21. Oktober 2009
Jack Wolfskin – Von Abwahnsinn und Tatzenschutz
Wir reagieren spät, denn das Szenario ist mindestens seit dem Fall "Jako gegen Trainer Baade" bekannt: Ein großer Konzern mahnt eher kleine Blogger ab, worauf sich im Web eine riesige Solidargemeinschaft bildet, die für ebenso großen Wirbel sorgt und dem Konzern Negativ-PR von gewaltigem Ausmaß beschehrt. Warum also über den Outdoor-Hersteller Jack Wolfskin berichten, der jüngst Schadensersatzforderungen gegen zwei Mitglieder eines Handarbeitsnetzwerkes gestellt hat? Beide hatten Strick- oder Stickmuster angeboten, auf denen eine Tierpfote abgebildet war, von der sich Jack Wolfskin zu stark an das eigene Firmenlogo erinnert fühlte: die Höhe der Forderung lag bei rund 850 bzw. 1000 Euro.
Zum einen verdeutlicht der Fall, wie belehrungsresistent einige Firmen sein können. Jack Wolfskin hat zuletzt im Streit um das taz-Logo Erfahrungen sammeln können, was Urheberrechtsstreitigkeiten anbelangt. Im Jahr 2002 erwirkte man bereits, dass die Tazze nicht mehr auf Produkte gedruckt werden darf, die das Kerngeschäft von Jack Wolfskin berühren: T-Shirts, Rucksäcke, Jacken usw. – 2006 folgten nach einem weiteren Rechtsstreit auch Badetücher. Vor diesem Hintergrund erscheinen Jack Wolfskins Streifzüge durch das Heimwerkernetzwerk Dawanda besonders bizarr. Stellen die beiden Userinnen Fliegenpilzle und Dasaba tatsächlich eine Bedrohung dar, die man mit jener durch die taz vergleichen kann?
Das Netz beantwortet diese Frage mit einem klaren "Nein". Nachdem der Werbeblogger über den Fall berichtet hat, wurde das Thema in Dutzenden von Blogs aufgegriffen, selbst Spiegel Online berichtete. F!XMBR schreibt: "Ich bin fast geneigt zu sagen, dass mal wieder ein Unternehmen das gesellschaftliche Miteinander aufkündigt. Unternehmen wie Jack Wolfskin zeugen ganz offensichtlich vom Niedergang unseres Miteinanders." Netzpolitik.org spricht in dem Fall von einer Pauschalverurteilung: "Ob es sich dabei um Wolfs- (wie bei Jack Wolfskin) oder Katzenpfoten (wie bei einem abgemahnten Shopbetreiber) handelt, scheint für die Abmahnung sekundär. Bei stilisierten Pfotenabdrücken sieht "Jack Wolfskin" offenbar pauschal seine Markenrechte verletzt." PR-Blogger Klaus Eck fasst zusammen: "Meiner Ansicht nach sollten Markenartikler wie Jack Wolfskin immer auch mit den negativen Reaktionen rechnen und vor den juristischen Maßnahmen viel stärker auf den Dialog mit den Kunden setzen."
Inzwischen haben sich auch die beiden involvierten Unternehmen – Jack Wolfskin und Dawanda – zu der Angelegenheit geäußert. Jack Wolfskin veröffentlichte eine offizielle Stellungnahme, in welcher das Vorgehen gerechtfertigt werden soll. Darin heißt es:
Dabei handelt es sich nicht um eine "Strafzahlung", sondern um die Kosten, die Jack Wolfskin durch die Einschaltung der Anwälte entstanden sind und die im Falle der begründeten Abmahnung stets vom Markenverletzer übernommen werden müssen. Somit dient die Abmahnung auch einer schnellen und relativ kostengünstigen Beendigung der Angelegenheit. Sie verhindert also zusätzliche häufig weit höhere Kosten im Falle einer Einschaltung der Gerichte.
Wie diese Stellungnahme von der Netzgemeinschaft aufgenommen wurde, kann sich jeder selbst ausmalen. Dawanda zumindest zeigt sich in dem offiziellen Blog von dem Vorgehen und der Rechtfertigung des Outdoor-Herstellers enttäuscht. Dort heißt es:
Gern hätten wir gemeinsam mit dem Unternehmen eine Lösung gefunden. Als Reaktion auf das Schreiben der Anwälte von Jack Wolfskin haben wir die beanstandeten Produkte von der Seite genommen. Dennoch erhielten unsere Mitglieder Abmahnungen und dies, obwohl deren Artikel bereits nicht mehr auf DaWanda zu finden waren. Als Antwort auf unser erneutes Gesprächsangebot erreichte uns die offizielle Stellungnahme von Jack Wolfskin, in der das Unternehmen sein Vorgehen bekräftigt. Wir sind von diesem Verhalten maßlos enttäuscht.
Kommen wir aber noch einmal zu der Ausgangsfrage zurück: Warum darüber berichten? Man kann nur so lange von einem sozialen Netz sprechen, wie dieses sich auch sozial bzw. in diesen konkreten Fällen solidarisch verhält. Das soziale Netz lebt von der Kommunikation. Solidarität kann daher im Web 2.0 nur funktionieren, wenn immer wieder darüber gebloggt, berichtet oder getwittert wird. Wir werden in Zukunft noch oft von "David gegen Goliath"-Fällen hören, in denen Unternehmen ihre Online-Reputation aufs Spiel setzen – es sei denn, sie lernen endlich, wie das Netz tickt.
Jürgen Telkmann
Eigentlich schlimm, dass man immer gleich mit Anwälten und Geld daher kommen muss.
Eine nette E-Mail hätte es am Anfang gewiss auch getan. #zitieren

























