27. Juni 2008
Twitter und die Folgen
Natürlich haben wir hier schon auf Twitter und das dahinterliegende Ökosystem aus Applikationen hingewiesen, doch es gibt noch einiges zu sagen. Denn im Umfeld von Twitter treiben sich eine ganze Reihe anderer – teilweise gar ältere – Applikationen herum, die man im Wesentlichen mit dem Label "Presence", Darstellung dessen, was man gerade tut oder wo man gerade ist, versehen kann.
Presence-Applikationen
Zu nennen ist da zunächst das europäische Jaiku, das aufgrund seiner stärkeren Mobile-Ausrichtung offenbar für Google interessanter war als Twitter und daher auf dessen Einkaufsliste gelandet ist. Seitdem ist von Jaiku nicht mehr viel zu hören. Vielleicht wird es als "Google Presence" wiedererweckt, in Google Talk integriert oder gar Teil des Mobile-OS-Android. Oder alles zusammen. Sagt zumindest die Glaskugel hier auf dem Schreibtisch.
Jaiku hat etwas vorweggenommen, was heute Friendfeed auszeichnet: Es dient als Aggregator aller RSS-Feeds, die man so produziert, und stellt in einer Timeline Blogeinträge, Flickr-Fotos, del.icio.us-Bookmarks und allerlei anderes dar – solange es nur RSS ausspuckt. Jaiku-Nachrichten waren von Anfang an kommentierbar und es gab "Channels", die heute in Twitter mittels #-Hashtags und externen Anwendungen wie Twemes.com bereitgestellt werden.
Jaiku, Pownce, Friendfeed & Co.
Ein eindeutiger Twitter-Nachfolger ist Pownce , das aber oft mit Twitter verwechselt wird. Es dient weniger der Verbreitung von Befindlichkeiten oder dem Chat als eher dem Verteilen von Mediendateien, entweder an definierte Gruppen – die Stärke von Pownce – oder an viele Kontakte. Man könnte es eher als Filesharing-Tool mit Broadcast-Funktion charakterisieren.
Das Metatool Friendfeed, gegründet von ausgestiegenen Googlern, vereint die Aggregation von RSS-Feeds und zeichnet sich gegenüber Jaiku vor allem durch eine bessere Usability aus. Erstaunlich, es wurde von vielen US-Usern schnell adaptiert. Die Featureschlacht zwischen dem Friendfeed-Tool "Altertthigy" und dem Twitter-Tool "Twhirl", die jeweils Funktionalitäten für das jeweils andere Netzwerk hinzufügten, trugen wahrscheinlich zur Verbreitung von Friendfeed bei. Dort ereignen sich via RSS und manuell aufschlagenden Hinweisen auf Netzquellen inzwischen mehr kontroverse Diskussionen als in manchen Kommentarbereichen von Blogs. Angesichts der Gespräche, die aus zahlreichen Blogs abwandern, sehen manche schon das Ende einer Diskussionskultur der Blogosphäre gekommen und bangen um die Verlagerung des Diskurses auf proprietäre Plattformen.
Großes Angebot, kein Inhalt
Lediglich ein kurzer "Vorfrühling" war Plurk beschienen. Es kam von Anfang an internationalisiert daher (inklusive Chinesisch), hatte definitiv die coolste Bedienoberfläche und wirkte bis ins Detail durchdacht. Aber gerade einmal 95 meiner über 1300 Twitter-Kontakte sind dort bisher zu finden. Und nicht wenige haben noch kein Profilbild hochgeladen, was nicht für eine intensive Nutzung spricht: Lediglich acht Messages kamen in der Stunde zwischen 15 und 16 Uhr an, in der dieser Artikel entstanden ist. Wahrscheinlich dienen Plurk und Friendfeed aktuell eher als Ausweichprogramm, wenn Server oder Datenbank von Twitter wieder mal in die Knie gehen.
Twitter war wahrscheinlich der Auslöser für die Statuszeile bei Xing – eine Assoziation, die man dort gar nicht gerne hört – und auch die Statusmeldung beim Adressenaggregator Plaxo, der sich massiv, aber stolpernd mit einem facebookartigen Lifestream auf "zweinull" getrimmt hat. Meine Plaxo-Seite mahnt schon, ich solle die Zeile mal wieder ändern, wahrscheinlich bin ich nicht der einzige, der dort veralteten Unsinn verbreitet.
Von den deutschen Twitter-Clones und deren eBay-Exits schweigen wir hier nicht nur, wir ignorieren sie.
Twitter-Schnittstellen
Der erste Zwonuller in deutschen Landen, der das "Prinzip Twitter" adaptiert hatte und damals gleich Blogger-Haue bezog, war Plazes, das einst coole WLAN-Jagd-Spiel, das kürzlich von Nokia eingekauft wurde. Inzwischen gibt es in Plazes eine Schnittstelle für Twitter und für andere Presence-Dienste, von denen aber wird in späteren Kolumnen die Rede sein.
Oliver Gassner
Felix Schrader
































