26. Januar 2012
Kommentar zu Googles Strategiewechsel: Don´t forget - Don´t be evil
Google bereitet die Nutzer darauf vor, dass ab 1. März die geänderten Datenschutz- und Nutzungsbedingungen in Kraft treten. Ab dann werden Informationen, die in verschiedenen Google-Diensten hinterlegt wurden, zusammengeführt.
Wir behandeln den Nutzer als ein- und dieselbe Person, auch wenn er verschiedene Google-Dienste verwendet – das macht die Nutzung unserer Produkte noch unkomplizierter und intuitiver.
Für uns Deutsche und den europäischen Datenschutz schrillen da alle Alarmglocken. Google argumentiert selbstverständlich damit, das die Vereinfachung und Zusammeführung der einzelnen Datenschutz- und Nutzungsbedingungen zu einem besseren Service führt. Ist doch laut Google das neue Search Plus Your World Feature, das in den USA bereits ausgerollt wurde, ein gutes Beispiel für die Nützlichkeit personalisierter Suchergebnisse. "SPY World" wäre dafür auch eine ironisch passende Abkürzung finde ich, aber nun gut.
"Google goes Social" - da ist es klar, dass sich der Suchmaschinenriese auf die eigene Expertise besinnt: Nutzer, Daten und nochmals Daten. Das ist umso wichtiger, wenn man mit der Datensammelwut und dem "Größenwahn" von Facebook konkurrieren möchte. Zudem übertreiben wir Deutschen ja gerne und neigen in puncto Datenschutz zur Panikmache.
Aber ist der Leitsatz "Don´t be evil" nichts mehr wert? Sollte mit Optimierungen für Nutzer nicht einhergehen, jedem eine Wahl zu lassen? Jedem, der kostenlose Dienste nutzt, sollte heutzutage klar sein, dass er mit seinen persönlichen Daten bezahlt. Wenn man aber absichtlich in unterschiedlichen Google-Produkten andere Namen und möglicherweise "fiktive" Informationen angibt, wird man sich sicherlich nicht über eine Zusammenführung freuen. Denn dann wird der Dienst weder intuitiver noch für mich unkomplizierter - ganz im Gegenteil!
Ich muss immer an Zeiten zurückdenken, als es total selbstverständlich war, das Internet ausschließlich mit Pseudonymen zu nutzen. Jetzt entscheiden plötzlich andere für mich, ob ich das darf - ja scheinbar sogar, ob ich das will. Und das Ärgerlichste daran ist - ich habe keine Wahl, außer mich von Diensten wie Google und Facebook vollends zu verabschieden.
Ich musss mich mit Ads ausseinandersetzten, die auf Basis bestimmter Faktoren "exklusiv und nur für mich und auf meine Bedürfnisse abgestimmt" gepusht werden. Bestimmt weil davon ausgegangen wird, das meine Profilinformationen "wirklich" meine Vorlieben und Interessen spiegeln. Ich muss mit ansehen, wie meine SEO- und Online-Marketing-Kollegen durch ihre gute Arbeit, Suchergebnisse auf den ersten SERPs noch irrelevanter machen und immer wieder feststellen, auf einer SEA Page zu landen, anstatt auf einem relevanten Inhalt.
Gerade Suchmaschinen sollen Nutzern helfen, der Informationsflut im Internet Herr zu werden. Sie sollen uns als Filter dienen, der uns vor irrelevanten Inhalten schützt. Ist es da so unverständlich, dass ich auf diesen Filter Einfluss nehmen möchte und nicht will, dass mir diese Kontrolle vollständig entzogen wird? Muss ich auf ein "Bezahl-Internet" hoffen, sodass ich dann wenigstens Relevantes finde, wenn ich eine Gebühr abdrücke? Bin ich ein schlechter Networker, wenn ich nicht zulasse, dass mein Facebook-Profil von anderen Personen befüllt werden kann und nicht mein gesamtes Privatleben in kostenlosen Diensten offenlege, weil nicht sämtliche Daten abgegriffen werden sollen? Ist es verwunderlich, dass Änderungen in Policies und Funktionalität häufig einen Aufschrei der Entrüstung im Netz auslösen, da sie einschneidende Konsequenzen für die User und ihre Daten nach sich ziehen, obwohl es gerade die Nutzer sind, die die Produkte und damit Unternehmen groß machen? Ist ein solches Vorgehen fair und gut? Ist es eine Frage der Ehre und Ethik oder doch nur blanker Kapitalismus?
Ich "oute" mich hiermit und gebe zu, dass ich seit Jahren echter und natürlich auch eingefleischter Google-Fan bin. Aber Google: You forgot your own priciple! Don´t be evil bedeutet in der heutigen Welt auch, sich nicht nur ausschließlich auf finanzielle Vorteile zu konzentieren. Besonders wenn diese immer hinter fadenscheinigen Aussagen wie "für die Nutzer", "noch intuitiver", "noch effizienter" und "verbesserter User Experience" verschleiert werden. Dann doch bitte gleich weg vom Freemium Modell und die User selbst entscheiden lassen.
Nutze ich Dienste umsonst, muss ich mich damit abfinden, nichts gegen die Verwendung und Verknüpfung meiner persönlichen Daten tun zu können. Dann lasst mich doch aber bitte dafür bezahlen, dass nur x Prozent meiner Daten für den zum Teil sinnfreien Werbewahnsinn verwendet werden. Ich qualifiziere meien Daten gerne auch vorab, damit für mich wirklich interessante Werbeanzeigen geschaltet werden können. Das wäre doch mal ein praktikabler Ansatz, oder nicht?
Marja-Liisa Jöckel

























