16. Dezember 2009
Das Hamburger Abendblatt, die Musikindustrie und Radiohead
Die Entscheidung des "Hamburger Abendblatt" seine Lokal- und Regionalberichte im Netz nicht mehr kostenlos anzubieten sorgt für Aufsehen, ist es doch das erste Blatt, das eine Bezahlschranke dieser Art einführt. Lesen darf nur noch wer zahlt, 7,95 Euro im Monat. Es sei denn, man hat ein Print-Abo. Einzelne Artikel für ein paar Cent kann man nicht kaufen und damit ist das Modell zum scheitern verurteilt.
Das Vorhaben ist aussichtslos, selbstmörderisch und unverschämt, hat denn auch der stellvertretende Chefredakteur des Abendblatt Matthias Iken selbst erkannt. Medienjournalist Stefan Niggemeier erklärt warum. Das "'Abendblatt' [folgt] exakt der tödlichen Strategie der Musikindustrie, die sich jahrelang geweigert hatte, dem offenkundigen und technisch leicht möglichen Wunsch der Kundschaft nachzukommen, einzelne Musiktitel erwerben zu können. Die Musikindustrie aber wollte um jeden Preis am für sie lukrativen Geschäftsmodell der CD festhalten – mit dem Ergebnis, dass sie fast am Ende ist und branchenfremde Unternehmen wie iTunes jetzt groß im Geschäft sind."
Inkes Trumpfkarte ist die Qualität, die die Lokalredaktion angeblich liefert. "Das Abendblatt dagegen wurde mehrfach für seine Lokal- und Regionalberichterstattung ausgezeichnet. Sie entspricht dem Kriterienkatalog, den 'Slate' für erfolgreiche kostenpflichtige Inhalte aufgestellt hat: Online wie auch in der gedruckten Zeitung ist der Lokal- und Regionalteil des Abendblatts unverzichtbar, zuverlässig und wunderbar gestaltet. Und leicht zu handhaben ist das neue kostenpflichtige Angebot von abendblatt.de auch", heißt es auf der Website der Zeitung.
Äußerst fraglich dürfte jedoch sein, ob sich unter den rund 1,8 Millionen in Hamburg lebenden Einwohner genügend finden, die bereits sind, für das Angebot zu bezahlen. Auszugehen ist davon nicht.
Der "Miami Herald" bangt ebenfalls um seine Einnahmen, geht aber einen anderen Weg als das Abendblatt, er setzt auf das Mitgefühl seiner Leser, berichtet Spiegel Online. Die Zeitung bittet die Leser ihres Online-Angebots um Spenden. Fünf Millionen Leser hat das Blatt monatlich im Netz.
Einen Tag nach dem Start der Aktion sollen einige Leser bereits gespendet haben. Ob die Spendenaktion den Herald retten kann? Sie erinnert an Radiohead, die ihr Album kostenlos zum Download angeboten haben. Die Fans konnten selbst entscheiden, ob sie für den Download bezahlen oder nicht. Laut Comscore sollen 38 Prozent der Fans für das Album "In Rainbows" bezahlt haben, 62Prozent nicht. Diese Zahlen sagen wenig darüber aus, ob die Aktion ein Erfolg war oder nicht. Nachahmer hat sie jedenfalls nicht gefunden.
Wer jetzt wider erwarten beim Hamburger Abendblatt vor verschlossener Online-Türe steht, die Bezahlschranke lässt sich ganz leicht austricksen, genau wie beim Wall Street Journal. Carta erklärt wie es geht.
Felix Schrader
Ich bezweifle auch sehr, dass dies die richtige Entscheidung ist – selbst wenn die Beiträge einzeln käuflich wären … #zitieren

























