29. September 2009
Interview mit Jakob Nielsen – Usability geht immer
In der heutigen Zeit lässt sich auf einer Webseite so ziemlich alles einbinden: Twitter-Apps, RSS-Feed, Facebook – und dazu noch eine Fülle an Content. Viele Webseiten bieten ein Portfolio, einen Newsflash, einen Blog und Wikis. Bei dieser Flut an Informationen ist es besonders wichtig, dem User die Navigation so einfach und übersichtlich zu gestalten, wie möglich. Denn was nützt der ganze Content, wenn er selbst für versierte Nutzer unerreichbar wird?
WebDesignerDepot interviewte zu diesem Thema den Web Usability Experten Jakob Nielsen, den die New York Times den "Guru of Web page usability" und das Internet Magazine den "King of usability" getauft haben.
Content-überquillende Websites stellen immer wieder eine Herausforderung dar, selbst für Experten wie Nielsen. Zwar sei man mit dem KISS-Prinzip nach wie vor am Besten beraten, doch wenn ein einfacher Aufbau nicht umgesetzt werden kann, muss man eben kräftig in die Hände spucken und eine Lösung suchen. "It's much more risky to release something complex that hasn't been tested with users than it is to release something simple."
Eine Webseite auf die Usabilty hin zu testen sei dabei das A und O. Dabei könne man getrost auf teure empirische Erhebungen mit hunderten von Testpersonen verzichten. Wenn man drei einfache Regeln befolgt, reichen laut Nielsen fünf Probanden voll und ganz aus: die ausgewählten Test-User müssen repräsentativ sein, vor realistische Aufgaben gestellt werden und man selbst solle dabei die Klappe halten. Auf alles weitere könne man getrost verzichten. So könne jeder Designer seine eigenen Usabilty Tests durchführen.
For example, it's wrong to test with your friends or colleagues. You need to bring in external users who are representative of the target audience and who don't know anything about your project. And you can't just let them fool around: they have to do real tasks. And, of course, you have to keep from biasing their behavior and giving them hints about how to use the site. That's why the "shut up" rule is so important. Of course, it's best to have a big multidisciplinary team with dedicated usability specialists for running the studies, but small teams should still do testing.
Schwierig wird es lediglich bei Studien, welche die Usability auf Mobilfunkgeräten testen sollen. Kann man bei den PC- oder Mac-Studien noch auf eine Auflösung von 1024x768 oder höher zurückgreifen, um eine einheitliche Grundlage zu haben, so ist dies bei Handys nicht ohne weiteres möglich. Für seine Studien testete Nielsen drei Unterschiedliche Kategorien von Mobilfunkgeräten: Low-End-Geräte mit kleinem Display und neuen Features, Smartphones und Tochscreen-Handys. Man muss zwar in den sauren Apfel beißen und die Anzahl der Testpersonen erhöhen, doch sei dieser Aufwand, laut Nielsen, unumgänglich, wenn man die Usability auf allen Geräten gewährleisten will.
The original philosophy of the Web was to emphasize cross-platform design, so that a single site can be used everywhere. But this doesn't work from a usability perspective, even when one can code the material so that it will display on phones. Either the site will be too scaled-back for a desktop user or it will be too complex for a mobile user. The two usage scenarios are so different that they require different designs.
Nutzt man diese simplen Tests, um die Usability am Schluss des Entwicklungsprozesses auf die Probe zu stellen und gegebenenfalls zu verbessern, dann braucht man auch nicht mehr zwangsläufig den Kopf in Regelkatalogen versenken und kann Neues wagen. Zum Beispiel indem man seinem Portfolio neue künstlerische Elemente hinzufügt oder mit anderen Bedienelementen der Seite experimentiert.
Am Beispiel von Amazon.com macht Nielsen deutlich, dass die Experimentierfreude der Usability sogar wesentlich dienlicher sein kann, als lediglich große Vorbilder zu kopieren. Die Seite des amerikanischen Versandhändlers erfülle aus einer gewissen Sicht die Ansprüche einer hohen Usability. Diese sei allerdings vor allen Dingen dadurch gewährleistet, dass Amazon zum größten Teil erfahrene Kunden hat, die schon seit Jahren auf der Seite einkaufen und mit den Bedienelementen sowie der Navigation vertraut sind. Würde man die Seite von einer Person testen lassen, die keinerlei bisherige Erfahrungen mit der Seite hat, so Nielsens These, würden massive Probleme mit der Benutzerfreundlichkeit aufgedeckt werden. Neue Seiten mit ähnlich komplexen Content sollten demnach besser ihre eigenen Wege gehen.
Fragen muss man sich bei der Entwicklung eines Webauftritts lediglich zwei Dinge: Wer ist der User und welche Aufgaben hat er durch das Interface zu bewältigen. Die Antworten fallen für jede Art von Website unterschiedlich aus. Eine Seite, auf der sich der Nutzer durch eine Vielzahl von Bildern klicken soll, muss grafisch anders aufgebaut werden, als eine Seite, die in regelmäßigen Abständen News über Produkte oder Events präsentieren will. Wie ein Designer diese Probleme löst, ist im Endeffekt jedem selbst überlassen. Ob die jeweilige Lösung benutzerfreundlich ist, kann hingegen nur der User selbst sagen.
Jürgen Telkmann

























