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3. März 2010

ChatRoulette: Das Anti-Facebook

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/news/054233)

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Das Aufkommen von Social Media im recht frischen Netz ist doch alles ein Ausdruck unseres Spießertums. War früher auf den Datenautobahnen noch Anarchie und Freiheit in ihrer wildesten Form angesagt, so gibt es heute Facebook, Tumblr, Twitter und Konsorten – sie alle helfen uns letztendlich dabei, Ordnung zu bewahren und kontrolliert Gedanken zu verbreiten. Doch es gibt noch unkontrollierbare Bastionen im Netz: ChatRoulette verspricht, der "wilde Westen" des Netzes zu sein, eine letze Bastion vermeindlicher Anonymität. Hier tummeln sich die letzten, virtuellen Outlaws, Halunken, Schelme, Wegelagerer, Rabauken, Philosophen, Künstler und Perverse.

Chatroulette ist einfach. Man begibt sich auf die Seite, drückt auf den Play-Button und per Zufallsprinzip werden einem via Webcam andere User zugeschaltet. Mit diesen kann man chatten, quatschen oder sich einfach gegenseitig anschauen – sofern beiden Beteiligten gefällt, was sie sehen. Ansonsten steht zur Wahl, kommentarlos den Next-Button zu klicken und sich den nächsten Chatpartner auf den Bildschirm zu holen. Nervenkitzel pur.

Dass man dazu selbst nicht allzu zart beseitet sein sollte, macht Sam Anderson vom New York Magazine deutlich. Er testete den Dienst, der seit circa November letzen Jahres besteht und inzwischen bereits stark in seiner Popularität gestiegen ist. Was er fand, war allerdings weniger berauschend – für ihn.

I got off the ChatRoulette wheel determined never to get back on. I hadn't felt this socially trampled since I was an overweight 12-year-old struggling to get through recess without having my shoes mocked. It was total e-visceration. If this was the future of the Internet, then the future of the Internet obviously didn’t include me.

Schulmädchen beschimpften ihn als "Opa" – sofern der 32-jährige Glück hatte. Meistens nämlich zappten die erkorenen Gesprächspartner im Sekundentakt weiter. Die längste Unterhaltung, von der Anderson zu berichten weiß, ist die mit einem älteren Herrn. Dieser fragte unverblümt, ob er zusammen mit ihm onanieren wolle. Anderson stellte die fassungslose Gegefrage "Nein! Warum?!?" und auch seine erste, wirkliche Konversation endete mit dem Next-Button am anderen Ende der Leitung.

Dennoch haben von den rund 10.000 Usern, die derzeit regelmäßig chatrouletten, einige ihre Nische gefunden. Anderson hörte von einem Schweden, der seine Gesprächspartner im Porträt verewigt. Andere sind als Ninjas unterwegs, verabreden sich zu Konzerten und Partys oder finden tatsächlich ein attraktives Gegenüber, das bereit ist, was auch immer vor der Kamera zu tun.

Anti-Facebook ist Andersons treffende Bezeichnung für den neuen skurril-anonymen Chatdienst. Treffender geht es kaum. Im Gegensatz zu Facebook präsentiert man keine YouTube Videos, teilt keine Links mit seinen Freunden. Man muss kein sauberes Image pflegen und kann auf keinen Fotos verlinkt werden. Auch hortet man hier keine ellenlangen Freundes-Listen: Wem man hier begegnet, den sieht man vielleicht im Leben nie wieder.

Die vielen Gesichter des Chatroulette (Aufmacher und Bild: New York Magazine)
Die vielen Gesichter des Chatroulette (Aufmacher und Bild: New York Magazine)

Jürgen Telkmann

Kommentare
Gravatar COD-Redaktion 03.03.2010
um 15:36 Uhr
Gerade auf SpOn erschienen, ein Interview mit ChatRoulette-Erfinder Andrej Ternowskij, 17 Jahre alt, kommt aus Moskau: http://tinyurl.com/ya5krak #zitieren
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