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21. Mai 2008

Verkehrte Welt

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/cod/kolumnen/043359)

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In der "schönen neuen Welt" von Aldous Huxley ist es der Staat, der seine Bürger überwacht. In der gegenwärtigen Realität sind es die Konzerne, die den gläsernen Konsumenten schaffen. Und in der nahen Zukunft ist es der Kunde, der die Unternehmen zur Transparenz zwingt. Wer als Firma diese Entwicklung verschläft, wird lange schlafen: auf dem Friedhof der Pleiten.

Die Emanzipation des Konsumenten

Aufklärung ist der "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" – so Immanuel Kant. Der Aufklärung bedurfte es im 17. und 18. Jahrhundert, um den Menschen von der absoluten Monarchie und einer totalitären Kirche zu befreien. Das Wissen über deren Ziele und Machenschaften war es, was letztlich ihren Fall verursachte. Wissen ist Macht, denn Wissen macht Entscheidungen möglich – dafür oder dagegen.

Damals waren es Entscheidungen für die Demokratie und für die Säkularisierung. Morgen werden es Entscheidungen gegen ein Unternehmen und dessen Produkte sein. Der Preis bestimmt schon längst nicht mehr alleine. Geiz war geil. Das wissen selbst Saturn und die verantwortliche Werbeagentur Jung von Matt (vgl. GDI IMPULS Winter 2007). Deren neues Credo lautet: Qualität.

Qualität statt Quantität

Doch Qualität ist gar nicht so einfach. Denn was ist Qualität? Beispiel Essen: "Bio ist Qualität", sagt der eine und meint "Gesund für mich". "Öko ist Qualität", sagt der andere und meint "Gesund für die Umwelt". Die Produktqualität ist wichtig, aber oftmals kein Unterscheidungsmerkmal, da sie bei vielen Produkten identisch ist.

Entscheidend wird zunehmend die Prozessqualität: wo und wie wird das Produkt gefertigt? In der Region zu angemessenen Löhnen und die Umwelt schonend? Oder in China zu Hungerlöhnen und durch Raubbau an der Natur? Das sind Fragen, die sich die Konsumenten zunehmend stellen und auf welche die Unternehmen keine Antworten haben.

User-generated Transparency

Dumm für die Unternehmen, denn der Markt regelt sich bekanntlich von selbst. Und so sprießen Unternehmen aus der von Konzernen verbrannten Erde, die mittels Crowdsourcing erreichen wollen, was viele Firmen fürchten: volle Transparenz – zu wissen, welches Produkt wie hergestellt wird und welches Unternehmen welche sozialen oder ökologischen Missetaten begangen hat.

Strategischen Konsum nennt das Startup Utopia diese neue Form des Protests. Ihre Nutzer, die "Utopisten bewerten Produkte, Marken und Unternehmen, tauschen ihre Erfahrungen aus, posten Beiträge und kommentieren.", so liest man es auf der Unternehmenswebsite. Ja, Unternehmenswebsite, denn Utopia ist genau genommen die Utopia Aktiengesellschaft und damit ein gewinnorientiertes Unternehmen.

Soziales Unternehmertum

Geld machen und auch noch Gutes dabei tun? Wo gibt es denn so was? Bei den Social Entrepreneurs – und die sind zunehmend auch im Web unterwegs. Wo sonst? Denn soziales Engagement ist oftmals Privatsache, und nirgends sonst erreicht man eine so große Masse von Privatpersonen wie im Internet. Von Mensch zu Mensch – so möchte beispielsweise das Startup betterplace die Welt ein wenig besser machen. Hier stellen sich Hilfsprojekte vor, um bei Privatpersonen und Unternehmen Spenden einzuwerben.

Einen anderen, direkteren Weg geht Kiva. Kiva vermittelt Kredite von Privatpersonen aus der Ersten Welt an Kleinunternehmer in der Dritten Welt. Sowohl betterplace als auch Kiva bieten beiden Seiten Raum zur Selbstdarstellung: dem Nehmer und dem Geber. Das Motto "Tue Gutes und rede darüber" ist dabei nicht nur den Unternehmen vorbehalten – auch Privatpersonen können ihre soziale Ader zur Schau stellen.

Unternehmen nennen das freilich anders: Corporate Social Responsibility – kurz CSR. Gemeint ist das soziale Gewissen. Das ist allerdings bei vielen Firmen zur reinen PR-Maßnahme verkommen. Der CSR 2.0 hat sich auch das Startup ixenio verschrieben: es möchte Unternehmer und soziale Projekte zusammenbringen, getreu dem Motto: Transparenz schafft Vertrauen und dem Vertrauen folgen Spenden.

Sozialer Kommerz

Doch es verlangt mehr als großzügige Spenden, um im 21. Jahrhundert als Unternehmen zu überleben. Im globalisierten Long-Tail-Geschäft konkurrieren Weltkonzerne mit regionalen Handwerkern. Und die haben einen klaren Vorteil: ein Bewusstsein für das menschliche Miteinander. Die Lust des Konsumenten am "sozialen" Produkt zeigt sich unter anderem am Erfolg von Etsy: einer Plattform ähnlich wie eBay, nur eben nicht für Markenartikel, sondern für Handgemachtes.

Der Social Commerce, bei dem Käufer anderen potentiellen Käufern Empfehlungen oder eben doch nur Werbung servieren, gipfelt in der sozialen Ökonomie: Menschen kaufen Produkte, gemacht von Menschen. Hier findet der Konsument das, was er verloren hat: das Vertrauen in den Produzenten.

Wikinomisierung der Wirtschaft

Um das zurückzugewinnen, bleibt den Unternehmen nur eines: die Maske der Werbung und der PR abzulegen und sich den Kunden zu öffnen. Die Wikinomie – die Einbindung des Konsumenten in den Produktionsprozess – schafft nicht nur Vertrauen, sie bindet den Käufer gleichsam an das Produkt. Er ist Teil des Produkts. Und sie entfaltet ein bisweilen brachliegendes Potenzial: unsere Kreativität.

Martin Szugat

Kommentare
Gravatar Martin Szugat 21.05.2008
um 22:48 Uhr
Passende Schlagzeile zum Beitrag: eBay entwickelt Plattform für fairen Handel
von http://www.computerwoche.de/index.cfm?pid=3146&pk=1864392
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