20. August 2009
Usability-Spezialist James Breeze: "Eye Tracker werden Emotionen erfassen"
James Breeze ist Organisationspsychologe in Australien und einer der angesehensten Eye-Tracking-Spezialisten in der südlichen Hemisphäre. Neben seiner Beratungsfirma Objective Digital unterhält er ein Eye-Tracking-Labor in Sydney und verkauft Eye Tracker im Namen des schwedischen Herstellers Tobii.
James Breeze: Als Psychologe arbeite ich bereits seit zehn Jahren im Bereich User Experience. Ich unterstütze Menschen gerne darin, das für sie Beste aus Technologie herauszuholen. Über Usability bin ich in den Bereich des Interface Design gelangt, außerdem war und bin ich in strategische Prozesse involviert, wenn es in Unternehmen um Webpräsenz, sprich Internet, Intranet und Social Media geht.
Seit sechs Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Eye Tracking, einem Bestandteil des Usability Testings. 2007 habe ich Objective Digital gegründet, wir setzen uns in erster Linie mit Produkten und Unternehmen auf der Marketingseite auseinander. In der Gründungsphase wurde schnell klar: ich brauche einen Eye Tracker. Letztendlich wurde ich Reseller für Tobii Eye Tracker im Raum Asia-Pacific und betreue auch deren Social-Media-Netzwerke.
James Breeze: Zu Beginn wurde Eye Tracking primär in der akademischen Forschung angewendet, besonders in den Bereichen Psychologie, Computer Interaction und Forensik. Heute liegt ein weiterer Fokus darauf, das Leben von Menschen mit Behinderungen einfacher zu gestalten. Beispielsweise können Menschen, die stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, über Augenbewegungen mit ihrer Umwelt kommunizieren. Diese Arbeit ist enorm befriedigend, denn mithilfe von Technik können diese Menschen aktiver am Leben teilhaben. Es ist sogar möglich, allein mit Augenbewegungen Vorträge an Universitäten zu halten, was die Lebensqualität massiv erhöht.
Ein weiteres Einsatzgebiet von Eye Tracking ist das Marketing. Wie sollten beispielsweise Supermärkte oder Einkaufszentren gestaltet sein, um den Kunden zum Geldausgeben zu animieren. Dafür ist es wichtig zu wissen, was die Aufmerksamkeit des Konsumenten auf sich zieht. Dies gilt ebenfall für das Design von Verpackungen, Werbeanzeigen und Magazin-Layouts. Der dritte Bereich, der insbesondere für Webdesigner interessant ist, ist das Thema Usability, das heutzutage Hand in Hand mit Eye Tracking geht.
James Breeze: Absolut – es hat sowohl Marktforschung als auch Usability Testing revolutioniert, insbesondere dadurch, dass es schweigend vorgenommen werden kann. Es dauert einmalig 20 Sekunden den Eye Tracker zu kalibrieren, von da an kann die Testperson ihre Aufgaben ohne zu sprechen erfüllen.
Das traditionelle Think Aloud führt häufig dazu, dass die Testperson abgelenkt ist und sich darauf konzentriert, die Prozesse in Worte zu fassen, statt den Fokus auf das Lösen der Aufgabenstellung zu legen. Oftmals wird eine Videoaufnahme oder Heatmap der Sitzung im Anschluss mit den Teilnehmern besprochen, durch die Visualisierung können sie sich besser an das Erlebnis erinnern.
James Breeze: Eye Tracking ist nur ein Werkzeug im Gesamtprozess, es kann nicht alle Fragen beantworten. Sehr bald werden Tobii-Geräte sowohl über eine Umfragefunktionalität als auch über Analysetools verfügen; in Verbindung mit der richtigen Software kann so ein großer Bereich des Testens abgedeckt werden. Qualitative Interviews oder Umfragen sind immer noch von Bedeutung, da Emotionen nicht mit dem Eye Tracker eingefangen werden können.
Es ist wichtig festzustellen, ob jemand frustriert nach einem Ausweg aus der momentanen Situation sucht oder ob Interesse besteht, möglichst viele Inhalte einer Webseite zügig zu erfassen. Tobii arbeitet gerade mit anderen Unternehmen an der Erfassung von Emotionen; sobald diese zusätzliche Funktionalität implementiert ist, werden wir eine massive Verlagerung des Schwerpunkts in die Bereiche Marktforschung und Usability Testing zu sehen bekommen.
James Breeze: Durch das Eye Tracking bekommen Designer wichtige Einblicke in das Verhalten der Nutzer. Welche Designelemente erwecken ihre Aufmerksamkeit? Wie folgen sie Prozessen? Und natürlich auch: wo muss ich Werbeanzeigen platzieren, damit sie vom Kunden wahrgenommen werden? Grundsätzlich leistet Eye Tracking gute Dienste wenn es darum geht, verwirrende Elemente zu identifizieren.
Wenn der Nutzer nicht feststellen kann, wo er als Nächstes klicken muss, weiß der Designer, dass in diesem Bereich etwas geändert werden muss. Außerdem erleichtern die ausgegebenen Daten das Verfassen des Testreports. Insbesondere, wenn Tester und Testperson nicht im selben Raum sitzen, sondern beispielsweise durch eine Spiegelwand voneinander getrennt sind, kann der Tester die durch Mimik und Gestik gespiegelten Emotionen wahrnehmen und weiß ganz genau, welches Element auf dem Bildschirm diese Reaktion im Probanden ausgelöst hat. Aus Sicht des Testers ist das auch viel interessanter und weniger langweilig als traditionelles Testen.
James Breeze: Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Eye Tracking im Bereich des Usability Testings wichtiger werden wird. Es wird sicherlich bekannter und häufiger als Werkzeug eingesetzt werden, da die Nützlichkeit dieser Untersuchungen mehr und mehr verstanden wird. Medienagenturen, Finanzinstitute und Telekommunikationsunternehmen sind da sicherlich Vorreiter – in diesen Bereichen geht kein Webseiten-Redesign mehr online, ohne intensiv getestet zu werden, inklusive Eye Tracking.
Andere Bereiche folgen bereits oder werden in naher Zukunft die Bedeutung für die Entwicklung einer positiven User Experience verstehen. Die Kopplung mit Emotionsdaten wird für Webseiten sicher sinnvoll sein, doch es wird dem Nutzer nicht helfen, sein Ziel zu erreichen. Ich sehe die Zukunft des Eye Trackings vielmehr in der erfolgreichen Unterstützung des Marketings, insbesondere da die Integration von Software eine schnellere Bearbeitung von Projekten ermöglicht und somit die Kapitalrendite erhöht. Zusätzlich werden Eye Tracker kleiner und preiswerter, das wird dazu führen, dass sie verstärkt genutzt werden.
Ich persönlich glaube, dass insbesondere im Bereich der Arbeit mit Menschen mit schweren Behinderungen noch einiges an Potenzial liegt und hoffe, dass Eye Tracking mehr und mehr Behinderten das Leben erleichtern und ihre Lebensqualität erhöhen wird.
James Breeze: Ich bin leidenschaftlicher Surfer. Wir leben direkt am Strand, nur 150 Meter vom Meer entfernt. Von meinem Schreibtisch aus kann ich die Wellen sehen. Objective Digital ist so aufgebaut, dass alle Angestellten flexibel arbeiten können. Wir treffen uns an zwei bis drei Tagen in unseren Büroräumen in Sydney, den Rest der Woche arbeiten wir virtuell, sodass einem Sprung in die Fluten auch während des (Arbeits-)Tages nichts im Weg steht.
Wenn ich nicht gerade auf Wellen reite, kümmere ich mich um meinen 18 Monate alten Sohn und meine Frau. Außerdem bin ich dem Social-Networking-Wahn erlegen, ich freu mich über jeden neuen Follower auf Twitter. Vielleicht sagt ja bald ein CREATE-OR-DIE-Leser mal "Hallo ..." bei @jamesbreeze.
Das Interview führte Diane Sieger
Felix Schrader


























