
28. Mai 2008
webinale live: Das Web von morgen. Interview mit Vitaly Friedman
CREATE OR DIE: Vitaly, das Web hat sich in den letzten zwei Jahren dramatisch gewandelt. Was hältst du von der Entwicklung? Hättest du je damit gerechnet, dass alles so schnell, so bunt, so groß wird?
Vitaly Friedman: Es ist jetzt eine schöne Zeit, um im Web aktiv zu sein und das Web aktiv mitzugestalten. Es ist viel los, was nicht zuletzt auf Motivation und Engagement in der Web Design Community zurückzuführen ist. Vor zwei, drei Jahren war das noch ganz anders gewesen. Aber ich habe natürlich nicht damit rechnen können, dass das Web eine so rasante Entwicklung in so kurzer Zeit durchlaufen würde. Das freut mich natürlich, und das macht auch Appetit auf mehr. Ich bin jedes Mal wieder darauf gespannt, was morgen in meinem RSS Reader angezeigt wird. Und ich bin sehr froh, diese Entwicklung unterstützen und vorantreiben zu können.
Leider wird aber im "erneuerten" Web Vieles übertrieben: es wird manchmal zu schnell, zu bunt, zu groß, zu aufwändig, zu komplex. Ich wünsche mir, wir hätten etwa mehr Weblogs, die nicht nur aus purem Produzierenswillen entstehen, sondern entstehen, weil Blogbetreiber sinnvolle Inhalte und Ideen transportieren wollen. Kennzeichnend für die Entwicklung der letzten Jahre ist für mich der rasante Aufstieg der Wikipedia, der freien Online-Enzyklopädie. Das zeigt, wozu wir als Menschen in der Lage sind, wenn wir unsere Kräfte gemeinsam in eine sinnvolle Sache investieren.
Wir tendieren schnell dazu zu vergessen, dass es im Web zwar um uns, aber vor allem um unsere Kommunikation, und eben nicht nur um unsere Selbstdarstellung geht. Das ist schade. Aber das ändert sich bereits. Langsam, aber sicher.
CREATE OR DIE: Wenn du in die Zukunft blickst, wie stellst du dir das Web von morgen vor?
Vitaly Friedman: Sehr vielfältig. Es wird viel passieren und Vieles wird sich verändern.
Der jetzt schon kaum erkennbare Unterschied zwischen Desktop- und Webanwendungen wird ganz verschwinden. Schon bald werden wir uns vom Browser als Standalone-Applikation verabschieden müssen; Anwendungen werden sich per Klick auf Hyperlink aufrufen lassen, ähnlich wie wir es aus Shortcuts-Klicks auf unserem Desktop kennen. Vielleicht werden wir die Vorteile des Standards zur einheitlichen globalen Identifizierung im Web (Stichwort "OpenID") genießen und uns mit dessen Gefahren und Problemen auseinandersetzen müssen.
Das Web wird dynamischer, mobiler und durch mediale Konvergenz immer schneller. Aufgaben, die zurzeit mithilfe von mehreren Webseiten gelöst werden, können in Zukunft über offene Schnittstellen miteinander verknüpft werden und über definierte Standards Daten austauschen.
Es wird eine "natürliche" Selektion im Web stattfinden. Soziale Netzwerke, die über Jahre keine solide Nutzerschaft erkämpfen konnten, werden langsam verschwinden. Projekte, die ohne vernünftige Konzepte entstanden sind (Stichwort "Yet-Another-Social Network") werden in Vergessenheit geraten.
Das Mobile Web wird zum Standard. Selbst die Verknüpfung von verschiedenen Geräten wird über das Web möglich sein. So ist etwa zu erwarten, dass eine Rufnummer über einen Verweis auf das Handy übertragen und direkt angewählt werden kann.
Insbesondere ist ein sogenanntes Interactive Pool in Sicht. Webseiten transformieren sich danach in Widgets, die auf einem Desktop in Abhängigkeit von Interessen des Anwenders und Empfehlungen anderer Nutzer dynamisch angezeigt werden. Das System lernt dabei durch Gestik, Sprache, Mimik sowie weitere Reaktionen des Anwenders mit und passt sich dementsprechend an.
Es wird noch dauern, bis wir da angekommen sind. Aber diese Aussicht ist durchaus realistisch – es genügt, sich klar zu machen, wie viel in den letzten Jahren passiert ist. Ein bisschen Geduld sollten wir aber schon mitbringen.
CREATE OR DIE: Was ist mit dem Thema Design: Das Web 2.0 hat abgerundete Ecken und Spiegelflächen mit sich gebracht. Was kommt als Nächstes?
Vitaly Friedman: Als nächsten Schritt in der Evolution des Webdesigns sehe ich den Fokus auf effektiven, benutzerorienterten Lösungen. Ein effektives Design muss weder bunt noch abwechslungsreich sein – es muss einfach und intuitiv sein. Schräge Farben werden durch subtile, unterstützende Farben ersetzt, die Inhalte (nicht die Designs) in Vordergrund stellen werden. Designs werden leise und subtiler. Das heißt nicht dass es langweiliger wird. Bloß werden wir weniger grelle Farben mit lauten Mach-Mit-Parolen sehen: Menschen sind müde von Partizipationsmöglichkeiten in allen Ecken; sie wissen, wo sie mitmachen wollen, und sie werden immer häufiger dazu tendieren, solche Seiten schlicht und einfach zu ignorieren.
Was konkrete Designelemente angeht, so sehe ich im Moment einen Trend zu Elementen, die etwas persönlicher erscheinen als gesichtslose Spiegelflächen mit abgerundeten Ecken. So kommen etwa handschriftliche Elemente in die Mode. Als Gegenzug zum perfekten glänzenden Web-2.0-Look werden immer häufiger natürliche Texturen (Stichwort Grunge) benutzt. Es wird sehr viel experimentiert – ganz neu sind Badges, Aushängeschilder, Pins, "kosmische" Hintergrundbilder – alles mögliche. Natürlich werden diese Elemente nicht allgegenwärtig werden. Aber das sind die ersten Zeichen des kommenden Wandels. Menschen sind müde von gleichen Designelementen, die Ende 2007 noch überall zu sehen waren. Sie wollen etwas anderes sehen. Designer wissen das und reagieren dementsprechend.
CREATE OR DIE: Deine liebste Website, außer deiner eigenen?
Vitaly: Ach, das ist eine schwierige Frage. An dieser Stelle eine Seite zu nennen, wäre unfair gegenüber vielen anderen Projekten, bei denen ich gerne regelmäßig vorbeischaue.
CREATE OR DIE: Wenn du nicht Webdesigner geworden wärst, was würdest du heute machen?
Vitaly: Ich wäre definitiv Schriftsteller geworden. Wollte ich schon immer, selbst jetzt reizt mich diese Idee. Das ist auch ein Grund, weshalb ich so gerne und so oft schreibe.
Vitaly Friedman auf der webinale 08

































