26. Juni 2009
Kreativität, Kunst und sauberes Handwerk
Was darf eine Website an kreativem Output bringen, wo werden Grenzen gezogen und wer bestimmt über die Qualität im Web?
Auch wenn das aktuelle Thema Internetzensur zur Aufklärung beigetragen hat, was Ursula von der Leyen beruflich so macht und umtreibt – es gibt sie trotzdem noch: Die beliebten und hart umkämpften Nebenkriegsschauplätze der Webdesigner und Webentwickler.
Jens Grochtdreis – Webentwickler und von den Webkrautilluminaten ehrfurchtsvoll Meister genannt – musste am 15. Juni 2009 angesichts seiner Analyse "Der Deutsche Multimedia Award – eine Codekritik" konstatieren, dass Semantik, sauberer Code, zugängliche Inhalte und benutzerfreundliche Websites auch im Fall ihrer totalen Abwesenheit problemlos für schicke Web-Awards taugen. Nun ist es tatsächlich so, dass im Irgendwo die Website von "Chantal's Nails Studio" wahrscheinlich einen sauberen Code ausgibt als manch eine der prämierten Sites. Deren Budgets würden zudem reichen, um alle Nagelstudios eines ganzen Bundeslandes aufzukaufen, ohne die zurzeit beliebten Staatsbürgschaften in Anspruch zu nehmen. Jens Grochtdreis' Aussage "Wir haben 2009, nicht 1999" kann man einigen Werktätigen im Web also nicht oft genug in Erinnerung rufen.
Noch am gleichen Tag schlug ein ausgewiesener Webdesigner in die gleiche Kerbe. Gerrit van Aaken, bekannt für seine prägnante und selbstbewusste Wortwahl, forderte mit seinem fulminanten Essay "Killt die Killer-Websites!" das Ende der überladenen und ausschließlich nach gestalterischen Aspekten umgesetzten Websites, die allenfalls noch bei masochistisch veranlagten Nutzern mit hohem Frust- und Zeitpotenzial als hip gelten. Gerrit van Aaken verzichtet auf Vergleiche mit dem Jahr 1999. Er erinnert lieber gleich an den unsterblichen Geist von David Siegel, der bereits 1996 mit seinem Buch "Creating Killer Websites" die unheilvolle Büchse der Pandora für das Web geöffnet hatte.
Künstler vs. Handwerker
Bekanntlich hat die Büchse der Pandora die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich nicht mehr schließen lässt, hat man den Inhalt erst einmal geprüft und als äußerst problematisch eingestuft. Nun mag die Website von J. K. Rowling vielleicht ein nicht mehr ganz so taufrisches Beispiel für schlechte Webseiten sein, und Jens Grochtdreis könnte man vorwerfen, seine Codekritik beziehe sich nur auf die zweifelhafte Auswahl einer selbst ernannten Elite mit einem nicht repräsentativen Design-Award. Darum geht es hier aber nicht: Die noch immer gewaltige Kluft zwischen Entwicklern und Designern offenbarte sich mit den anschließenden Diskussionen.
Die negativen Reaktionen auf die Beiträge reichen von einer freundlichen "Effizienz-Geierei" bis zum vermutlich ehrlich gemeinten "Oh Gott, wie ich Menschen wie dich hasse!". Aus der ursprünglichen und berechtigten Frage nach der Angemessenheit der Mittel für bestimmte Inhalte, bzw. der Frage, was denn die Qualität einer Website ausmache, entbrannte umgehend die bekannte Diskussion pro und contra Kreativität. Bezeichnend war auch der Reply "Wieso werden Webseiten ›für User‹ gemacht? Malt ein Maler für sich oder für den Betrachter? "
Und – schwupps! – schon befinden wir uns zeitlich am Ende des 19. Jahrhundert beim Mythos des Künstlers, der sich nur seinem Kunstwillen verpflichtet fühlt und seitdem als Gegenentwurf zum marktkonformen Kunsthandwerker gilt.
Diese Verbissenheit geht für die Kreativen genau so nach hinten los wie der Versuch, schlechtes Handwerk als gute Kunst zu verkaufen – und sie ist auch völlig überholt. Das Bauhaus hat den Mythos vom Künstler vs. Handwerker schon in den zwanziger Jahren ad absurdum geführt. Das waren Kreative, denen wir moderne Einbauküchen, bequeme Sitzmöbel und Rastersysteme zu verdanken haben. Uns ist es egal, ob sie sich als Künstler oder Handwerker verstanden haben, wir nutzen solche Dinge noch immer erfolgreich.
Qualität im Web
Die Nutzer haben mit ihren Klicks längst abgestimmt, dass es für Spielereien und Flash-Experimente Nischen gibt – spricht das jetzt gegen Flash oder für semantische HTML-Seiten? Und die Kreativität? Als tot geglaubte Webtechnologie ist z. B. JavaScript heute nicht nur zugänglich, sondern überhaupt wieder hoffähig geworden, MooTools, jQuery und andere Bibliotheken erlauben mehr Gestaltungsmöglichkeiten als alle DHTML-Experimente der alten Zeit. Chantal findet es natürlich cool, Detailansichten ihrer neuesten Nagelkreationen mit einer Lightbox-Galerie zu präsentieren. Ob Desirée mit einer Flash-Site oder Jacqueline mit einer schlichten HTML-Seite erfolgreicher sind, wird jedoch der Nutzer entscheiden, nicht die Kreativen und nicht die Handwerker.
Man wird den Verdacht nicht los, dass es hier um einen hilflosen Kampf derjenigen geht, die Themen wie Webstandards, CSS-Techniken und Semantik bisher nicht genug Beachtung geschenkt haben. Die Standardistas wiederum müssen aufpassen, dass sie nicht das Lob aus der falschen Ecke bekommen, in der man bereits ein paar eingefärbte Flächen als Design bezeichnet. Werkzeuge sind Mittel zum Zweck, aber sie haben noch nie darüber entschieden, ob ein Ergebnis professionell oder dilettantisch ist. Es geht nicht um Kreativität oder Handwerk. Gefragt ist Qualität im Web – die umfasst zwar mehr als pure Semantik, aber auch viel mehr als nur gutes Aussehen.
Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.
Felix Schrader

























