
27. Mai 2009
webinale live: Christoph Bornschein im Interview
CREATE OR DIE: Christoph, du bist Gründer und Geschäftsführer von Torben, Lucie und die gelbe Gefahr, eine Agentur für digitale Kommunikationen mit dem Schwerpunkt Social Media: ein ungewöhnlicher Name, woher kommt er?
Christoph: Der ungewöhnliche Name hat auch eine ungewöhnlich lange Geschichte, von der ich vielleicht nur so viel erzählen will: Torben und Lucie sind die Inschriften der Namenseierbecher, die Fränzi (Lucie) und ich (Torben) zuhause haben, und die gelbe Gefahr, das sagt etwas – uncharmant vielleicht – darüber aus, dass Boontham Halbasiate ist. Als wir die Agentur gegründet haben, war das der einzige Namensvorschlag, den wir hatten und der uns als Hörspielfans so begeistert hat, dass wir nicht weiter nachgedacht haben.
CREATE OR DIE: Social Media, der Begriff geistert ja noch nicht allzu lange durchs Web. Warum gerade dieser Schwerpunkt?
Christoph: Am Anfang dieser Entscheidung, und das ist sicherlich gut fünf Jahre her, stand eine ziemlich private Entscheidung von uns Dreien, uns mit Blogs und all dem, das sich da plötzlich im Internet auftat, zu beschäftigen. Ziemlich schnell merkten wir, dass sich dort ein enormes Potenzial für die Kommunikation von Marken und deren Kunden ergab, es aber an kommerziellen Nutzungsbeispielen für Marken fehlte. Wir hatten 2007 die Gelegenheit, alles, was wir damals zu Marken und dem Web 2.0 wussten, bei unserem ersten großen Kunden, der Frogster Interactive Picture AG, zu testen und zu verfeinern.
Für mich ist Social Media der Weg, das anschaulich und initiierbar zu machen, was im Prozess der Markenkommunikation sowieso passiert: Dialoge zwischen Kunden über Produkte und deren Story. Eine Riesenchance für Marken, anfassbar zu werden, sich den eigenen Kunden zu stellen oder diese gezielt um ihre Meinung zu bitten. Denn nichts ist wertvoller als ein Kunde, der aus Überzeugung für ein Produkt oder eine Marke spricht.
CREATE OR DIE: Viele Unternehmen haben Social Media nicht auf dem Radar und eine eher hierarchische Sicht auf den Markt. Ein Fehler?
Christoph: Absolut! Unternehmen berauben sich damit der Chance, ihre "Zielgruppe" zum Kommunikationskanal ihrer Produkte zu machen. Bei vielen, gerade namhaften und großen Unternehmen herrscht die historisch begründete Sicht, Kommunikation sei etwas hierarchisches, bei der der Sender von oben die Informationen nach unten zum Kunden reicht. Die Erkenntnis, dass es auch Kunden gibt, deren Wort innerhalb ihrer Micro-Öffentlichkeit vielleicht deutlich mehr gilt, als das der Marke, ist noch nicht angekommen, sodass man nicht davon reden kann, dass hier auf einer Ebene kommuniziert wird. In der Folge bedeutet das aber eben auch, dass so viele Kommunikations- und Abverkaufschancen ungenutzt bleiben und das, zugespitzt formuliert, aus der Angst vor dem eigenen Kunden.
CREATE OR DIE: Kann Feedback aus der Community, vor allem negatives, einem Produkt nicht einen unkalkulierbaren Schaden zufügen?
Christoph: Unter Umständen schon, aber das hat ja wenig mit Social-Media-Marketing zu tun, sondern eher mit der grundsätzlichen Qualität eines Produkts. Letztendlich ist es doch so: Diskussionen über Produkte und Services finden online und besonders in sozialen Medien statt. Entscheiden kann sich der Produkthersteller zwischen: Ich nehme an dieser Diskussion teil und lasse mich dadurch beeinflussen oder sie findet statt, ich beobachte sie vielleicht (nicht einmal das ist der Normalfall) und ich lasse geschehen, was immer der Ausgang des Ganzen ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass es eher der Ausnahmefall ist, wenn Unternehmen wissen, was in sozialen Medien über das Unternehmen oder die Produkte gesagt wird.
CREATE OR DIE: Für wen eignet sich Social Media und wer sollte lieber die Finger davon lassen?
Christoph: Da muss ich etwas differenzieren. Das reine Monitoring der Gespräche und Meinungsäußerungen ist sicherlich für jede Marke wichtig und auch geeignet. Die aktive Kommunikation macht allerdings nur dann Sinn, wenn sie als mehr betrachtet wird, als eine Kampagnenmaßnahme mit ausschließlich zeitlich begrenzten Zielen. Der Dialog mit dem Kunden muss in Unternehmen gelebt werden und das geht letztlich nur, wenn man als Unternehmen bereit ist, vieles davon auch als interne Aufgabe zu begreifen und Personal für diese zur Verfügung zu stellen, das freie Hand hat, eine Kommunikation zu gestalten, ohne die im Zweifel sehr langen Abstimmungswege großer Unternehmen immer zwingend einhalten zu müssen.
CREATE OR DIE: Stichwort Social Media Optimization, was kann man sich darunter vorstellen?
Christoph: SMO ist eines der vielen Stichworte, die gerade im Zusammenhang mit der Erwachsenwerdung des Web 2.0 im Raum stehen. Im Wesentlichen beschreibt es, wie bestimmte Inhalte wie Videos, Bilder oder auch Texte gestaltet werden müssen, damit sie sich in sozialen Medien besonders gut verbreiten, oder wie auf den jeweiligen Seiten Möglichkeiten geschaffen werden können, sie dort gut hin zu bekommen (die bekannte Social-Bookmarking-Leiste eben). Prinzipiell ist das gut, aber es kann nur ein Anfang sein. Das ist in etwa so, als würde ich eine wahnsinnig langweilige, hässliche Seite betreiben, auf der man nichts kaufen kann oder sonstwas anbietet und würde parallel aber massiv in Suchmachinenoptimierung investieren. Am Ende muss eine Gesamtstrategie gefunden werden, was Unternehmen in sozialen Medien tun und sagen. Abschließend sei hierzu gesagt, dass sich im Augenblick die Hinweise mehren, dass SMO auch manipulativ und unfair eingesetzt wird, darunter lassen sich dann Kampagnen fassen, die mit massenweise Kommentaren in großen Blogs oder automatisierten Tools zur Generierung besonders vieler Video-Views auf Plattformen wie YouTube arbeiten, sehr bedenklich, wie ich finde.
CREATE OR DIE: Manch einer geht davon aus, dass Facebook und Twitter Google künftig mächtig Konkurrenz machen. Teilst du diese Meinung?
Christoph: Das kann ich mir schon vorstellen, immerhin gehen einige gewichtige Kommentatoren davon aus, das Facebook das Betriebssystem des Internets werden könnte, und aus meiner persönlichen Sicht spricht da einiges dafür, da auf dem Rücken dieses Netzwerks bereits heute Geschäftsmodelle existieren, die ohne Facebook einfach nicht da wären, und in Twitter kann man einen ganz neuen Weg der Kommunikation sehen, der zum Standard werden könnte. Eine definitive Aussage auf diese Frage ist aber unmöglich, vielleicht kauft Google eines Tages beide und dann gibt es eben keine Konkurrenz mehr.
CREATE OR DIE: Social Media in 10 Jahren bedeutet ...
Christoph: …einen historischen Zustand, bei dem man noch dachte, es wäre etwas Besonderes, die Gespräche der eigenen Kunden im Auge zu behalten oder sie bewusst zu fördern. Ich glaube, dass das, was wir heute Social Media nennen und als Novum bezeichnen, in nicht mehr allzu langer Zeit eine der Standardformen der Produkt- und Kundenkommunikation, so wie Fernsehwerbung heute, ist.
CREATE OR DIE: Vielen Dank für das Gespräch!
Reimar Winkler

































