
19. März 2010
Impressionen von der MIX10 (#2)
Auch der zweite Tag startet mit der Keynote. Diese Mal hat es ein gewisses Maß an Härte, da die Keynotes um 9:00 Uhr beginnen und natürlich am Abend zuvor kräftig gefeiert wurde – in der Gold Lounge bei der Microsoft-Developer-Party, bis in die frühen Morgenstunden. Trotz vier Stunden Schlaf, sind die Neuigkeiten aber so heiß, dass man hellwach ist bei der Verkündung.
IE9 kills the IE6
Scott Goffrey startet auch heute mit dem großen Knaller. Der Internet Explorer 9 ist raus und damit die Möglichkeiten von HTML 5. Der Internet Explorer 6 kann also ab heute als begraben gelten. Natürlich werden mit dem IE9 perfekt die Standards der Markup Languages realisiert. HTML5 gepaart mit entsprechend schnelleren Scripten liefert reichere und bewegtere Applikation. Die Beispiele sind begeisternd. 3-D-Rotationen, Zoom, Vektorintegration und Ansteuerung per Script. Der integrierte SVG-Standard erhöht die Qualität und ist adäquat integriert. So wie viele andere Standards, die die Leistung von Browserapplikationen in den Bereich einer RIA-Qualität heben, die aus Flash und Silverlight bekannt ist. Die Aufforderung an die Community: Schmeißt IE 6 weg, installiert IE9, macht gute Applikationen und gebt uns Feedback.
Dann wird VisualStudio2010 vorgestellt und das, was da kommen wird. Die Liste der implementierten Features wird Entwicklerherzen höher schlagen lassen: 3-Screen-Betrieb. Bessere Performance. Viele neue Komfortfeatures. Neues UI. Intellisence für Ajax, CSS und ASP. Entwicklung wird also einfacher und schneller. VisualStudio2010 ist nun raus.
Back to Nature
Die Keynotes wurden gekrönt von Bill Buxton. Ja, ich gebe zu. Ich bete ihn an seit der Keynote von der Mix09 zum Thema Sketch Flow, der ich nur aus der Retorte beiwohnte. Live ist der Mann aber ein echtes Gänsehauterlebnis. Im Grunde war seine Session eher eine philosophische Veranstaltung. Technisch wurde das Event von Malerei über das Wacom-Pad gekrönt. Wer sich damit aber auseinander gesetzt hat, weiß, dass es nichts Neues ist und dass man schon länger mit diesem Gerät auf ganz natürliche Weise künstlerisch und designerisch aktiv sein kann. Die Usability bei der Gestaltung mit einem derartigen Gerät ist einfach etwas anderes: Es ist natürlich. Und damit sind wir beim Thema. Die Botschaft ist simpel: Sei natürlich. Schaffe Natürliches. Gebe dem User etwas, dass sich natürlich in seine Umgebung und sein Tun einpassen kann. Gehe auf natürliche Bewegungen und Begegnungen ein. Und bilde natürliche Abläufe ab.
Klingt total einfach, oder? Wie degeneriert sind wir schon, durch widernatürliche Buttons und Applikationen geblendet, dass wir einen derartigen Aufruf brauchen? Um auf natürliche Ergebnisse zu kommen, ruft Bill uns dazu auf, uns wieder auf ein paar Grundfragestellungen zu berufen. Diese sollten eigentlich zum natürlichen Ablauf einer Designentwicklung gehören. Aber irgendwie haben wir es verlernt, weil wir uns zu sehr mit Technik oder Design beschäftigen. Die Kernfragen heißen: Warum? Was? Wer? Wo? Wie?
Unter alten Bekannten
Der vielversprechende Titel der ersten Session "Great Experience through Collabration" hat mich dazu verführt, dorthin zu gehen. Da es sich primär aber um eine Abhandlung zum Thema "Brainstorming" handelt, verlasse ich die Session wieder und ziehe es vor, mit in der deutschen Gruppe zu chillen. Es ist faszinierend, dass man hier mit den Leuten ins Gespräch kommt, die man eigentlich so schon kennt oder zu denen man Berührungspunkte hatte. Hier tummeln sich reichlich viele deutsche Microsoftler: Oliver Scheer, Sebastian Graßl, Christian Klasen und Clemens Lutsch. Auch namhaften Agenturen wie UID, Frog Design, DesignAffairs und Maximago sind vertreten. Große Unternehmen wie Datev und T-Systems haben Leuten aus ihren Teams geschickt. Zudem trifft man hier Sascha Wolter und Philipp Bauknecht und Entwickler wie Gregor Bieswanger und Lars Heinrich. Mit solchen Leuten läßt sich herrlich schwätzen, wunderbar fachsimpeln und prima feiern.
Ach, und hatte ich gesagt, dass es irgendwie magisch ist, wenn so ein großer Name wie Bill Buxton an einem vorbeihuscht, ein Lächeln zuwirft und sogar zu einem Gespräch bereit ist, so wie alle der großen Speaker offen sind für viel Kommunikation im Nachgang.
Von Fußball und kreativen Technologisten
Die zweite Session des Tages trug den formschönen Titel "Methology for today agencies". Früher hat man für den Desktop gearbeitet, heute sind es eine Vielzahl von Devices. Das Device kann also nicht mehr das hauptsächlich Entscheidende sein. Das ist der User. Der hat nur zwei Meinungen: Like oder Don’t like.
Die Idee von verlässlich eingeführten Prozessen, die es zu bewahren gilt, bremst Innovationen und Nutzerzufriedenheit. Daher bedarf es im eigenen sowie im Teamgeist der Beweglichkeit von Fußballspielern. Der kreative Technologist ist dabei der optimale Player. Die richtige Mischung aus EQ und IQ macht den digitalen Fußabdruck der Agentur aus. Jede innovative Idee kann somit in dieser Abfolge entwickelt werden: Pulse > Context > Interact > Syndicate. Es geht also um den großen Blick über den Tellerrand und den immer wiederkehrenden Fokus auf den User.
Gute Ideen bedürfen dann eines Prototyps, der Vertrauen schafft, weil er das Risiko von Innovationen reduziert. Die klare Botschaft ist, den Kreis zu durchbrechen. Die treibende Kraft sollte es sein, Dinge anders machen zu wollen. In diesem Sinne: Always be in Beta!
Fragestunde mit Bill Buxton
Wow. Alleine der Titel wirkt auf mich höchst inspirierend. Nach der fast philosophischen Runde am heutigen Vormittag, wird mein Geist nun noch mehr erweitert. Er redet genauso ruhig und charismatisch wie heute vormittag. Bill eröffnet einen Blick in eine fremde Welt der Architektur und der Projektentwicklung des Gebäudes. Wie gering der Designanteil ist und was es hinsichtlich der Umsetzung der Designidee für Folgen hat – nämlich weite Entfernung von der Ursprünglichkeit.
Eine Fragerunde ist ausgerufen. Hier ein Auszug des Dialogs, der mir interessant erschien:
Frage: Wer sind in der Softwareindustrie die Designer? Der Begriff ist so vielschichtig, so viele Tätigkeiten bezeichnen sich als solche, dass die Verantwortung für Design damit fast wild verteilt ist, oder keine Verantwortung mehr für den Job entsteht.
Bill Buxton: Der Designer hat die Gestalteraufgabe, bringt dafür vielschichtige Lösungen, sucht dafür nach den besten Wegen. Letzten Endes ist es egal, ob es sich um den Softwaredesigner oder den UI-Designer handelt.
Frage: Wie vertragen sich agile Projektleitung und agile Prozesse mit Designprozessen?
Bill Buxton: Das wirklich Gute an agilen Prozessen ist die Kommunikation. Der einzige Weg die Erlebnisse der Zukunft zu designen, ist, das Vergangene erlebt zu haben. Also: Neues Erleben schaffen, bedeutet, das alte Erleben zu kennen. Du mußt es gelebt/erlebt haben, bevor Du es bauen kannst." Hmm. Richtige Antwort auf die falsche Frage? Nochmal "Es gibt kein richtig oder falsch.
Frage: Wie können Entwicklerfirmen wirklich gute Designer erkennen?
Bill Buxton: Es gibt durchaus klar auszumachende Core-Skills, die notwendig sind im Software- und Interaktionsdesignbereich. Im Interaktionssdesignbereich befinden wir uns aber schon in einer interdisziplinären Welt. Die Leute kommen mit guten Qualitäten aus anderen Bereichen in den Interaction-Bereich hinein. Diese sind sehr schwer zu bewerten.
Peggy Reuter ist selbstständige GUI-Designerin für WPF, Silverlight und .NET.

































