9. September 2008
Google über alles? Das Märchen vom Teufel im Chromeanzug
Man stelle sich vor, eine Firma würde nicht nur 90 Prozent des Kraftstoffs verkaufen, sondern auch 90 Prozent aller Autos. Die Firma hätte eine Fahrschulkette und Reparaturwerkstätten, Verkehrsübungsplätze und einen Automobilclub, eine Autoversicherung, ein Taxiunternehmen, Raststätten an Autobahnen und eine große Zahl an Autofachmärkten. Nur fahren müsste man noch selbst, und noch gehörten die Straßen dem Staat. Manche zumindest.
Gut, der Vergleich hinkt gleich auf drei Beinen, aber so in etwa könnte man beschreiben, was Google tut: Es bietet mit der Suche einen zentralen Dienst im Netz an. Ist dabei, sich den zur Finanzierung nötigen Werbemarkt immer mehr zu sichern. Offeriert von Webmail bis zur Docs-Suite allerlei Applikationen, die den Desktopanwendungen Konkurrenz machen. Hat Youtube gekauft und damit unsere Jugend im Griff und versucht mit einer "qualitätsgesicherten Wikipedia" namens Knol auch noch die Hoheit über den Online-Enzyklopädiemarkt zu ergattern. Auch sammelt es Daten nicht nur durch die Robots, die das Netz absurfen, sondern auch durch die Dienste "Analytics" und "Ad Planner".
Pointiert gesagt: Schäuble war gestern, heute (und morgen?) ist Google.
Die anderen sind doch auch nicht besser...
Obwohl Google immer wieder dementierte, dass man an einem Browser arbeite, ist es nun dennoch so weit: Der Browser "Chrome" ist in einer Testversion erschienen und ruft gemischte Gefühle hervor. Während die einen seine sparsame Oberfläche, seine Geschwindigkeit und den optimierten Speicherverbrauch loben – denn schnell, stabil und speichersparsam, das soll er nach Willen seiner Macher sein –, malen die anderen Chrome als einen weiteren Arm der "Datenkrake Google" an die Menetekel-Wand. Dass sowohl der Internet Explorer von Microsoft als auch der Firefox der Mozilla-Stiftung ebenfalls Nutzer mit eindeutigen Nummern identifizieren und Daten sammeln, findet nur am Rande Erwähnung.
Denn weder Mozilla noch Microsoft (das übrigens auch im Bereich der Werbung expandieren will und ebenso Online-Applikationen anbietet) verfügen über jene anderen Sammelkanäle für Daten, die Google zur Verfügung stehen. Wer nutzt schon die Microsoft-Suche? Ach, alle, bei denen die MS-Browser installiert sind und die noch nie etwas von Firefox oder Opera gehört haben? Aber gerade die technisch Unversierten sollen doch von Chrome die Finger lassen, meinen zumindest die Sicherheitsexperten.
Und dann passierte da noch der Irrtum mit den Nutzungsbedingungen von Chrome. Demzufolge sollten alle Inhalte, die innerhalb von Chrome erstellt würden (also zum Beispiel dieser Text, der in Chrome auf Google Docs entsteht) auf ewig zur Nutzung, Übersetzung und Verfilmung (und wer weiß was sonst noch alles), rechtlich an Google übertragen sein. Dieser letzte Irrtum ließe sich eigentlich am einfachsten aufklären: Laut Matt Cutts hatte man versehentlich eine Google-Standardlizenz, die für alle möglichen Fälle Formulierungen und Regelungen vorsah, nicht ausreichend gekürzt. Wenn schon die Nutzer so etwas nur in Ausnahmefällen lesen, warum sollten es dann eigentlich die Anbieter tun?
... sondern eher noch schlimmer
Und natürlich lieferte Google-Mitarbeiter Matt Cutts auch eine Anleitung, wie man die Datensammelei von Chrome einschränken könne. Wer lieferte die noch mal für Firefox und den MSIE? Und wissen eigentlich alle Firefox-Nutzer, dass Firefox seinen Umsatz vor allem dadurch macht, dass er für die Nutzung der Firefox-Suchbox Geld bekommt? Von wem? Von Google natürlich. Da wundert man sich kaum, dass sowohl Google den Mozilla-Leuten dankt als auch der Mozilla-Chef keine Angst vor Chrome hat. Sicher wäre es eleganter gewesen, alle diese Optionen eher zur Einschaltung als zur Abschaltung anzubieten. Ob das aber bei Sicherheitsfeatures sinnvoll ist, lassen wir hier offen.
Und dann das BSI. Was das ist? Na, das bundesrepublikanische "Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik", das darauf hinweist, dass man den "problematischen" Testbrowser nur zu Testzwecken verwenden soll und dass er eben Daten sammle. Amüsanterweise hat dasselbe BSI früher vom Microsoft Internet Explorer abgeraten, weil der unter anderem für Würmer anfällig sei. Und Google telefoniert unter anderen deswegen alle 30 Minuten nach Hause ins Mutterhaus, um aktuelle Listen von Internetschädlingen abzurufen, die dann auf Wunsch geblockt werden können. Der Psychologe nennt so eine Situation wohl ein "Double-Bind": eine Situation, in der man den Keks sowohl haben als auch essen will und die nicht selten mit der Entstehung von Schizophrenie in Verbindung gebracht wird. Aber immerhin nicht mit grassierender Paranoia. Sagen wir: Jeder, der einen Euro für jeden in einer großen Firma installierten MSIE bekommt, braucht nicht nur nie wieder zu arbeiten, er kann sich wahrscheinlich auch mal schnell ein größeres Google-Aktienpaket leisten. Oder eins von Microsoft, je nach Geschmack.
Jetzt aber mal halblang!
"Chrome installiere ich erst, wenn jemand die Sources durchgesehen hat und selbst kompiliert hat", ist von einem zu hören, der früher selbst für die IT-Security einer der größeren deutschen Webfirmen zuständig war. Machbar ist das, denn das Chromium-Projekt legt – wie auch bei Firefox aber z.B. nicht beim MSIE – alle Quellen offen und lädt zum Mitprogrammieren oder auch Ausschlachten ein. Eventuell ist das aber gar nicht so arg nötig, denn: Alles, was am Google-Browser neu und elegant ist: die Speicherverwaltung mit Multi-Threading (man lese dazu den oben erwähnten Comic, der erklärt das prima) oder die V8-JavaScript-Engine könnten sich also bald auch im Firefox oder gar im MSIE finden. Nur, wer hat eigentlich deren Quellen kürzlich durchleuchtet?
Im Wesentlichen gibt es zwei Arten zu sehen, was geschehen ist:
Variante 1: Google hat den Browsermarkt innovativ aufgemischt. Das, wovon alle reden, endlich einmal umgesetzt - einen Browser mit sinnvoller JavaScript-Engine und eleganter Speicherverwaltung, der der neuen Struktur des Netzes als Lagerstätte von Applikationen Rechnung trägt - und die Ergebnisse zur Untersuchung und freien Weiterverwendung offen gelegt. Natürlich profitiert Google auch davon, dass so seine eigenen Angebote schneller und speichersparsamer laufen.
Variante 2: Google hat sich einen weiteren potentiellen Datensammelkanal auf dem Desktop jedes Nutzers geschaffen und hat jetzt neben der Dominanz bei der Online-Infrastuktur einen ersten Schritt getan, um auch das Programm, das Googles Daten und Applikationen darstellt und umsetzt, zu bestimmen.
Man mag sich für die eine oder andere Variante entscheiden. Und kann dennoch ruhig schlafen. Unser politisches System immerhin ist nicht gefährdet, denn die Wächter unseres Staates lassen sich weiterhin zur Sicherheit das Internet einfach ausdrucken.
Oliver Gassner
Reimar Winkler
Dieser Kommentar aus der anderen Verlagsecke bringt die Sache besser auf den Punkt: http://entwickler.de/zonen/portale/psecom,id,203,news,45040,p,0.html
Naja, wohl eher Geschmackssache. Die Conclusio ist hier ja eine deutlich andere. Es wird nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird und ob Chrome am Ende deutlich Marktanteile generieren wird, ist nicht gesagt. Die, die um die Datengefahr wissen, werden ihn nicht einsetzen. Und die, die den IE nutzen, wissen nicht, dass es andere Browser gibt. #zitieren
Dieser Kommentar aus der anderen Verlagsecke bringt die Sache besser auf den Punkt: http://entwickler.de/zonen/portale/psecom,id,203,news,45040,p,0.html
Den Kollegen jetzt da im Einzelnen zu röntgen, fehlen Zeit und Lust; es gibt schon Möglichkeiten, Chrome ohne Installer (also Nachlader) zu installieren.
Zudem kann man sich bei Google ausloggen udn die Cookies zappen. etcetc.
Aber sein Fazit, dass es Herr Schäuble bitte richten sol, der kommt mir nun vollends widersinnig vor.
Wenn ich zu jemand kein vertrauen hätte, dass er sich da was einfallen ließe, dann zu Schäuble. (OK, zu Schily auch nicht ;) ) #zitieren
Und die, die den IE nutzen, wissen nicht, dass es andere Browser gibt.
Genauer: Die WISSEN gar nicht was ein 'Browser' ist. Dort heißt das Ding' das Internet'. Wenn Chrome dazu führt dass ein par (mit Chromium verbesserte) Firefopxe über den Tisch wandern: all the better ;)
Also als Poweruser gefällt mir zwar die Geschwindigkeit, aber ein paar Bugs nerven schon. #zitieren
Leser:
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Den Kollegen jetzt da im Einzelnen zu röntgen, fehlen Zeit und Lust; es gibt schon Möglichkeiten, Chrome ohne Installer (also Nachlader) zu installieren.
Zudem kann man sich bei Google ausloggen udn die Cookies zappen. etcetc.
Klar kann man das. Aber wie viele Durchschnittsnutzer machen das denn?
Aber sein Fazit, dass es Herr Schäuble bitte richten sol, der kommt mir nun vollends widersinnig vor.
Das war ironisch gemeint, da unser "Alles und überall"-Schnüffler gerade den Datenschutz für sich entdeckt hat. Vermutlich, um dafür zu sorgen, das der ihm nicht beim Schnüffeln dazwischen funkt.
Wenn ich zu jemand kein vertrauen hätte, dass er sich da was einfallen ließe, dann zu Schäuble. (OK, zu Schily auch nicht ;) )
Erst bei Schily? Ich dachte schon bei Kanther, schlimmer gehts nicht mehr. Bisher gab es immer noch eine Steigerung, und wer weiß, was Schäubles Nachfolger mal anstellt...
MfG
Carsten Eilers #zitieren


























