30. Oktober 2009
Tipps vom Verbesserer
Neid muss man sich verdienen, Mitleid bekommt man geschenkt. Ganz besondere Präsente sind die freundlichen Hinweise auf wirklich katastrophale Fehler bei der Erstellung von Webseiten. Diese Hinweise kommen nicht von den eigenen Kunden, sondern von "Kollegen".
Von Kunden ist man Aussagen wie "nette Seite, aber das Logo ist zu klein" gewohnt. Das gehört zur täglichen Praxis der Webentwicklung wie der Schnupfen zur Erkältung. Die E-Mails von Kollegen stoßen einen schonungslos auf die wirklich relevanten Lücken der eigenen Kompetenz. Plötzlich wird man mit dem Schrecken inkonsistenter URLs einer Webseite konfrontiert. Zeile 134 offenbart das Grauen, weil dort jemand ein nicht maskiertes Ampersand entdeckt hat. Schlimmer noch, ein Analyseprogramm zeigt auf einer Seite eindeutig, dass die Sprungmarke auf einen Anker volle zwei Pixel der dortigen Überschrift abschneidet. Schlaflose Nächte bereitet auch die Tatsache, dass die kleine Vereinsseite fahrlässig mit einem CMS umgesetzt wurde, das einen schlechten Editor mitbringt. Wer sind diese Verbesserer, die einem das Leben schwer machen, offensichtlich aber nur das Beste wollen?
Stimmen aus dem Off
Als Webdesigner bewegt man sich ständig in einer stark frequentierten virtuellen Gemeinde von Gleichgesinnten. Eine ganze Reihe von Kollegen kennt man entweder online über Mailinglisten und diverse Social Networks, oder man trifft sich auf Barcamps, Konferenzen und Tagungen. Nur äußerst selten lernt man jedoch diejenigen kennen, die sich nicht entblöden, auf mikroskopisch kleine Haare in der Suppe zu verweisen. Luxusprobleme, die man in der Praxis der Webentwicklung gern ausschließlich hätte.
Es sind nicht anonyme Kommentar-Deppen und Dummschwätzer, die jeder Blogbetreiber sowieso schon in Kauf nimmt. Nein, die E-Mails erscheinen fein säuberlich im Postfach, ausführlich dokumentiert, inklusive vollständiger Signatur. Die Verbesserer nehmen nicht die Verursacher zahlloser Schrottseiten aufs Korn, sondern etablierte Webdesigner, die in der Szene bekannt sind und die sich in der Regel für Qualitätsstandards einsetzen. Inhaltlich lassen sich die verfassten Nichtigkeiten in drei Kategorien unterteilen: Technik, Design und Usability.
Solch ein Schubladendenken ist zwar immer eine willkürlich konstruierte Haarspalterei, aber damit passt es ja zur beschriebenen Klientel. Was diese Verbesserer dazu verleitet, Mühe und Zeit für nutzlose und damit völlig obsolete Mitteilungen zu investieren, wird durch die Beispiele klarer. Den Betreiber der Website interessieren diese persönlichen Geschmacksfragen, falschen Annahmen und realitätsfernen Hypothesen und Haarspaltereien nur in den seltensten Fällen – von den Nutzern, für die das Web geschaffen wurde, ganz zu schweigen.
Böse Fehler im System
"Sie haben das CMS XYZ verwendet, obwohl es bekanntermaßen bei großen Nutzerzahlen nicht performant ist und Mehrsprachigkeit nicht umfassend genug unterstützt? ZYX ist da weitaus besser. Ich habe außerdem gesehen, wo die Seite gehostet ist. Massenprovider bieten m. E. kein gutes Angebot für Profis." Ja, das wird für die kleine Arztpraxis ein echtes Problem, wenn an einem Tag plötzlich der tausendste Nutzer drei lange Sekunden länger warten muss, um dann verzweifelt festzustellen, dass zur Schweinegrippenimpfung nicht mal Informationen in englisch, französisch und albanisch vorliegen. Damit hat sich der Entwickler faktisch schon eine Schadenseratzklage in den Code gesetzt.
Und warum gibt sich der Webdesigner tatsächlich nicht mal wieder den Kick eines KK-Antrags, den der Kunde nicht versteht und versehentlich falsch oder gar nicht ausfüllt. Man hat dann wahlweise entweder schöne neue Zeitpuffer für andere Projekte oder kauft die Domain vom Grabbber zurück. Als Webdesigner darf man für den Tipp des Providerwechsels nicht nur die neuen Postfächer am Kunden-PC einrichten – man kommt auch mal wieder raus, weil der Kunde 200 Kilometer entfernt sitzt.
"Beim IE6 sieht die Navigation völlig anders aus als im IE8 oder Firefox, das ist für Firmennutzer verwirrend." Jawohl, viele Menschen fahren unachtsam mit einem modernen und sparsamen Auto und beachten nicht den armen Fahrer eines 52er Buick, der ohne Servolenkung, ABS und mit sattem Verbrauch seine Tonne Blech erneut auf der Tankstelle rangieren muss. Wir Webdesigner sind genauso herzlos: Gerade der Nutzer im Firmennetzwerk muss doch bei der stundenlangen und sorgfältigen Planung seines privaten Urlaubs in Dänemark genau dasselbe sehen wie zuhause am modernen PC.
Wichtig ist auch ein gesunder Validierungsfetischismus. Es gibt gedankenlose Webdesigner, die ohne Bedacht tatsächlich WAI-ARIA auf Ihren Webseiten einsetzen. Das mag bezüglich der Barrierefreiheit sinnvoll sein, doch wehe, ein Verbesserer prüft die Seite! Ist es denn ein Wunder, dass der Webdesigner – gelegentlich auch der Betreiber der Webseite – eine E-Mail als Quittung serviert bekommt, die diesen Missstand erbarmungslos aufdeckt? Genau so schlimm sind natürlich auch eingebundene iFrames von GoogleMaps und die verruchten Google- oder Amazon-Werbeanzeigen, die eine Webseite auf das Qualitätsniveau einer Müllhalde herunterziehen. Die E-Mails dokumentieren bei hartnäckig lernresistenten Webdesignern nicht nur die Anzahl der Fehler, zum besseren Verständnis wird die Liste des Validators gleich per copy/paste eingefügt.
Die Farben und Benutzerführung gehen gar nicht
Wir alle können nur erahnen, was Gerrit van Aaken so alles zum satten Grünton seines bekannten Blogs praegnanz.de neben den Kommentaren auch als E-Mail zu hören bekommt, aber man kann davon ausgehen, dass vieles in die Rubrik "finde ich nicht schön" fällt. Ist jemand als ausgewiesener Designer qualitativ nicht angreifbar, müssen halt handfeste Argumente ins Feld geführt werden, um endlich mal richtig Kritik üben zu können. Das reicht dann von "passt nicht zur Branche" über "zu branchentypisch" bis zu "farbpsychologisch suboptimal".
Grobe Fehler machen Webdesigner auch bei der Headergrafik. Sie ist entweder zu bunt, zu prominent, nicht aussagekräftig genug, farblich unpassend oder inhaltlich unpassend. Ob eine Webseite dem professionellen Corporate Design eines Unternehmens folgt oder einfach nur den persönlichen Vorlieben der Kunden entspricht, ist nebensächlich, das darf keine Rolle spielen. Natürlich geht es nie um den persönlichen Geschmack des Verbesserers, sondern um klare, eindeutige und für jeden Profi ersichtliche Aussagen.
Bei der Usability leisten sich die Großkopferten ganz gefährliche Schnitzer. Wer es nicht schafft, lächerliche zehn vertikale Menüpunkte im Viewport unterhalb von Headergrafik und horizontaler Navigation zu platzieren, hat seine Existenzberechtigung verloren. Das gilt selbstverständlich auch für Luschen, die es wagen, JavaScript oder gar flashbasierte Headerbilder einzusetzen. Häufig werden auch Navigationen zur Stolperfalle der Professionalität. Verwenden Sie den Begriff Makuladegeneration als Menübezeichnung, ist das "für den Nutzer völlig unverständlich und sehr lang". Eben. Man kann das auf der Webseite des Augenarztes einfach ändern, indem man zum Beispiel die medizinische Abkürzung MD wählt oder vielleicht Makdegen, so wird es gleich viel kleiner.
Eiland-Profis
Im Gegensatz zu den Dummschwätzern in Blogkommentaren oder Kunden, die auch keinen Einblick in die Materie haben, hat man es bei den Verbesserern um Webworker im weitesten Sinne zu tun, die sich nur in dem einen Bereich auskennen, den sie in ihren E-Mails thematisieren. Modernes Webdesign ist aber nichts für Eiland-Profis, sondern ein hochkomplexes Gebiet, das viele Aspekte beinhaltet. Ziel dieser Leute ist es leider nicht, konstruktive Beiträge zu leisten, es zählt nur die Verwirrung. Ignoranz ist das schlimmste, was ihnen passieren kann. Man sollte es also tunlichst unterlassen, auch nur mit einer Zeile als Antwort weitere Zeit mit ihnen zu verschwenden.
Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.
Edit: Und dieses blöde Pseudo-Captcha stellt sogar mich vor Probleme. Man kann von seinen Besuchern nicht erwarten, dass sie hochkomplexe Matheaufgaben lösen. Wir sind hier ja nicht bei der Hausaufgabenhilfe. #zitieren
Tja Dr. Psycho wird nix mit dem neuen Mercedes. Mein Geld bekommst du nicht mehr. So Scheiße bin ich nämlich gar nicht wie ich gerade erfahren durfte. #zitieren
Ich muss ja zugeben, dass ich einem größeren Versicherungsunternehmen auch mal ne „nette“ Mail hab zukommen lassen – nicht als Webentwickler, sondern als frustrierter Fast-Kunde. Nur funktionierte die halbe Seite weder im Firefox und Safari – ich wollte mich über deren Angebote informieren, nur konnte nicht. Der ausschlaggebende Faktor war dann auch wirklich die dahinter stehende Agentur, die von sich aus sehr großspurig ihre gestalterische „Überlegenheit“ pries, der technische Hintergrund aber extrem niedrig angesetzt war.
Das war allerdings eine Ausnahme.
Ich denke, es spricht nichts dagegen, auf defekte Links, gravierende Rechtschreibfehler oder ähnliche kleinere Probleme hinzuweisen – wenn es denn eben nicht im Jargon eines überheblichen Schaumschlägers daherkommt, wo man sich schon die Frage nach einer adquaten Erziehung stellt.
Ansonsten: Kopf hoch. Die anderen sollen’s halt besser machen … #zitieren
Man, hat das gedauert!!
Mache ich nie wieder!
Danke! #zitieren
Dieser Artikel: Weltklasse! Da ist da auch ein Augenzwinkern versteckt und - viel interessanter - ein noch tieferer Kern. Greife das demnächst evtl. mal im Blog auf.
Aber Tags "nils pooker". Hmhm. ;-) #zitieren
es geht auch anders herum!
Ich bin zwar kein "Verbesserer", doch bin ich auch kein alteingesessener Webdesigner. Ich bin einer, der gerne Webseiten erstellt. Ich finde Barrierefreiheit erstrebenswert und ich bin ein "Hakenjäger"! Alles was es zu validieren geht versuche ich mal! Graphisch bin ich sehr schlecht. Aber: Ich bin selbstständiger Webdesigner! Nebenberuflich versteht sich. Ich würde mir nicht zutrauen, andere zu kritisieren und ich bin "Miternährer" von Gerrit.
Unsoversity ist prima! Weiter so!! Meine Piepen sind Euch sicher!!!
Aber nun kommt´s : So ein Niemand wie ich, der bekommt doch tatsächlich eine Email über das "hausinterne" Kontaktformular von Einem, der sich mit Webdesign seinen Lebensunterhalt zu verdienen scheint.
Frei zitiert geht es ihm vorwiegend darum, mal etwas loszuwerden, was ihm auf der Zunge brennt. Meine Seite sei ein Beweis mehr, dass Barrierefreiheit wirklich optisch schönes Design total verhindert. Meine Seite sei ja das Schlechteste, was er seit langem gesehen hätte. Eine Schande für die Zunft. Design à la Win95 u.s.w..
Nachdem meine Tränen getrocknet waren, war ich total stolz. Ein Profi hat mich gefunden! Ich werde wahrgenommen. Ich bin wer! Ja, jetzt bin ich endlich ein echter Webdesigner, wenn auch der schlechteste, den es zu geben scheint. Also freue ich mich über mein riesiges Verbesserungspotential. So viel scheint neimand anderes zu haben. Schon gar keiner, der Webdesign gelernt oder gar studiert hat. Ich freue mich so!
Ansonsten kann ich mich nur allen hier anschließen:
Danke für den sehr erheiternden Artikel!
Wir lesen uns!
philosapiens #zitieren
Allerdings erlaube ich mir dafür manchmal als Verbesserer aufzutreten. So z.B. hier mit dem Hinweis, dass beim Drucken des Blogbeitrags leider rechts Text abgeschnitten wurde. Wäre nett, wenn das behoben würde. ;-) #zitieren
Ich mag auch die Lobenden so gern, dies geht dann so:
"Also hervorragend wurde sie die neue Seite.Wirklich Monika, die ist hübsch. Dass jetzt die Ladezeit länger ist, hast Du sicher gewollt oder? - Wenn man das JS abschaltet, dann sehen die Tabs auch nicht mehr ganz so schön aus, doch ich bin mir sicher, dass Du dies weißt. Unte bei dem Slider, da sind manche Teile nur halb zu sehen, doch die, die ich sehe, die sind gut. "
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Jaja --ich mag sie die Kollegen, die mich loben genauso wie die , die per E-mail unverhohlen mir erklären, dass meine Seite da oben stört, weil da nur die wirklich guten Agenturen hingehören...
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Dein Artikel spricht mir tief aus der Seele - schön zu lesen, dass ich damit nicht allein bin.
lg
Monika #zitieren
(Aaaber: wieso steht der Titel eigentlich nicht im title?) #zitieren
































