14. April 2010
webinale-Interview: Ivo Gabrowitsch plädiert für neue kreative Freiheit
Ivo Gabrowitsch ist Marketingleiter bei FSI FontShop International, der Heimat der FontFont-Schriftbibliothek und des weltweiten FontShop-Konzepts. Für FSI war er verantwortlich für die Entwicklung und Markteinführung von Webfonts. Der Ingenieur der Druck- und Medientechnik studierte an der Beuth-Hochschule Berlin und arbeitete zuvor einige Jahre als Mediengestalter. Stefan D'Amore hat mit dem Typografie-Liebhaber gesprochen.
webinale: Herr Gabrowitsch, Sie nennen Ihre webinale-Session: "Mehr Charakter, mehr Individualität, mehr Webfonts". Webfonts als Lebensbedürfnis?
Ivo Gabrowitsch: Webfonts selbst sind sicher kein Lebensbedürfnis, wohl aber die neue kreative Freiheit und Individualität. Denn nach all den Jahren des typografischen Einheitsbreis dürfen sich Webdesigner nun endlich austoben.
webinale: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass wir so lange auf die Verwendung von mehr Schriften als Verdana und Arial warten mussten? Wie sehen Sie die Browserentwicklung und die dazugehörigen Firmenpolitiken?
Ivo Gabrowitsch: Das hatte verschiedene Ursachen, die alle aufzuzählen etwas den Rahmen sprengen würde. Der Hauptgrund des langen Wartens war wohl der "Browserkrieg" zwischen dem Internet Explorer und dem Netscape Navigator in den Neunzigern, die beide die CSS2-Spezifikation und damit Schriftunterstützung mittels Font-Linking unterstützten, allerdings jeweils in einer eigenen proprietären Form (IE als EOT, NN als TrueDoc). Damit wirkten sie leider einer einheitlichen Lösung entgegen.
Das W3C strich mit CSS2.1 diese Form der Schriftunterstützung aus der Spezifikation und nahm sie erst 2002 im Rahmen des CSS3 Modul Web Fonts wieder auf. Obwohl EOT seit dem IE4 durchweg untersützt wird, griffen andere Browserhersteller diese Technologie aus verschiedenen Gründen weiterhin nicht auf. Erst im März 2008 nahm die Geschichte mit Safari 3.1 wieder richtig Fahrt auf. Apple folgte der CSS3-Empfehlung mit so genannten "Raw Fonts" und der @font-face-Regel.
Webdesigner forderten nun verstärkt die breite Browser- und Lizenzunterstützung, wogegen sich allerdings Schriftenhersteller wehrten, denn sie wollten natürlich nicht ihre Originalfonts kostenlos an jeden Webseitenbesucher übermitteln lassen. Am Ende dieses zähen Ringens steht nun ein Kompromiss, mit dem offensichtlich Browser- und Schrifthersteller leben können. Dieser Kompromiss besteht aus einem modifizierten OpenType-Format (WOFF). Zudem machte Microsoft nun endlich auch die EOT-Spezifikation öffentlich. In den letzten beiden Jahren kam also endlich richtig Schwung in dieses Thema.
Ich bin nach ersten Erfahrungen mit unseren "Web FontFonts" sehr zuversichtlich, dass auch die Webdesigner WOFF und (bis zur flächendeckenden Unterstützung des Formats) EOT Lite annehmen werden.
Die unterschiedlichen Philosophien der einzelnen Browser finde ich aus Anwendersicht unheimlich spannend und prinzipiell begrüßenswert, allerdings haben wir eben auch beim Thema Webfonts gesehen, was diese Vielfalt an Schwierigkeiten für Webentwickler mit sich bringen kann.
webinale: Bekommt Typografie im Web nun ein schwerwiegenderes Gewicht? In welcher Hinsicht müssen sich Webdesigner in Zukunft umstellen?
Ivo Gabrowitsch: Absolut. Ich rechne fest damit, dass Typografie im Webdesign und damit auch in der Ausbildung einen immer größeren Stellenwert einnehmen muss und wird. Typografie ist ein wichtiger gestalterischer Bestandteil im Printbereich. Schrift macht Marken stark und transportiert im Unterbewusstsein des Lesers zuweilen sogar mehr als die mit ihr geschriebenen Worte. Das will aber alles gut gelernt sein. Wenn man die richtige Schriftwahl und das typografische Handwerk beherrscht, kann man sich mit einfachen Mitteln einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.
webinale: Wie schätzen Sie die Entwicklerszene ein? Wird es aufgrund der Möglichkeit, Fonts beispielsweise über JavaScript-Funktionalitäten einzubinden, zu einer Entwicklungsexplosion in der Entwicklung kostenloser Fonts kommen?
Ivo Gabrowitsch: Es wird sicher nicht zu einer solchen Explosion kommen, denn diese Möglichkeiten bestehen ja schon seit geraumer Zeit und dennoch gibt es heute nicht viel mehr kostenlose Fonts als vorher. Zur Frage nach der Entwicklerszene: Sie ist und bleibt sehr aktiv und hat ja auch mit verschiedenen Brückenlösungen wie sIFR oder Cufón ihre Kreativität und Flexibilität unter Beweis gestellt. Für alle Beteiligten ist aber natürlich ein einheitlicher Industriestandard erstrebenswert. Diesen sehe ich eben langfristig in WOFF.
webinale: Können frei verfügbare Fonts den kostenintensiven professionellen Fonts den Rang ablaufen?
Ivo Gabrowitsch: Da in einem qualitativ hochwertigen Font enorm viel Arbeit steckt (viele Monate und sogar Jahre!) kann ich diese Frage ziemlich sicher mit nein beantworten. Wer diesen praktischen und theoretischen Aufwand in die Entwicklung einer Schrift steckt, kann sich kaum leisten, sie am Ende zu verschenken. Ein DJ wird die Zusammenstellung seines Sets kaum vom Angebot kostenloser MP3s abhängig machen. Er wird gezielt professionelle Titel kaufen, um den Club zu rocken.
webinale: Worauf sollte man vordringlich achten, wenn man Fonts einsetzt?
Ivo Gabrowitsch: Generell natürlich auf typografische Grundlagen: Schriftwahl, -größe, -farbe, -kontrast usw., aber auch auf technische Unterschiede beim Webseitenbesucher. Dem Benutzer von Windows Vista steht beispielsweise eine andere Form der Schriftglättung zur Verfügung als beispielsweise einem Benutzer von Mac OS X.
Rechtlich ist es natürlich wichtig, dass der Font passend lizenziert ist und die Lizenz die Verwendung als Webfont – in welcher technischen Form auch immer – überhaupt zulässt. Mein Rat daher: EULAs prüfen, auch wenn dies nicht zu den Lieblingstätigkeiten von Designern gehört. Es erspart aber späteren Ärger. Im Zweifel kann man sich jederzeit beim Hersteller oder Lieferanten der Schrift erkundigen.
webinale: Welche Auswirkung hat denn die Verwendungsmöglichkeit von mehr Fonts auf das Websitedesign? Werden Websites nicht eventuell durch die Verwendung von zu vielen Fonts eher unleserlich und überladen?
Ivo Gabrowitsch: Sicher wird es (wie im Printbereich auch) nicht ausschließlich herausragende Projekte geben. Aber die Vorteile der Vielfalt überwiegen. Durch die neuen Techniken hat man noch eher die Möglichkeiten, sich von den Konkurrenten abzugrenzen. Die Verwendung von zu vielen Fonts sollte allein schon wegen allzu langer Ladezeiten vermieden werden. Im Übrigen glaube ich, dass das Webdesign im Gegenzug auch Einfluss auf Typografie und sogar die Neugestaltung von Schriften nehmen wird. Schließlich wurden beide bisher hauptsächlich vom Gedruckten beeinflusst.
webinale: Auch wenn Designer nun immer mehr Freiheiten bekommen: Fehlen nicht noch immer zahlreiche Features, die sich längst im Printbereich etabliert haben?
Ivo Gabrowitsch: Die neuen Möglichkeiten sind zunächst ausreichendes Neuland, das erst einmal erkundet werden will. Zukünftig werden auch die noch fehlenden Optionen zur Verfügung stehen. Mozilla arbeitet bereits daran, typografische Layoutfunktionen in kommende Browsergenerationen zu implementieren. Das wird also noch sehr spannend.
webinale: Können Sie uns etwas über das "FontShop-Webfonts-Konzept" erzählen?
Ivo Gabrowitsch: Unsere "Web FontFonts" kommen als Paket in den zwei Formaten WOFF und EOT Lite, die derzeit von den beiden häufigsten Browsern unterstützt werden (IE 4.0+ und Fx 3.6). Wir erwarten, dass noch in diesem Jahr weitere Browser dem WOFF-Standard folgen. Die Fonts sind als Einzelschnitte, "Basic Sets" (bestehend aus Regular, Bold, Italic und Bold Italic) oder komplette Familienpakete erhältlich. Es gibt zwei Formen der Sprachunterstützung: Standard deckt alle westlichen Sprachen ab, Pro mindestens 36 weitere, vor allem zentraleuropäische Sprachen (z. B. Türkisch, Tschechisch, Lettisch), oft auch Griechisch und Kyrillisch. Jedem Web FontFont liegt neben einer HTML-Testseite ein 12-seitiger Benutzerleitfaden bei, mit verständlichen Anleitungen für Webdesigner und Serveradministratoren. Weil Webfonts auf Bildschirmen zum Einsatz kommen, werden unsere Web FontFonts dafür mit einem aufwändigen Hinting optimiert, sodass sie die ClearType-Schriftglättung von Microsoft, die seit Windows XP verfügbar ist, unterstützen.
Zu guter Letzt noch die Frage nach den Lizenzierungsparametern. Wir haben uns nach Abwägen zahlreicher Optionen entschlossen, die durschnittlichen Pageviews im Monat aller Websites eines Lizenznehmers als Grundlage zu nehmen. Um eine möglichst faire Unterscheidung der Websites zu erhalten, gibt es drei leicht zu kalkulierende Lizenzstufen: bis zu 500 000 Pageviews im Monat sind mit der einmalig zu zahlenden Standardlizenz abgedeckt, die nächste Stufe deckt bis zu fünf Millionen ab und die dritte bis zu 50 Millionen. Unternehmenslizenzen über diesem Wert werden auf Anfrage ermittelt. Der Einzelschnitt kostet in der Grundlizenz ab 40 Euro, ein vier Schriftschnitte umfassendes Basic Set gibt es ab 130 Euro.
webinale: Unsere abschließende Standardfrage: Was erwarten Sie von der webinale 2010, worauf freuen Sie sich?
Ivo Gabrowitsch: Ich bin sehr gespannt auf meine erste webinale. Ich denke, dass das Thema Typografie für Webdesigner zukünftig an Stellenwert gewinnt und hoffe, auf der webinale ein wenig dazu beitragen zu können. Ich erwarte ein interessiertes Publikum, aber auch konstruktive Dialoge mit einer für unsere Branche neuen Anwendergruppe.
Zusatzinfos
Name: Ivo Gabrowitsch
Alter: 30
Website: fontshop.de; fontfont.com
Hot Website 2010: typefacts.com
Felix Schrader































