17. November 2008
Wikipedia zwischen Rufmord und Persönlichkeitsrecht
Die Auseinandersetzung zwischen Wikipedia und dem Bundestagsabgeordneten Lutz Heilmann droht zur billigen politischen Stimmungsmache zu verkommen. Heilmann sah, wie Focus Online berichtet, durch "falsche Tatsachenbehauptungen" in seinem Wikipedia-Eintrag seinen Ruf gefährdet. Er erwirkte daher – wie in einem Rechtsstaat eben möglich – gegen die popläre Online-Enzyklopädie eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht Lübeck. Mit gravierender Folge: Für einige Zeit wurde die deutsche Wikipedia-Startseite durch folgenden juristischen Hinweis ersetzt:
Mit einstweiliger Verfügung des Landgerichts Lübeck vom 13. November 2008, erwirkt durch Lutz Heilmann, MdB (Die Linke), wird es dem Wikimedia Deutschland e.V. untersagt, "die Internetadresse wikipedia.de auf die Internetadresse de.wikipedia.org weiterzuleiten", solange "unter der Internet-Adresse de.wikipedia.org" bestimmte Äußerungen über Lutz Heilmann vorgehalten werden. Bis auf Weiteres muss das Angebot auf wikipedia.de in seiner bisherigen Form daher eingestellt werden. Der Wikimedia Deutschland e.V. hat gegen den Beschluss Widerspruch eingelegt.
[16. November]: Herr Heilmann hat erklärt, er würde die einstweilige Verfügung zurückziehen. Sobald die Verfügung aufgehoben ist, werden wir unser Suchangebot wiederherstellen.
Nach Heilmanns Rückzieher ist bei Wikipedia.de inzwischen wieder der Suchmaschinenalltag einkehrt, dennoch brodelt es in der Online-Medienwelt ganz gewaltig. Der Vorfall um die Persönlichkeitsrechte eines umstrittenen Abgeordneten, aus einer umstrittenen Partei, taugt einigen Medienvertretern ausgezeichnet zur Verallgemeinerung und – sagen wir es zugespitzt – zum Gesinnungstest.
Die Meinung in der Blogosphäre ist also einhellig: es wird auf den Spassverderber Heilmann eingehauen (Bsp.: Spreeblick, Nerdcore), auch in vorgeblich kritischen Blogs, die sich sonst viel auf ihre Distanz zur Mainstream-Berichterstattung einbilden.
Ein wichtiger Aspekt geht dabei in der politisierten Diskussion unter: Wie verfährt man bei Wikipedia mit unbewiesenen Gerüchten. Praktisch jeder kann Wikipedia-Einträge um spektakuläre, aber unrichtige Hinweise ergänzen. Auch wenn die Behauptungen nach einiger Zeit und Diskussion von der Seite wieder verschwunden sind, aus dem Web sind sie damit noch lange nicht.
Diesmal hat es einen Politiker mit "Vergangenheit" getroffen, doch auch respektablere Persönlichkeiten wie etwa der Soziologe Niklas Luhmann, dem man auf Wikipedia zeitweilig AIDS als Todesursache andichtete, sind von Rufmord via Wikipedia betroffen (siehe die entsprechende Wikipedia-Diskussion).
Ein Umstand, der nicht einfach politischer Polemik anheimfallen sollte, sondern ernsthaft diskutiert werden muss.
Reimar Winkler































