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28. August 2009

Logo: immer zu klein

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Egal, wie professionell Sie eine Webseite konzipieren: Ihr Kunde ist der festen Überzeugung, dass sein Logo größer dargestellt werden muss oder bildschirmfüllend. Kein Wunder, dass sich bei vielen Webdesignern eine pathologische Form der Logo-Phobie einstellt.

Tatort Schreibtisch. Sie haben Ihrem Kunden soeben die Musterseite präsentiert, Ergebnis tagelanger Arbeit, höchster Konzentration und genauer Analyse. Sie haben ein passendes CMS gewählt, alle Inhalte semantisch korrekt ausgezeichnet und sorgfältig die CSS-Datei geschrieben. Sie haben IE-Bugs ebenso elegant umschifft wie die möglichen Barrieren in der Zugänglichkeit. Auf das Design können Sie stolz sein und die Umsetzung der komplexen Informationsarchitektur in eine benutzerfreundliche Navigation ist Ihr Meisterstück. Das Telefon klingelt. Ihr Kunde ruft an, um Ihre Arbeit angemessen zu würdigen: "Für den Anfang nicht schlecht, aber das Logo ist zu klein."

Die Sicht des Kunden

Während der Webdesign-Novize noch glaubt, er habe solche Kunden nur zufällig hintereinander erwischt wie eine wiederkehrende Grippe, reift beim erfahrenen Profi der Verdacht, dass hinter dem Wunsch nach einem großen Logo auf der Website eher System stecken muss. Hat man erst zwei Dutzend Kunden bedient, wird aus dem Verdacht schnell eine fast pathologische Gewissheit.

Jeder Webdesigner sollte die hohe Kunst der inneren Ruhe beherrschen. Eine harte Schule, wenn die Wortbildmarke bereits ein Drittel des üblichen Viewports einnimmt und der Kunde feststellt, dass die von einem offensichtlich mikroskopbewaffneten Grafiker eingesetzte Mikro-Schrift nicht ganz sauber dargestellt wird. Folge: das Ganze soll noch ein ganz bisschen größer werden, heißt: mindestens 50 Pixel. Wer nun auf seiner Professionalität beharrt und mit schlechter Usability oder zu hohen Ladezeiten kontert, wird das schnell bereuen. Der Kunde klärt den Webdesigner dann auf, das Logo würde einfach nicht so gut rüberkommen wie auf dem Hochglanzprospekt, den er natürlich zum Vergleich neben den Monitor hält und dabei auch noch feststellt, dass sein Logo im Prospekt "mindestens 13 Millimeter größer " sei als auf seinem Laptop. Und dass auch der Internetausdruck des Tintenspritzers farblich ganz anders aussehe als am Bildschirm oder auf dem Prospekt. Beendet wird das Gespräch immerhin versöhnlich: "Muss nicht bildschirmfüllend sein, machen Sie es einfach genauso groß wie in der Imagebroschüre."

Nun gibt es genügend Verschwörungstheorien zu den ungelösten Fragen der Menschheit, Außerirdische, Illuminaten, CIA oder alle zusammen gelten als die üblichen Verdächtigen. Betrachtet man sich die Websites, die in den vergangenen Jahren unter dem Begriff Web 2.0 veröffentlich wurden, könnte man angesichts der vielen aufgeblähten Logos glauben, dass dahinter ein mächtiger Geheimbund steckt, der mehrheitlich aus Webdesign-Kunden besteht.

Natürlich ist ein größeres Logo nicht der einzige Kundenwunsch, der bei Webdesignern zu täglichen Bissabdrücken in der Schreibtischplatte führt. Sollte es einen "Großorden großer Logos" geben, dann existiert auch ein Geheimbund für reduzierte, hellgraue Schrift auf weißem Grund und eine Loge für die Freunde Flash-basierter Navigation.

Das Dilemma der flachen Mittelmäßigkeit, der wir täglich im Netz begegnen, ist jedoch nicht allein den falschen Vorstellungen und Annahmen der Kunden geschuldet. Es stellt sich die Frage, woher die Kunden ihre Wünsche ursächlich beziehen, sofern sie doch keine Geheimbünde organisiert haben. Es muss also andere Quellen und Gründe für diese Vorstellungen geben, die jenseits einer angenommenen Dummheit all der Kunden liegen.

Darf’s noch etwas größer sein?

Kurzer Szenenwechsel: auch die Verantwortlichen bei Audi haben entdeckt, dass große Logodarstellungen kleinere Schriften in der Wortmarke erlauben. Im Fontblog kann man nachlesen, dass mal wieder Optimierungsbedarf in der Gestaltung des Logos nötig war und bei der Schriftgröße Einsparpotenziale erkannt wurden.

Ob die Wortbildmarke gelungen ist, wird nicht das Problem der zuständigen Webdesigner. Ein Problem wird es aber, das bestehende Logo in gleicher Größe auf der Website auszutauschen. War die Website bisher ein Beispiel für die ausreichende Größe eines kleinen Logos im Kopfbereich einer Website (80 x 70 Pixel), wird nun wohl eine kleine Änderung nötig sein, denn in dieser Größe wird die neue Wortmarke weder auf das Wohlwollen der Verantwortlichen noch auf die Nutzbarkeit der Webuser stoßen. Fazit: das Logo muss größer werden.

Der Webdesigner als letztes Glied

Die Kunden, die solche Ergebnisse im Web betrachten, können also mit zahlreichen Beispielen belegen, dass Logos im Web eben doch groß sein können – sie orientieren sich an den Gegebenheiten des Webs, unabhängig von den Qualitäten. Als Webdesigner kann man die Kunden auch mit Geduld und richtig eingesetztem Sachverstand von der Angemessenheit webgerechter Gestaltung überzeugen.

Während man bei Audi von einem professionellen und gut überlegten Hintergrund für die Entscheidungen ausgehen kann, die das Problem der Logoeinbindung auf der Website einschließen, sieht der Alltag kleiner Werbebudgets anders aus. Wenn auch das Web eine immer wichtigere Rolle im Branding spielt, es scheint noch nicht bei allen Grafikdesignern und Agenturen angekommen zu sein, dass eine Gestaltung, die im Print einwandfrei funktioniert, noch lange nichts über die Gebrauchstauglichkeit im Medium Web aussagen kann.

Für die meisten Nutzer ist das Web heute nicht nur genauso selbstverständlich wie die Printmedien, sie nehmen mittlerweile auch die Unterschiede wahr. Dass sogar professionelle Agenturen diesen Unterschied offensichtlich nicht erkennen oder wahrhaben wollen, führt dann wiederum zu Missverständnissen beim Kunden, der sich eine für Printmedien superschicke Außenwirkung hat aufschwatzen lassen, inklusive einer kontrastarmen Wortmarke, die auf der Website nur noch in XXL-Größe dargestellt werden kann und damit als medienübergreifendes Logo von vornherein ungeeignet war. Die Agentur erstellt auch gleich das Webseitenlayout, präsentiert als schönen Ausdruck auf Karton. Der Webdesigner wird nicht gefragt und muss versuchen, etwas zu retten, was von vornherein nicht mehr zu retten war. Er spielt damit die Rolle eines Pathologen, der zwar als Arzt kompetent sein kann, aber immer zu spät dran ist.

Nicht nur die Hobbygrafiker, auch die auf Print fokussierten Profis sollten den Webdesigner endlich ernst nehmen und nicht als einen ausführenden Hilfsarbeiter am Ende der Kette betrachten. Er ist der kompetente Ansprechpartner für das vermutlich aufregendste und flexibelste Medium der Gegenwart. Wenn diese Zusammenarbeit gut funktioniert, sind mediengerechte und professionelle Ergebnisse garantiert. In Print und Web gleichermaßen.

Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.

Felix Schrader

Kommentare
Gravatar Webdesigner 28.08.2009
um 12:23 Uhr
Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen, aber wer ist so mutig und erzählt das dem Kunden? Oder wer hat soviel Ausdauer und erklärt es den Holzmenschen (Printler)? Fragen über Fragen... #zitieren
Gravatar grafiker 28.08.2009
um 12:29 Uhr
Normalerweise macht man vorher ein paar Screen-Entwürfe und setzt das dann um... tststs #zitieren
Gravatar Holzmensch 28.08.2009
um 12:35 Uhr
Die Meisten Webdesigner geben sich aber auch als solchen, ausführendes Organ und haben häufig mehr technisches als gestalterisches Wissen.
Ich denke da sollten die Webdesigner selbst etwas dran arbeiten.
#zitieren
Top Kommentar der Woche
Gravatar Jens Grochtdreis 28.08.2009
um 14:01 Uhr
Wie kommst Du darauf, daß man bei Audi "selbstverständlich" auf das Web geachtet hätte? Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß Print und Web von zwei unterschiedlichen Agenturen gemacht und innerhalb der Firma von komplett unterschiedlichen Bereichen betreut werden. Die reden nicht miteinander, wissen nicht von den anderen Bedürfnissen und Plänen.
Und selbst wenn die Agenturen miteinander sprächen könnte es noch immer sein, daß sich das Problem nicht lösen liesse. Ich habe langsam den Eindruck, daß es unterschiedliche Sichtweisen gibt, die davon Abhängen, ob man beruflich mit Grafik zu tun hat oder nicht. Und der normale Kunde hat dies nicht. Der empfindet vielleicht sogar Amazon als schön. (grusel)
#zitieren
Gravatar johannes 28.08.2009
um 18:24 Uhr
http://www.youtube.com/watch?v=qgcX0y1Nzhs #zitieren
Gravatar Stefan Amport 29.08.2009
um 08:07 Uhr
Hatte zwar das "zu kleine Logo" Phänomen noch nie. (Liegt wohl an an der Schweiz ;-) Aber viele erkennen tatsächlich die entscheidenden Unterschiede zwischen Web und Print nicht und möchten Ihren Firmenflyer 1:1 im Internet haben. Mit etwas Aufklårungsarbeit über die Möglichkeiten gelingt aber meist ein Schritt im die richtige Richtung. Vorausgesetzt der Kunde nimmt die Beratung auch an und ist offen für Neues. #zitieren
Gravatar wieselectric 31.08.2009
um 14:47 Uhr
das passt dazu: http://makemylogobiggercream.com/ #zitieren
Gravatar LSR 08.09.2009
um 04:09 Uhr
Stefan Amport:
Hatte zwar das "zu kleine Logo" Phänomen noch nie. (Liegt wohl an an der Schweiz ;-) Aber viele erkennen tatsächlich die entscheidenden Unterschiede zwischen Web und Print nicht und möchten Ihren Firmenflyer 1:1 im Internet haben.

Du wirst es nicht glauben. So einen Kunden hatte ich zu Ausbildungszeiten, der mit den Ideen der Schule in einer Agentur gerannt war, sich ein Flyer machen lies und den 1 zu 1 ins Web übertragen hatte. Peinlich, wenn es doch so viele ergeizige Designschülerchen gab, die auf jeden Fall mehr hingekriegt hätten.
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Gravatar Stefan Amport 08.09.2009
um 06:50 Uhr
LSR:
Du wirst es nicht glauben. So einen Kunden hatte ich zu Ausbildungszeiten...


Hehe, das glaube ich dir sofort ;-) Schlimm finde ich, wenn man als Gestalter oder Webdesigner den Kunden nicht darauf aufmerksam macht. Sondern einfach blind seinen Wunsch umsetzt.
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Gravatar 11.09.2009
um 11:53 Uhr
Ach wie wahr!!!!! #zitieren
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