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17. Juli 2008

RIA – Zauber- oder Unwort?

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Rich Internet Applications: Dieser Begriff sollte für Macromedia zusammenfassen, was Flash-Anwendungen alles können. Damals wurde der Begriff, nicht zuletzt von mir, belächelt. Das Rich steht sinngemäß für reichhaltig, sprich, mit vielen Funktionen und Möglichkeiten versehen. Einen schwammigeren Ausdruck könnte man sich kaum ausdenken. Die Intention von Macromedia war, dass Flash-Anwendungen eben mehr können als andere herkömmliche Webanwendungen.

Heute benutzen wir die Bezeichnung RIA, ein Akronym, das eigentlich noch wesentlich sinnfreier ist als AJAX, recht selbstverständlich. Das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass sich RIA zum Gattungsbegriff entwickelt hat. Wie sonst könnte man so unterschiedliche Technologien wie AJAX und Flash unter einen Hut bringen. Und auch neue Herausforderer wie Microsofts Silverlight wollen ja eingeordnet werden. Was liegt näher, all diese "angereicherten" Anwendungen mit ihren möglichst schlauen Clients als RIA zu bezeichnen?

Das Patent

Übrigens, für RIAs gibt es auch ein sehr allgemein gehaltenes Patent. Neil Balthaser, Chef der gleichnamigen Firma Balthaser Online Inc., beschreibt darin Vorgehensweisen zum Erstellen von Rich Media Applications. Dass da Media statt Internet steht, sollte übrigens nicht verunsichern. Der Medienbegriff gehört auch zu den inflationär eingesetzten Phrasen und macht das Patent nur noch ein wenig breiter.

In der Realität hat sich Herr Balthaser allerdings zuerst auf die ganzen Flash-, Flex-, AJAX-, Java- usw. Anwendungen eingeschossen. Dafür wollte er nach der Eintragung 2006 gerne Lizenzgebühren. Doch wir dürfen nicht zu weit vom Weg abkommen: Das Patent ist natürlich Quatsch und hat große Entrüstung ausgelöst, hatte aber keine weiteren Konsequenzen. Interessant ist allerdings, dass es auch das Patent nicht so richtig schafft, den Begriff RIA näher zu definieren.

Was ist Rich?

Es bleibt mir an dieser Stelle somit nichts anderes übrig, als eine eigene Definition vorzuschlagen. Rich Internet Applications sind für mich anspruchsvolle Anwendungen und zwar in verschiedenerlei Hinsicht. Grafisch sind sie oft aufwändig – vor allem spielt der Aspekt Vektorgrafik bei Flash und Silverlight eine große Rolle und hebt diese Arten der Anwendung vor allem im Animationsbereich deutlich von den AJAX-Möglichkeiten ab. Der zweite Aspekt, in dem RIAs mehr können, ist die Nutzerinteraktion. Das Webprinzip ist einfach: Der Nutzer klickt auf Links und füllt Formularfelder aus. Mehr ist nicht möglich. Doppelklick, Drag&Drop und andere Arten der Mausinteraktion erweitern das. Aber auch die Tastatursteuerung ist ein neuer Aspekt und kann Zeichen für eine RIA sein.

Diese Fähigkeiten sind im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich. Aber auch die
clientseitige Logik wird in RIAs gestärkt. Denken Sie nur an den AJAX-Ansatz, neue Informationen in einer Website einzubauen, ohne alle Inhalte neu zu laden. Aus Flash schon lange bekannt und in anderen RIA-Technologien wie Silverlight natürlich auch möglich, sorgt diese Funktionalität dafür, dass der Nutzer eine unmittelbarere Reaktion auf seine Interaktion erhält.

Zu einer ausgewachsenen Anwendung wird das Ganze, wenn die verbesserte Oberfläche Daten mit dem Server austauscht und vielfältige funktionale Möglichkeiten besitzt. Eine hübsche Flash- oder Silverlight-Website ist oft in Sachen Nutzerinteraktion und Optik "rich". Eine ausgewachsene Anwendung verstehe ich darunter aber erst, wenn dahinter beispielsweise komplexe Produktdaten stecken, die zwischen serverseitiger und RIA-Technologie ausgetauscht werden. Ein nettes Banner ist demzufolge natürlich auch keine RIA, obwohl es mit einer RIA-Technologie erzeugt wird. Sie sehen also, nach wie vor eine schwammige Einteilung, aber wir wissen nun trotzdem alle, was wir mit einer RIA meinen.

Reicher

Im Moment sind im RIA-Bereich unheimlich viele Trends zu beobachten, ohne dass die Ergebnisse schon klar wären. Zum einen gibt es mehrere RIA-Technologien, die sich um den Platz an der Sonne streiten. Zum anderen sind gute RIAs oft noch ein Privileg größerer Unternehmen oder von Unternehmen aus bestimmten Bereichen wie etwa Trendsport und Agenturen. Dies liegt an der nicht unerheblichen Komplexität, die durch gesteigerte Nutzerinteraktion und mehr clientseitige Logik entsteht. RIA-Projekte werden teurer als klassische Websites. Andererseits sorgt das Voranschreiten von AJAX-Bibliotheken und vorgefertigten Effekten dafür, dass manch ursprünglich "reiche" Nutzerinteraktion bald zum Allgemeingut wird.

Daneben bringen RIA-Technologien ganz neue Möglichkeiten für Anwendungen, die bisher noch gar nicht webbasiert abliefen: Statistik- und Reportingtools, prozessorientierte Software und viele andere Arten von Intranet- und Extranetanwendungen sind auch mit RIA-Client vorstellbar. Adobe und Microsoft stehen hier mit AIR und Silverlight schon in den Startlöchern, RIA-Anwendungen näher an den Desktop heranzubringen und sie damit noch etwas reicher zu machen.

Diese Kolumne kümmert sich um diese Trends und berichtet dabei aus der RIA-Welt. Und egal, ob wir alle mit RIAs reich werden oder nicht, spannend wird es auf alle Fälle!

Tobias Hauser (http://www.hauser-wenz.de) ist Autor, Trainer und Berater mit Schwerpunkt Webprogrammierung und -design. Er ist regelmäßig für verschiedene Fachmagazine tätig und spricht auf Konferenzen im In- und Ausland

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