4. Dezember 2009
Wissen, Werte, Wertschätzung
Das Web ist ja so frei. Niemals zuvor war es so einfach, am Wissen, den Erfahrungen und Lösungen von Millionen von Menschen teilzuhaben. Und niemals zuvor scheint es so wenig Wertschätzung für die Leistungen Dritter gegeben zu haben.
Ende des 15. Jahrhunderts: Lorenzo de Medici lässt einen antiken Amor fälschen, um ihn in Rom als Original zu verkaufen. Er ist gut damit beraten, dafür den jungen, hochbegabten und handwerklich perfekten Michelangelo zu wählen. Ungefähr 400 Jahre später, 1980: Zwei meiner Schulkameraden erhalten für ihre Komposition eine glatte Eins im Fach Musik. Später stellt sich heraus, dass es sich dabei um Sequenzen verschiedener Musikstücke gehandelt hat – zusammengemixt mit dem Profi-Equipment eines älteren Bruders.
Wieder etwas später, nämlich heute, braucht man weder handwerkliches Geschick noch teures Equipment, um das eigene Gehirnschmalz zu schonen – ein billiger PC mit Internetzugang reichen völlig. Michelangelo bekam immerhin einen geringen Lohn für seine Meisterleistung. Und während der Bruder der Schulkameraden vermutlich ein Dankeschön für die Nutzung seines kostspieligen Hobbies erhielt, kann die Mehrzahl der Wissensverbreiter im Web damit nicht rechnen.
Nutzerwandel – Wertewandel
Im analogen Zeitalter wusste jeder, dass eine noch so gute Musikkassette nie die volle Qualität einer Schallplatte aus Vinyl erreichen konnte. Für die Musikindustrie waren diese Privatkopien deshalb kein Problem. Mit der Kombination von Digitalisierung, Internetzugang und P2P-Netzwerken war die Ruhe um die private Nutzung vorbei. Aber es ging fast bis zum Ruin einiger Labels, dass aus den Ideen einer Kombination digitaler Musikdatenbanken, Nutzungs- und Bezahlsystemen erfolgreiche Geschäftsmodelle entwickelt wurden, die der Musikindustrie wieder Umsätze bescherten.
Nun kann sich der grundsätzliche Wert und die Bewertung von Daten sowie Informationen nur durch ein anderes Medium selbst nicht ändern – selbst wenn diese Tatsache immer noch nicht überall angekommen ist. Mit der Verbreitung des Webs haben sich nicht nur die Informationswege und die Schnelligkeit ihrer Weitergabe radikal verändert.
Was sich aber vor allem grundlegend geändert hat, ist die Wertschätzung dieser Daten. Während die oben genannten Beispiele allenfalls eine Anekdote der Kunstgeschichte oder ein unvergessliches Erlebnis privater Erinnerungen bleiben, tritt mit der freien Verfügbarkeit unendlicher Datenmengen der bewusste und wertschätzende Umgang damit in den Hintergrund. Nicht, weil das Angebot kostenlos ist, sondern weil es ein massenhaftes Überangebot an Daten gibt, scheint sich der Wert relativiert zu haben.
Das Weltwissen für alle und überall?
Im Zeitalter des grenzenlosen Netzes wird in einer Petition gefordert, dass aus Steuergeldern finanzierte Outputs wissenschaftlicher Institutsarbeit grundsätzlich kostenlos zur Verfügung stehen sollten. Richtig ist, dass gerade die Wissenschaftler am bisherigen Geschäft der Fachveröffentlichungen nicht beteiligt sind. Einige Bürgerinnen und Bürger interessieren sich vielleicht auch für „Hochtemperatursupraleitung in Keramiken aus Kupferoxiden“ (Nobelpreis Physik 1987, PDF), sodass es sich lohnt, dafür geeignete Hebel des freien Zugangs in Bewegung zu setzen. Erstaunlicherweise redet man nicht davon, ob solche Webpublikationen dann nicht auch zwingend für alle frei zugänglich, also barrierefrei sein müssen. Nur halbherzig werden die Fragen nach Qualitätsstandards dieser Veröffentlichungen oder einer sinnvollen Vergütung der Urheber behandelt.
Goethe gilt als letzter Mensch, der nicht nur das gesamte Wissen seiner Zeit besaß, sondern zu diesem Wissen auch noch erheblich beitragen konnte. Macht der freie Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus unserer Gesellschaft ein Land von Dichtern, Denkern und Wissenschaftlern? An jeder Werkbank also ein Bildungsbürger? Wohl kaum. Heute können viele Nutzer nicht einmal so alt werden, um jedes der Musikstücke auf der Festplatte mehr als einmal zu hören, die sie im Laufe von Monaten von den bereits erwähnten P2P-Netzwerken heruntergeladen hatten. Und dazu benötigt man nicht einmal die Fähigkeiten wissenschaftlichen Denkens.
Die bequeme Leichtigkeit der Gier
Man muss nicht vehement alle Initiativen zur Wahrung des Urheberrechts wie den Heidelberger Appell unterstützen. Bei den Initiativen vermisst man zwar gelegentlich eine differenzierte Analyse, wenn etwa die zweifelhaften Geschäftspraktiken wissenschaftlicher Fachverlage und die Problematik angemessener Zugänglichkeit mit Urheberrechtskonflikten vermischt werden. Erstaunlich ist hingegen, dass solche Initiativen bei vielen Webaktivisten sofortige Beißreflexe hervorrufen. Den Unterstützern und Initiatoren wird dann per se reaktionäres Denken, Protektionismus oder eine elitäre Behinderung der Wissensfreiheit vorgeworfen. Das zweifelhafte Geschäftsmodell von GoogleBooks wird dagegen von den Webworkern kaum zur Kenntnis genommen oder gar kontrovers diskutiert.
Wie so oft, wird auch hier der Begriff der Freiheit instrumentalisiert und für die Verteidigung des persönlichen Rechtsempfindens missbraucht. Es geht nicht um Werte, Nutzen oder Honorierung. Wir haben es mit einer Mitnahmementalität als Selbstverständlichkeit zu tun, möglichst alle Inhalte im Web sofort, frei und kostenlos verwenden zu können. Die Entwickler unter den Webworkern merken das schnell, wenn es um die Wertschätzung ihrer kostenfrei zur Verfügung gestellten Arbeit geht. Die Stunden und Tage, die der Entwickler für eine Problem- oder Bedarfslösung investiert hat, spielen keine Rolle: GPL kostet ja nichts, also auch kein Dankeschön. Kommentare wie "Geldspenden bringen mir einen Nachteil gegenüber Wettbewerbern" oder "warum so unzufrieden, verlange doch einfach Geld" zeigen, dass nicht einmal der Sinn dieser Lizenz verstanden wurde.
Diese Selbstbedienungsmentalität ist nicht etwa nur dem Vakuum dunkel gebliebener Gehirnkästen geschuldet. Sie zeigt sich in der ernst gemeinten Ansicht, die Strafanzeigen großer Plattenlabels wegen illegaler Downloads auf Tauschbörsen seien mit den Praktiken berüchtigter Abmahnanwälte gleichzusetzen. Es steht auch kein harmloser Voodoo-Aberglaube hinter dem Gedanken, das Abtippen des Quellcodes aus einem Buch würde die kostenpflichtige Lizenz außer Kraft setzen, sondern pure Überzeugung, dass alles im Web frei sein müsse. Dieses Rechtsempfinden schafft sogar das Wunder, die Sonne wieder um die Erde drehen zu lassen, indem die kostenfreie Lizenz eines Systems einfach auf alles übertragen wird, was mit dieser Lizenz zusammenhängt: wichtige Plug-ins, komplette Designtemplates oder komplexe Entwicklungsumgebungen. Und überhaupt: "Webstandards sind sowieso frei, die kann man nicht unter Lizenz stellen".
Wir haben es bei diesen Akteuren übrigens nicht nur mit Berufsanfängern zu tun, die auf kostenfreie oder kostengünstige Lösungen angewiesen sind. Diese Ansichten finden zur Genüge über teuer aufgerüstete Rechner mit 24-Zoll-Monitor, installierten Creative Suites und MS-Office-Paketen ihren Weg ins Netz, denn dafür lohnt sich schließlich jeder Euro.
Wer hat’s erfunden?
Das Land der Alphörner, Uhren und lustigen Volksabstimmungen zur Religionsausübung hat auch einen Kräuterzucker hervorgebracht, den wir alle aus der Werbung kennen. Der skurrile Plot um Plagiatoren, die die Marke erfolgreich ins Gedächtnis bringen, gehört im Web leider zur täglichen Realität. Bei der spontanen Datentelekinese von Google und Wikipedia in diverse Dissertationen und Fachartikel kann man noch von tumben Plagiaten oder Betrugsversuchen sprechen. Diese finden sich ebenfalls beim allseits beliebten Designklau diverser Webseiten bekannter Webworker wieder. Nun sind Kopien und Fälschungen keine Erfindung des Webs, wie die Beispiele im ersten Absatz zeigen.
Dennoch hat sich etwas geändert. Von krimineller Energie in physikalischem Sinne kann kaum die Rede sein, wenn es um diese Form des Diebstahls geht. Die Täter sind oft Menschen, die in ihrem Leben vermutlich nicht einmal während einer Mutprobe unter Halbstarken einen Kaugummi aus dem Supermarkt geklaut hätten. Der Nervenkitzel, einen Wikipedia-Artikel per copy/paste in die eigene Veröffentlichung zu setzen, ist dagegen sehr gering. Ebenso gering ist die Gefahr, dass ein computerscheuer Doktorvater diese sekundenschnelle Aktion entdeckt. Beim dreisten Designklau ist diese Gefahr zwar vorhanden, dafür hat man aber ganz schnell dank fremder CSS- und HTML-Dateien eine 1A-Website in Rekordzeit gestaltet – zur Gewinnung der ersten Neukunden ein bequemer Start ins Berufsleben.
Die "Lizenz-Reloaded"-Variante ist dagegen nur selten mit krimineller Absicht in Verbindung zu bringen. Komplexe Lösungsansätze oder Entwicklungsumgebungen werden nicht für eigene Wege als Inspiration verwendet, sondern nur leicht modifiziert und als eigenes Konzept präsentiert. Ist doch egal, wie sich das Phänomen des "All-for-nothing" manifestiert – Der gemeinsame Nenner ist bei allen Akteuren stets ein Totalverlust des Wertebewusstseins. Damit einhergehend werden fremde Leistungen im Web immer weniger wertgeschätzt.
Die Informations-Flatrate
Eines bleibt festzuhalten: Die schier unendliche Informationsflut per Flatrate für ein paar Euro im Monat macht aus dem Web kein schlechtes oder zu kriminellen Handlungen verleitendes Medium. Auch Frank Schirrmacher liegt völlig daneben. "Mein Kampf" wurde massenweise auf Papier veröffentlicht, deshalb ist ja das Medium Buch nicht böse. Ob der "Schwarze Kanal" der DDR schlimmer war als die volksverdummenden TV-Drogen als täglicher GTD-Ersatz für das Prekariat, sei auch dahingestellt. Die Produktion von Information und Wissen ist mit dem Web demokratischer geworden. Gerade diese Tatsache der fehlenden Endkontrolle über die Inhalte scheint einigen staatlichen Instanzen nicht zu gefallen.
Mit dem Überangebot an frei zugänglichen Informationen geht aber der gedankenlose Umgang damit einher. Als Webakteure und Webworker sind wir die ersten in der Pflicht, Missstände offenzulegen und zu beseitigen. Das Web lebt von den Nutzern. Vorangebracht wurde und wird es aber von Menschen, die mit Lösungen, Ideen und Engagement dafür sorgen, dass man überhaupt von einer Weiterentwicklung sprechen kann. Der Respekt und die Wertschätzung gegenüber diesen Leistungen ist die Voraussetzung dafür, dass Freizeitentwickler, Firmen oder Communities auch noch in den kommenden Jahren ihre Zeit dafür investieren wollen – egal, ob es um eine Open-Source-Lösung geht oder um eine komplexe Entwicklungsumgebung mit kostenpflichtiger Lizenz.
Ein Fachbuchautor brachte es in einem Kommentar auf den Punkt: "Ich [...] stelle Buchstaben unter Lizenz. Ganz normale Buchstaben, die für jedermann frei verfügbar sind. Ich spiele nur ein bisschen mit der Reihenfolge, und schon kostet das was." Eben.
Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.































