
14. Dezember 2010
Wikileaks Kinder – Openleaks und WAZ Recherche
Die Diskussion um Wikileaks war nach den jüngsten Leaks von US-amerikanischen Diplomatie-Depeschen nie größer. Die Einen sehen in der Whistleblower-Plattform eine Bedrohung, die Anderen eine Notwendikeit zur Informationsfreiheit. Doch im Schatten der aktuellen Debatte macht Wikileaks unterdess Schule: Ex-Mitarbeiter von Wikileaks gründen das Alternativportal OpenLeaks und auch die WAZ Mediengruppe geht mit einem anonymen Postfach für Informanten ähnliche Wege.
OpenLeaks
Hinter Openleaks steht Ex-Mitarbeiter der Whistleblower-Plattform Daniel Domscheit-Berg, der Ende September von seinen Aufgaben bei Wikileaks suspendiert wurde. Als Grund für seine Suspendierung gab Domscheid-Berg unter anderem Differenzen mit Wikileaks-Chef Julian Assange an. Interne Mitarbeiter bemängelten Crunchgear zufolge, dass sich die öffentlichen Diskussionen zu sehr um Wikileaks selbst und sein "Gesicht" Julian Assange drehten und immer weniger um die veröffentlichten Informationen. Das Konzept von Openleaks, das nächste Woche offiziell gelauncht werden soll, ist demzufolge ein anderes.

Im Interview mit der Sueddeutschen erklärt der 25-jährige Wikileaks-Aussteiger und Openleaks-Sprecher Herbert Snorrason das anvisierte Konzept. Demnach ist Openleaks weniger als Plattform zu verstehen und mehr als Infrastruktur für Leaks.
Der wichtigste Unterschied ist, dass wir selbst nichts veröffentlichen, nicht einmal Dokumente empfangen. Wir bauen nur ein sicheres Computer-Netzwerk, eine Art elektronischer Briefkasten. In den kann jeder brisante Dokumente werfen und selbst bestimmen, wer die Papiere bekommen soll.
Darin sieht man auch die Kritik verdeutlicht, die Domscheit-Berg und Snorrason am ehemaligen "Arbeitgeber" geäußert haben: "Ich hatte Julian Assange, unter anderem vorgeworfen, dass er zu viel allein entscheidet". Vorwürfe, zu denen sich auch Dormscheit-Berg in einem Interview mit dem NDR geäußert hat:
Das Recherche Portal der WAZ
Die WAZ will mit seinem Recherche-Portal ähnliche Wege gehen, wie Openleaks sie ab vermutlich kommender Woche plant. Auf der Seite derwesten-recherche.org will man Informanten ein sicheres Postfach bieten, über das sie sich mit vertraulichen Informationen an die Journalisten der WAZ wenden können. Das Recherche-Projekt der WAZ, im Rahmen dessen die Seite gestartet wurde, gibt es bereits seit 2009. Auf der Seite liest man:

Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die Zeugen zweifelhafter Vorgänge sind. Wir wissen genauso, dass es viele Menschen gibt, die über Dokumente, Filme oder Verträge verfügen, die sie veröffentlicht sehen wollen, um Missstände zu offenbaren und Diskussionen anzuregen.
Doch an dieser Stelle gilt es auch zu konstatieren, dass hier kein Medienkonzern – inspiriert vom Vorbild Wikileaks – revolutionäres Neuland betritt, sondern (lediglich) eine journalistische Grundregel befolgt: Der Schutz von Informanten. Denn auch mit der Diskussion um das Pro und Contra Wikileaks vergisst man, dass "Leaks" im Sinne vertraulicher Informationen eine wichtige Quelle eines jeden Journalisten sind und waren – man denke nur an Watergate. So will auch die WAZ eine sichere Infrastruktur schaffen, zu der potentielle Informanten Vertrauen aufbauen können.
So gesehen profitiert das Recherche-Portal der WAZ gerade vom Trubel um das Mutterschiff der Whistleblower und erhält sicherlich die gewünschte PR. Doch macht sie auch deutlich, dass aufgedeckte Skandale seit jeher auf Lecks in vertraulichen Informationssystemen zurückzuführen sind und diese sich im digitalen Zeitalter lediglich neu strukturieren.
Was war, was kommt
Wikileaks ist letztendlich ein Phänomen, dass sich im digitalen Zeitalter entwicklet hat. Fasst man die Schwachpunkte, die die Ex-Wikileaks-Mitarbeiter in der Struktur der Plattform verorten, zusammen, so liegt das Problem letztendlich darin, dass Wikileaks zuviel Gesicht bekommen hat. Der Rummel um die Person Assange und die Diskussion um Wikileaks an sich ließen vergessen, dass es sich letztendlich um nichts anderes als ein Postfach handelt – wenigstens seit dem letzten Leak. Arbeitete man zuvor das geleakte Material redaktionell noch selbst auf, so war dies bei den rund 250.000 Cables nicht mehr zu bewerkstelligen, und man leitete das Material in die vertrauensvollen Hände renommierter, internationaler Medien. Damit reduzierte sich die Plattform zum Mittler, der zwischen die traditionelle Verbindung von Journalist und Informant getreten ist.
Und ebenso, wie Debatten weg von veröffentlichten Geheimdokumenten gehen und hin zu Wikileaks an sich, bestätigen sich neue Konzepte wie Openleaks oder das WAZ Rechercheportal. Die Informationen werden nach wie vor an die Öffentlichkeit treten, nur der Weg wird erleichtert und der aktuelle Stein des Anstoßes verschwindet. Wo Wikileaks versagt hat können neue Konzepte Wege schaffen, die aktuelle Dikussionen obsolet machen. Informationsfreiheit hin oder her: An wen hätte sich heutzutage wohl Deep Throat gewand?
Jürgen Telkmann

























