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20. März 2008

Hauptsache haben

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/kolumnen/042252)

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Menschen wollen besitzen. Besitz bedeutet Ansehen. Besitz bedeutet Sicherheit. Besitz bedeutet Verfügbarkeit. Es muss nicht der Porsche sein. Manch einem genügt bereits ein virtuelles Stück Land. Ein Beispiel: Second Life. Hier besitzt man virtuelles Land real. Ein anderes Beispiel: WhatsYourPlace.de. Hier besitzt man reales Land virtuell.

Abbildung 1: Der Kölner Dom steht zum Verkauf
Abbildung 1: Der Kölner Dom steht zum Verkauf

Open Capitalism

Sozialismus ist out. Die Hochzeiten von Open Source, Open Content usw. sind vorbei. Es lebe der Kapitalismus: Ich habe was, was Du nicht hast. Und Du bekommst es nicht – außer Du zahlst dafür. Allgemeine Verfügbarkeit war der Trend von gestern: überall immer alles haben – das ist langweilig geworden.

Früher konnte man sich von der breiten Masse abheben, indem man eine Schallplatte besaß, die sonst niemand hatte. Das verschaffte einem einen klaren Vorteil beim weiblichen Geschlecht, zumindest erhoffte Mann sich das. Die Realität sah natürlich anders aus: imponieren konnte Mann damit nur den gleichgeschlechtlichen Freunden.

Heute ist das anders: Dank iTunes habe ich denselben Song wie alle anderen binnen drei Sekunden auf meinem MP3-Player oder Handy. "3…2…1…meins" – und seins, und ihres und deins sowieso. Wo bleibt das Besondere? Die Einzigartigkeit? Die Exklusivität? Eliten sind wieder in.

Geben ist seliger als Nehmen

Es muss allerdings nicht ein Konto in Liechtenstein sein, um zum elitären Kreis zu gehören. Das Prädikat "Wahrer Elvis-Fan" bekommt nur jener, der sämtliche Elvis-Platten besitzt. Die hat nicht jeder und die will nicht jeder, denn sie kosten Geld, viel Geld und noch mehr Zeit, sie zu suchen, zu ersteigern und zu ordnen.

Die Bereitschaft, etwas zu geben, sagt mehr über uns aus, als die Bereitschaft, etwas zu nehmen. Denn ich gebe nur für jenes, das mir wichtig ist. Besitz bedeutet somit auch immer Identifikation: er zeigt anderen, was mir wichtig ist und somit (in Teilen) wer ich bin.

Identifikation ist besonders im Netz wichtig, denn hier gibt es keine Identität. Das Internet ist von anonymen Surfern bevölkert, die sich verzweifelt in Social Networks profilieren, taggen und präsentieren, um endlich auch im virtuellen Raum ein Gesicht zu bekommen. Zwei Beispiele zeigen, wie einfach die Lösung ist: Visual Bookshelf zeigt die eigene Buchsammlung im Facebook-Profil an und die Partnerbörse Single.de nutzt die Amazon-Profile seiner Mitglieder um zu visualisieren, für welche Musik und Literatur sich eine Person interessiert.

Abbildung 2: Das virtuelle Abbild des realen Bücherregals des Autors
Abbildung 2: Das virtuelle Abbild des realen Bücherregals des Autors

Wir sind, was wir kaufen

Sie finden das anormal? Sich über den Besitz öffentlich darzustellen? Sie machen es jeden Tag: sie tragen Kleidung, die Sie gekauft haben, weil Sie Ihnen gefällt. Sie zeigen Ihre CD-Sammlung in Ihrem Wohnzimmer und Sie besitzen wahrscheinlich keinen Bücherschrank, obgleich der für die Bücher besser wäre, sondern ein Bücherregal.

Warum sollte das online anders sein? Weil digitale Güter anderen Gesetzen unterliegen – Naturgesetzen als auch juristischen Gesetzen. Ein E-Book, das Sie auf Amazon gekauft haben, dürfen Sie nicht einfach so in Ihr Facebook-Profil stellen, auch nicht für Ihre Freunde. Das gedruckte Buch hingegen dürfen Sie sowohl in Ihr Wohnzimmer als auch – wenn Sie das entsprechende Vertrauen zu Ihren Mitbürgern haben – an einem öffentlichen Ort platzieren, sodass es jeder lesen kann.

Das Medium macht den Unterschied. Papier hat einen systemimmanenten Vorteil: einen Kopierschutz. Dem Internet fehlt dagegen ein Digital-Rights-Management-System. So gesehen ist Papier eine Hochtechnologie; das Internet gleicht da eher einem Prototypen. Damit hat eine ganze Branche ein Problem: was in beliebiger Anzahl verfügbar ist, ist nichts wert. Digitale Inhalte lassen sich beliebig duplizieren und sind somit nichts wert.

Virtuell, aber real

Andere haben das schon längst erkannt: die Computerspielindustrie. Sie macht schon lange vor, was andere erst jetzt nachmachen: Social Networks wie Facebook, die virtuelle Güter (in dem Fall virtuelle Geschenkbildchen) als lukrative Einnahmequelle entdecken. Virtuelle Güter sind digitale Inhalte, mit einem Unterschied: Sie sind an eine Plattform gebunden, wie Facebook oder eben World of Warcraft. Und sie sind in der Regel limitiert. Sie lassen sich nicht kopieren, dafür aber handeln und vorzeigen.

Das macht virtuelle Güter nicht nur als Einnahmequelle interessant, sondern auch als soziales Element innerhalb einer Gemeinschaft (neudeutsch "Community"). Das Kaufen, das Verkaufen, das Aussuchen, das Vergleichen, das Tauschen, das Vorzeigen, das "Gemeinsam drüber reden", das "Gemeinsam konsumieren" – das sind jene sozialen Aktivitäten, die unser Offline-Leben bestimmen und die auch online Einzug in unser Leben halten werden.

Martin Szugat

Kommentare
Gravatar Ralf Zmölnig 20.03.2008
um 17:07 Uhr
Wir sind, was wir kaufen.
Vielleicht noch ein Hinweis für alle Onliner: www.kiva.org

R
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Gravatar Martin Szugat 20.03.2008
um 17:22 Uhr
Hallo Ralf,
Klasse! Vielen Dank für Dein Kommentar! Kiva kannte ich noch nicht. Aber das Thema "Social Social Commerce" finde ich richtig spannend. Das nehme ich gleich als Thema für eine der nächsten Kolumnen her. In Deutschland gibt es noch utopia.de. Ich denke, da steckt ein gewaltiges Potenzial drin: für Konzerne ein Gefahrenpotenzial und für kleine Unternehmen / Einzelpersonen eine immense Chance.

Viele Grüße

Martin
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