikelinhalts. Könnte man übrigens auch als Spamschutz verwenden. #zitieren
Ende vom Lied war, dass ich die benötigten Informationen vom Azubi bekam. Hätte das nicht funktioniert, wäre das Projekt wunderbar wegen genau so einem "Dummschwätzer" gegen die Wand gefahren. #zitieren
Nein, ernsthaft - ich werde mich hier nicht als großer SEO/Webdesign/Kochprofi aufspielen, dennoch bin ich irre froh, über irgendwelche verqueren Linkwege diese Seite gefunden zu haben. Ich kann nicht jeden Artikel praktisch verwerten, aber ich kann sie alle lesen - und das macht unglaublichen Spaß!
Schöne Grüße von einem neuen COD-Stammleser =) #zitieren
Dazu kommt der Fakt, daß wir uns in einer Zeit der Informationsflut befinden und jeder sehen muß, wie er möglichst schnell zu den entscheidenen Informationen kommt - da werden die Leute auch schnell ungeduldig, wenn sie viel lesen (müssen).
Ich glaube aber nicht, daß all diese Leute immer nur Blödsinn verzapfen und ich bin sicher, auch der routinierteste Internetbenutzer vergreift sich mal im Ton oder tut dann und wann mal auf Obergescheit.
Und seien wir uns ehrlich: Ohne die vielen Leute, die ihre Probleme im Internet posten und ohne die gegenseitige Hilfe, die sich die Leute im Internet geben, würden wir viel mehr Zeit verlieren, selbst auf die Lösungen zu kommen und länger brauchen, unsere Entscheidungen zu treffen - oder falsche Entscheidungen treffen.
Ich bin all den Menschen jedenfalls sehr, sehr dankbar, die sich im Internet am Meinungsaustausch beteiligen. Mir ist dadurch schon so oft so viel geholfen worden - das alles alleine herauszufinden, hätte mich wesentlich mehr Zeit gekostet. Da kann ich über eine Menge "Spam-Postings" hinwegsehen und habe immer noch etwas gewonnen.
Und nicht zuletzt kommen natürlich immer wieder junge Menschen nach, die den richtigen Umgang in den Internetforen erst lernen müssen... #zitieren
LG, Marc #zitieren
Es geht hier doch nur um einen in Mode gekommenen, zwanghaften und unreflektierten Mitteilungsdrang, der mit dem originären Sinn eines Blogkommentars nichts mehr zu tun hat und sich stattdessen aus Gründen von SEO, Selbstdarstellung oder Besserwisserei in wert- und sinnlosen Gedankenhülsen äußert. Und an keiner Stelle finde ich die Aussage, dass semiprofessionelle Webdesigner pauschal als Vollpfosten zu bezeichnen sind.
Vollpfosten sind für mich aber diejenigen, die ihre Wissens- und Kompetenzlücken nicht einfach akzeptieren, sondern meinen, sich genau zu diesen Themen bei jeder sich bietenden Gelegenheit äußern zu müssen. Das gibt es ja nicht nur bei Blogs von Webdesignern oder Frontend-Entwicklern. Es ist nun aber so, dass dieses Verhalten bei Profis nicht so häufig vorkommt. Ich bin zum Beispiel kein Meister in PHP. Und weil das so ist, würde ich auch nie einen Kommentar zu einem detaillierten und anspruchsvollen Vergleich verschiedener PHP-Frameworks abgeben.
Kurz gesagt: wenn man keine Ahnung oder auch nur etwas nicht verstanden hat, sollte man Fragen stellen – auch dafür sind Kommentare sinnvoll. Wenn man aber meint, sich einfach nur deshalb äußern zu müssen, weil es da einen Kommentarknopf gibt, dann ist genau das eine elitäre Haltung, mit der man sich dann auch noch lächerlich macht.
Die zitierten Beispiele stammen übrigens aus den Blogs von Webdesigner-Kollegen und ich wundere mich, dass einige von ihnen die unvermeidliche Form der Zensur durch manuelle Kommentarfreischaltung noch nicht konsequent genug praktizieren. #zitieren
Wir leben doch in 2009 - und wir denken in 2014 - und wir fühlen in Ästhetik. #zitieren

























