23. Dezember 2009
Der Kindle: Amazon 3-, Verlage 5
Die Auflagen sinken, die Werbeeinnahmen ebenfalls – die Zeitungsbranchet steht dem schlechtesten Jahrzehnt der vergangenen 60 Jahre gegenüber. Die Entwicklung ist dramatisch. Im November 2000 kamen die zehn nationalen britischen Tageszeitungen auf 12.500.000 verkaufte Exemplare. Neun Jahre später sind es nur noch 10.000.000 Exemplare, berichtet der Guardian. Einen Ausweg aus der Misere erhoffen sich viele Verlage durch inzwischen zu Wunderwaffen erkorene E-Reader und Tablets. Die aber werden den Verfall nicht stoppen können, solange die Verlage nicht begreifen, was "digital" bedeutet.
Visionen, wie Zeitungen auf einem Tablet aussehen könnten, allen voran auf dem noch nicht offiziell bestätigten MacTablet, gibt es viele. Heureka ist man geneigt laut auszurufen, wirft man einen Blick auf die Demo der Sports Illustrated. Das Sport Magazin soll auf einem Tablet zu neuem Glanz erstrahlen, interaktiv den Leser fesseln, mit Hintergrundberichten in seinen Bann ziehen und wenn das nicht reicht, dann wenigstens mit Videos vom Fotoshooting zur weltbekannten Swimsuit Issue bei der Stange halten. Der Umgang mit Amazons E-Reader Kindle jedoch zeigt, dass Vision und Realität weit auseinander klaffen. DRM, Rechte-Beschränkung und Privatsphäre einmal ganz außer Acht gelassen.
Der Kindle: Immer im Netz, der Content aber nicht
Der Kindle, always on, immer im Netz. Da sollte man meinen, man wird auch kontinuierlich mit Nachrichten versorgt. Fehlanzeige. Zeitung lesen auf dem Kindle, in Deutschland gibt es die FAZ und das Handelsblatt, ist nicht viel anders als eine Print-Ausgabe in den Händen zu halten. Die elektronische Zeitung fällt kleiner aus, was Vorteile mit sich bringt, mindestens aber auch genauso viele Nachteile. Der Kaffee auf der FAZ führt zu braunen Flecken, auf dem Kindle zum Kurzschluss. Zumindest aber fällt das Abo mit 19 Euro deutlich günstiger aus. Und die Zeitung auf dem Kindle hat ein Inhaltsverzeichnis also auch eine Volltextsuche, wobei das Handelsblatt mit der Überarbeitung seiner Print-Ausgabe jetzt auch ein Inhaltsverzeichnis bietet.
Die Praxis sieht also wie folgt aus: Ich sitze gemütlich am Frühstückstisch und passe auf, dass ich beim Lesen nicht mehr kleckere. Spätestens seit Frank Schirmacher aber wissen wir, Multitasking "vermanscht" das Hirn und ist folglich menschenunmöglich. Gesetz dem hypothetischen Fall der Kindle überlebt die Frühstückstortur, dann finde ich schnell und umkompliziert, gepriesen sei die Volltextsuche, all jene News wieder, die ich am Vortrag bereits kostenlos im Web gelesen habe. Da kann die gedruckte Ausgabe nicht mithalten.
Der Kindle: Zeitung ohne Bilder
Aufheben kann man sich einzelne Artikel der digitalen Zeitung auch. Bei der Print-Ausgabe muss man zur Schere greifen, was meist zu unschönen Löchern im Papier führt. Zugegeben, die eine oder andere Funktion gefällt. An den Möglichkeiten des "digitalen" aber wird nicht einmal ansatzweise gekratzt. Das fängt damit an, dass die Zeitung als ganzes geliefert wird – eine Datei. Die wichtigsten Nachrichten des Tages, einen ersten Kommentar, erhalte ich erst am nächsten Tag. Bilder, Grafiken sind weder interaktiv gestaltet noch mit Bildergalerien verknüpft. In der internationalen Version des Kindle werden sie gar nicht erst mit ausgeliefert. Zeitungen und deren Inhalte lassen sich nicht personalisieren, wie das MeeHive im Internet oder Niiu in gedruckter Form versuchen. Blogs lassen sich ebenfalls nicht abonnieren und auf das Web kann man auch nicht zugreifen. Der Browser des Kindle erlaubt einem lediglich den Besuch von Wikipedia.
Bleibt zu hoffen, dass Amazon diese und andere Kinderkrankheiten, wie den US-Netzstecker der mit hiesigen Steckdosen leider nicht kompatibel ist, ausmerzt. Es scheint, als war man beim weltgrößten Online-Kaufhaus darum bemüht, den Kindle schnellstmöglich rund um den Globus anzubieten. Für die Schattenseiten des digitalen Zeitungsvergnügens ist Amazon freilich nicht zur Verantwortung zu ziehen, vielmehr die Verlage. Ob die allerdings in Ermangelung digitaler Kreativität und unerschütterlichem Glauben an Profitmaximierung zeitgemäße Antworten auf den technologischen Fortschritt finden bleibt abzuwarten. Bislang jedenfalls sind sie die Antworten schuldig geblieben.
Der Kindle: Ultimatives Gadget für Vielflieger
Somit eignet sich der Kindle derzeit vor allem für Technik-verliebte Miles & More-Karteninhaber, die während der Atlantik-Überquerung lieber ihrer Leselust nachgeben, denn zu arbeiten. Klein, schlank, leicht lassen sich locker Goethes Gesammelte Werke im Handgepäck verstauen, ohne das man sich einen Bruch hebt. Leseratten, an denen ein Bibliothekar verloren gegangen ist, sind mit dem Kindle dagegen ganz schlecht beraten. Der elektronische Leseapparat schluckt die Bücher dreier Billy-Regale. Angeben mit der eigenen Bibliothek ist dann nicht mehr drin.
Felix Schrader
Auweia: "Fielflieger" der war hart...
absolut ... #zitieren
@Martin:
Infantile Reaktion einer dekadenten Bourgeoisie... #zitieren

























