28. Juli 2010
Das Internet muss vergessen können
Michael Backes ist Professor für Informationssicherheit und Kryptographie an der Universität des Saarlandes. CREATE OR DIE sprach mit ihm über sein Projekt "Vergessendes Internet", das private Daten mit einem Verfallsdatum versieht und somit ihre Langlebigkeit im Netz arg limitiert.
CREATE OR DIE: Herr Backes, Sie sind Professor für Informationssicherheit und Kryptographie an der Universität des Saarlandes. Ist das Internet nicht etwas absolut Großartiges?
Michael Backes: Natürlich ist es großartig. Es hat unser Leben in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch verändert. Für die meisten Menschen gehört es heute ganz selbstverständlich zum Alltag, und das ist auch gut so.
CREATE OR DIE: Auf der Seite "Vergessendes Internet" präsentieren Sie ein System, das Daten im Netz mit einem Verfallsdatum versieht. Warum ist eine solche Maßnahme sinnvoll?
Backes: Wenn früher in Zeitungsartikeln oder Leserbriefen über Personen berichtet wurde, so verschwanden diese Angaben bald in den Archiven und waren nur noch schwer zugänglich. Heute ist alles anders, weil das Internet nichts vergisst und vieles gleich mehrfach abspeichert. Wer private Daten auf einer Webseite löscht, weiß daher noch lange nicht, ob sie damit aus dem Internet verschwunden sind. Wir haben daher ein System entwickelt, mit dem jeder Computerlaie seine Dateien und Bilder mit einem Verfallsdatum versehen kann, bevor er diese ins Internet stellt. Dank einer neuartigen Kombination aus Verschlüsselungstechnik und so genannten Captchas werden die Daten und ihre vielfältigen Kopien nach Fristablauf automatisch gelöscht.
CREATE OR DIE: Wie genau funktioniert das System?
Backes: Unser System sieht im Kern vor, dass man Daten, die jemand im Internet veröffentlichen möchte, erst verschlüsselt. Den Schlüssel, den man zum Lesen der Daten benötigt, legen wir auf mehreren Servern ab. Diese Server könnten künftig von vertrauenswürdigen Organisationen zur Verfügung gestellt werden, sodass jeder Benutzer die Wahl hat, wo er seine Schlüssel lagern möchte. Wenn jemand dann die Daten auf den Webseiten abrufen will, muss der betreffende Rechner dafür erst den Schlüssel anfordern. Diese Abfrage und die eigentliche Ver- und Entschlüsselung geschieht vollautomatisch im Hintergrund, ohne dass der Benutzer aktiv werden muss.
CREATE OR DIE: Wem kann man Ihrer Meinung nach die Verwaltung der Server zutrauen, die die Schlüssel speichern?
Backes: Das können besonders dafür zertifizierte Firmen sein. Denkbar wäre auch, dass die Regierung dafür Server zur Verfügung stellt. Man könnte die Schlüssel aber auch bei sich zuhause auf einem privaten Computer ablegen.
CREATE OR DIE: Aber die Bilder lassen sich doch beispielsweise via Screenshot speichern und langfristig sichern. Ist das beim "Vergessenden Internet" berücksichtigt worden?
Backes: Natürlich könnte eine Firma dahergehen und Daten per Screenshot speichern oder auch eine Datei mit dem dazugehörigen Schlüssel nochmals extra abspeichern. Dies liegt jedoch in der Natur des Problems und kann nicht vollständig verhindert werden. Was man jedoch tun kann – und auch was unser System macht – ist die Hürde sehr hoch zu hängen, sodass es kommerziell uninteressant wird.
Wir haben dafür eine zweite Sicherheitsstufe in das System eingebaut. Dafür werden so genannte Captchas verwendet. Das ist eine Art Puzzle, das der Mensch recht einfach lösen kann, aber ein Rechner nicht automatisch zu entziffern weiß. Wer zum Beispiel ein privates Video auf einer Webseite betrachten oder eine private Fotosammlung anschauen will, muss mithilfe des Captchas eine Buchstabenfolge manuell eingeben. Für Unternehmen, die viele Daten im Internet sammeln, wäre es nur mit großem Mehraufwand möglich, eine Vielzahl dieser Captchas zu lösen. Damit kann die Privatsphäre der einzelnen Internetnutzer noch besser geschützt werden.
CREATE OR DIE: Noch eine Frage zu Ihrer Motivation zu dem Projekt: Gab es etwa Bilder von Ihnen im Netz, die Ihre Jugendsünden dokumentierten und die Sie am liebsten wieder losgeworden wären?
Michael Backes: Nein, das war für mich keine Motivation. Für mich steht im Vordergrund, dass jeder Einzelne die Kontrolle über seine Daten behält. Dazu zählt, dass nicht jeder automatisch Zugriff auf alle Daten erhält und man einmal veröffentlichte Bilder auch wieder löschen kann.
CREATE OR DIE: Herr Backes, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Jürgen Telkmann
Jeder kann, ohne seine eigene Identität preisgeben zu müssen, ins Internet gehen und sich als irgendjemand ausgeben, um seinen Unsinn im WWW zu treiben.
Wie würde unsere reale Welt aussehen, wenn auch hier so etwas möglich wäre?
In der realen Welt ist es nicht möglich in einem Gesprächskreis völlig anonym aufzutreten, um seine Meinung zu sagen.
Auch wenn man nicht gezwungen wird alles von sich preis zu geben wird man von jedem gesehen.
In der realen Welt muss man immer einen gewissen Grad an Mut und Aufwand mitbringen, um in der Öffentlichkeit auftreten zu können.
Internet Kriminalität ist auch nur deshalb so weit verbreitet, weil man ohne Probleme im Internet anonym bleiben kann.
Es ist schon schwierig genung als ehrlicher Mensch in der realen Welt klar zu kommen.
Um ein Vielfaches schwieriger wird es dann natürlich im Internet. #zitieren

























