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20. Januar 2010

PR-Gau der Süddeutschen: Wer wird den gleich in die Luft gehen!

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/news/053460)

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Der PR-Gau zur iPhone-App der Süddeutschen wird zum Stimmungsbild der deutschen Bloggerlandschaft. Von Hysterie bis zu gelangweilter Ignoranz ist alles dabei und ganz nebenbei bekommt die Süddeutsche viel, sehr viel mehr PR als von der kühnsten Kampagne zu erwarten gewesen wäre. Sogar jetzt auch noch hier.

Ein Kommentar von Frank Puscher

Der Stein des Anstoßes ist so trivial, dass sich kaum darüber zu schreiben lohnt. Das Marketing der Süddeutschen hat mit dem Schweizer Dienstleister Trigami eine Blog-Kampagne erdacht, bei dem die neue iPhone-App des Verlagshauses lobenswert erwähnt werden sollte. Ui. Bezahlte Texte in Blogs? Wie verwerflich. Und dann wagt es Trigami auch noch, den Bloggern Texte vorzuschlagen, die man nehmen könnte. Wie dreist. Welch Übergriff in das Heiligste des New Journalism, die Meinungsfreiheit.

Doch halt. Bleibt nicht die Mitarbeit bei Trigami-Kampagnen ein Akt des Freien Willens.

Nein, keinesfalls. Der Freie Wille muss dem kapitalistischen Diktat geopfert werden. Trigami-Kampagnen mit Vergütungen von ein paar Euro pro Werbetextinsel sind vermutlich der letzte ökonomische Ausweg vor Hartz IV. Werbung für die Süddeutsche oder Selbstaufgabe lautet das geradezu faustianische Dilemma.

Haiti, die Handball-EM und der Suddeutsche-Skandal beherrschen die Schlagzeieln der Weltpresse
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Und ist es nicht so, dass die von Trigami bezahlten Posts als Werbung zu kennzeichnen sind, wenn Sie denn als Advertorial gebucht werden – also mit definitiv gutem Ausgang?

Doch, doch, so ist es. Das klappt zwar nicht immer, meint Trigami-Chef Úherek, doch meistens steht "WERBUNG" drüber und die meisten Blogger, die da mitmachen, reden sogar recht offen davon, dass sie da mitmachen. Aber das ist ja nicht der Punkt.

Und was ist der Punkt?

Offensichtlich gibt es zwei Punkte. Der eine ist der, dass es überhaupt Blogger gibt, die da mitmachen. Hier öffnet sich ein tiefer, moralischer Graben in Deutschlands Onlinetagebuchlandschaft. Wer sich für Posts kaufen lässt ist eine Nutte. Spitzfindige Kommentatoren unterscheiden sogar noch zwischen legitimen Nutten zum Normalpreis und Billignutten. Wer sich also viel Geld fürs Posten bezahlen lässt ist eine Spur weniger nuttig, als derjenige, der sich damit geradeso über Wasser hält. Wer sich für noch weniger Geld Texte von Google vorformulieren lässt, ist allerdings keine Nutte. Das ist dann ein ganz normaler Blogger, der Textwerbung einblendet.

Der andere Punkt ist, dass es die Süddeutsche Zeitung doch gar nötig haben sollte, sich Blogeinträge zu kaufen. Aber das Dumme für den Marketingleiter ist eben, dass es kaum einer Branche so schlecht geht wie den Zeitungshäusern. Und alle klugen Berater sagen, man müsse da mehr online machen und in Social Media und so. Um die Zukunft des Journalismus zu sichern. Und die Entwicklung einer iPhone-App ist auch nicht so ganz billig. Und im Leerbuch "Virales Marketing für Dummies" steht auch, dass man jedes Viraldings erst mal bewerben muss, damit der Buzz kommt.

Hoffentlich merkts keiner: Textwerbung im Blog Alles2null.de
Hoffentlich merkts keiner: Textwerbung im Blog Alles2null.de

Aber wer hat dann eigentlich was falsch gemacht?

Alle fast alles. Das Süddeutsche-Marketing, weil man Trigami nicht gesagt hat, dass man auch unbedingt ein paar negative Einträge haben will. Und Trigami selbst, weil die den Bloggern Werbetexte zum Ausschneiden und Einfügen mitgeliefert haben und Screenshots. Die Blogger natürlich, denn die haben für ihre Werbebeiträge viel zu wenig Geld verlangt. Die Kommentatoren, die in die Luft gegangen sind wie HB-Männchen, weil es die ehrwürdige Süddeutsche war, die sowieso keine Ahnung von Nix hat, vor allem nicht vom Internet und schon gar nicht vom Web 2.dingsda. Alle Fachjournalisten der vergangenen 200 Jahre, die es gewagt haben, eine positive Formulierung aus einer Pressemeldung zu übernehmen. Alle Anzeigenleiter von Verlagen die irgendwann mal auf die Idee gekommen sind, man könnte ungestraft Werbung und Redaktion verschmelzen, in dem man einfach Advertorial drüber schreibt. Die Redaktion von CREATE OR DIE, die zwei Tage nach dem Desaster noch einen Kommentar dazu bestellt hat. Die Presse an sich. Medien. Und die anderen sowieso.

Und was wird nun?

Die Süddeutsche macht lieber kein virales Marketing mehr. Die anderen Markeninhaber lesen das und machen lieber wieder blinkende Flash-Layer. Die Blogger schreiben weiter positive Meinungen über Dinge, die sie gut finden, oder die ihnen Geld einbringen. Die Kommentatoren zerfleischen sich weiterhin gegenseitig. Die Social Media-Experten glauben weiterhin daran, dass alle, die keine Blogs lesen, keine Tweets absetzen und sich lieber von Freunden ein Restaurant empfehlen lassen als vom iPhone, sowieso in der Minderheit sind und bald aussterben.

Es bleibt also alles beim Alten.

Naja, nicht ganz. Auf den nächsten Konferenzen wird es Redner geben, die uns den Süddeutsche-PR-SuperGAU nochmals vor Augen halten. Als mahnendes Beispiel. Schließlich sind sich die meisten Experten darin einig, dass der Ruf der Süddeutsche auf Dauer beschädigt ist. Außerdem wird natürlich jeder, ganz schnell die Süddeutsche-App von seinem iPhone löschen, auch wenn er sie gut findet.

Was stand eigentlich drin im Blogger-Briefing?

Das die Süddeutsche für Qualitäts-Journalismus steht. Und das es dort Kommentatoren gibt, die eine eigene Meinung haben. Und das man das jetzt auch auf dem iPhone abrufen kann.

Aber das stimmt doch eigentlich.

Na, da hätte jetzt aber "WERBUNG" drüber stehen müssen.

Der Stein des Anstoßes ist die iPhone-App von sueddeutsche.de
Der Stein des Anstoßes ist die iPhone-App von sueddeutsche.de

Kommentare
Gravatar Herbert Peck 20.01.2010
um 16:34 Uhr
Erfrischend! #zitieren
Gravatar Clemens Gleich 20.01.2010
um 17:09 Uhr
Da fehlt jetzt noch, dass die Springer-Presse eine iPhone-App, der Welt anbietet, die großartigst und genial sein soll, alles einen Tag vorher und so. Und das sage ich jetzt nicht, weil Springer mich für Texte bezahlt. Nein, der letzte Satz war doch gelogen... #zitieren
Gravatar Thomas, paderSolutions.de 20.01.2010
um 21:53 Uhr
Nur weil wir den Artikel aus dem Netz genommen haben, heißt das nicht, dass wir die App auch von unseren iPhones gelöscht haben ;-) #zitieren
Gravatar Frank Puscher 28.01.2010
um 14:13 Uhr
Thomas, paderSolutions.de:
Nur weil wir den Artikel aus dem Netz genommen haben, heißt das nicht, dass wir die App auch von unseren iPhones gelöscht haben ;-)

Ach Was, das hätt isch jetz nit jedacht.
#zitieren
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