
27. November 2007
BIKINIRAMA im Interview: Zornabbau am Konsumgut
CREATE OR DIE: Bikinirama, wer oder was ist das?
BIKINIRAMA: BIKINIRAMA ist ein Zusammenschluss von Aktionskünstlerinnen, die ihre Kunst durch das Internet publik machen.
CREATE OR DIE: Ihr dürftet vor allem für das Zerstören von Konsumgütern bekannt sein. Welches Ziel verfolgt ihr damit?
BIKINIRAMA: Die Zerstörung von Konsumgütern ist eine Kritik an der Wegwerfgesellschaft. Ständig werden neue und angeblich bessere Geräte auf den Markt gebracht und den Konsumenten suggeriert, dass sie das alles brauchten. Sie gelten als Statussymbole und finden meist noch vor Ablauf der Garantie den Weg zum Müll.
BIKINIRAMA zeigt den offensichtlichen Lebensweg dieser Gadgets in verkürzter Form und zeigt so deutlich auf, dass materielle Güter als Ikonen der Konsumgesellschaft nicht taugen.
CREATE OR DIE: Auf der einen Seite steht pure Gewalt auf der anderen sexy Bikinimädchen, die über eine Bildergalerie präsentiert werden. Wie erklärt ihr diesen Widerspruch?
BIKINIRAMA: Durch den Einsatz der Waffen einer schönen Frau in Kombination mit der traditionellen Waffe des Mannes in Form von aggressiver Gewaltausübung geht BIKINIRAMA gegen gesellschaftliche Konventionen vor. Objekte, die im Allgemeinen als "wertvoll" eingestuft und als Symbole eines gehobenen Standards angesehen werden, werden für die Protagonistinnen zum Ventil ihres Zornabbaus gegen das herrschende konservative Weltbild.
CREATE OR DIE: Ihr zerstört modernste High-Tech-Produkte, die Bikinimädchen tragen 60er-Jahre-Bademode. War früher alles besser?
BIKINIRAMA: Nein, auch früher gab es gesellschaftspolitische Probleme, die Zorn hervorgerufen haben. Wir finden die 60er-Jahre-Ästhetik einfach schön und Schönheit ist uns wichtig. Denn unser Motto lautet SCHÖNHEIT UND ZORN. Draufhauen ist nicht alles für uns. Wir wollen dabei auch gut aussehen.
Der klassische Bikini dient für BIKINIRAMA als Sinnbild der ultimativen weiblichen Körperlichkeit ohne Obszönität und ist eine Auflehnung gegen die inflationäre Nacktheit in den modernen Medien und Kommunikationsformen.
"Als Objekte des Zornabbaus eignen sich nicht nur Konsumgüter. Auch geistige Haltungen und invasionsbiologische Stilblüten wie z.B. japanische Zierapfelbäume gehören zweifellos dazu."
CREATE OR DIE: Wenn es um Konsumkritik geht – auf eurer Website macht ihr selbst Werbung für den Konsum. Ihr habt Google-Anzeigen in eure Seite eingebunden und habt selbst einen Webshop, in dem ihr Fanartikel verkauft. Wie passt das zusammen?
BIKINIRAMA: Wir stellen den Konsumenten frei, sich Anzeigen anzuschauen – ohne die Botschaft zu vermitteln, dass man das müsste. Großflächige, blinkende Banner von politisch zweifelhaften Konzernen mit suggestiven Inhalten wird man bei BIKINIRAMA nicht finden. Die T-Shirts und Einkaufstaschen dienen für alle Unterstützer als Mittel des öffentlichen Statements. Die Einnahmen daraus sind eine kleine Ergänzung des Budgets für neue BIKINIRAMA-Aktionen, die ansonsten nicht realisiert werden könnten.
CREATE OR DIE: Wie entstehen die Videos, wie entscheidet ihr, welches Produkt ihr zerstört? Ihr zerstört ja aber nicht nur Konsumgüter, Bäume müssen genauso dran glauben.
BIKINIRAMA: Natürlich drehen wir alle unsere BIKINIRAMA-Videos selbst. Alle Künstlerinnen genießen totalen Freiraum, was ihr kreatives Schaffen betrifft. Bei einem regelmäßigen Plenum werden neue Aktionen geplant und abgesprochen, der Produktionsstab und Drehorte festgelegt. Als Objekte des Zornabbaus eignen sich nicht nur Konsumgüter. Auch geistige Haltungen und invasionsbiologische Stilblüten wie z.B. japanische Zierapfelbäume gehören zweifellos dazu.
CREATE OR DIE: Besonders bei Apple-Fans stoßen eure Aktionen auf Unverständnis und provozieren verärgerte Reaktionen. Wie ist insgesamt das Echo auf eure Aktionen, erfahrt ihr auch positives Feedback?
BIKINIRAMA: BIKINIRAMA ruft positive wie negative Reaktionen bei den Menschen hervor. Beides ist voll beabsichtigt und Teil des Konzeptes. Die Auseinandersetzung der Zuschauer mit dem Thema an sich ist für BIKINIRAMA ein erster Schritt zur Veränderung. Wenn ein Künstler eine tote Kuh mit einem Panzer überfährt oder ein großformatiges Gemälde aus Fäkalien verbrennt, dazu noch auf Kosten des Steuerzahlers, interessiert das heute niemanden mehr.
BIKINIRAMA hat die wahren Ikonen der heutigen Zeit enttarnt und trifft durch deren Zerstörung den Nerv der konsumverblendeten Gesellschaft. Wir schlagen dort hin, wo es am meisten weh tut. Alle, die das verstanden haben, zeigen durchweg positive Reaktionen.
Die Tatsache, dass negative Mails meist unter einer stark eingeschränkten Fähigkeit der Rechtschreibung, Interpunktion und des Satzbaus leiden, zeigt in erschreckender Form, dass unsere Gesellschaft noch mehr Projekte wie BIKINIRAMA nötig hat.
CREATE OR DIE: Ihr habt einmal gesagt, das Gefühl, das man bei der Zerstörung eines High-Tech-Gerätes bekommt, sei "unheimlich klasse". Für Nachahmer könnte das eine kostspielige Angelegenheit werden. Könntet ihr das Gefühl vielleicht etwas genauer beschreiben, was geht da in einem vor?
BIKINIRAMA: Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. BIKINIRAMA empfiehlt jedem, sich selbst durch grobe Gewaltausübung von völlig überbewerteten Konsumgütern zu trennen. Der Adrenalinausstoß kann gewaltig sein! Unsere Kunstform dient neben der Kritik am Konsumterror auch dem Zornabbau der Protagonistinnen.
BIKINIRAMA weist jedoch ausdrücklich darauf hin, das Eigentumsrecht anderer nicht zu verletzen!
CREATE OR DIE: Wie finanziert ihr eure Aktionen, ein MacBook oder ein iPhone sind nicht gerade günstig?
BIKINIRAMA: Wir finanzieren uns ausschließlich selbst. Die Künstlerinnen investieren private Mittel in die Produktion neuer Aktionen. Förderer, Mäzene und Spenden zur Unterstützung unserer künftigen Projekte sind willkommen!
CREATE OR DIE: Habt ihr eine "Lieblingswaffe"?
BIKINIRAMA: Die gefährlichste Waffe von BIKINIRAMA heißt "Geist".
CREATE OR DIE: Gibt es noch ausstehende Projekte? Welches Konsumgut muss auf jeden Fall noch unter den Hammer kommen?
BIKINIRAMA: Eine der hervorstechenden Eigenschaften von BIKINIRAMA ist die Überraschung. Wer regelmäßig auf BIKINIRAMA.de klickt oder sich für den Newsletter eingetragen hat, wird immer auf dem Laufenden sein.
CREATE OR DIE: Auf eurer Website kündigt ihr mit Bikinikill ein neues Projekt an. Könnt ihr vielleicht schon was verraten?
BIKINIRAMA: Nur so viel: BIKINIKILL, das in Kürze online gehen wird, ist ein Statement gegen gängige Klischees und Rollenbilder in der Filmindustrie.
CREATE OR DIE: BIKINIRAMA, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führten Felix Schrader und Reimar Winkler
Fotos: Blinc, Thorsten Klapsch und Mara Monetti
Felix Schrader

































