
28. Mai 2008
webinale live: Web 2.0 – was geht? Interview mit Harald Taglinger
CREATEORDIE: Harald, du bist ein erfahrener "Medienarbeiter". Mit dem Bereich Onlinemedien bist du seit 1994 vertraut. Hast du die Entwicklung, die uns heute vom Web 2.0 – dem Mitmachweb – sprechen lässt, damals schon vorhergesehen?
Harald Taglinger: Ich hatte einen Wunsch, den ich einer Freundin gegenüber 1992 bei einem Parkspaziergang in Potsdam formuliert habe. Einen Kasten, 5 mal 5 Zentimeter groß, der auf Knopfdruck ein Bild projiziert, das mich mit der Welt verbindet (!). Und abends drücke ich wieder auf den Knopf und alle Technik ist verschwunden. Nun liegt ein iPod Touch neben mir, ich schreibe vor zwei Bildschirmen, in die ich den Großteil meines Tages starre. Die technische Vision ist mehr als da. Wir chatten, bloggen, schauen Video, nutzen Google Maps, das hätte ich nicht voraussehen können. Auch die sozialen Implikationen sind nicht bewältigt. Wir rücken den Fetisch "Computer" zu sehr in den Mittelpunkt statt das Ergebnis des Mediums zu stärken. Er ist doch nur ein Werkzeug. Was tue ich denn nun in dieser Welt, in der ich eingenetzt bin? Spiegel Online lesen, ist das alles?
CREATEORDIE: In deiner journalistischen Tätigkeit befasst du dich oft mit dem Thema User Generated Content (UGC). Hand aufs Herz: Ist das alles nur kurzfristiger Hype oder billiges Futter für die Medienunternehmen?
Harald Taglinger: Der Begriff "User Generated" ist eigentlich merkwürdig und gleichzeitig eine Abwertung derer, die Inhalte produzieren. Denn Profis machen wesentlich nichts Anderes. Letztendlich generieren Menschen Inhalte, weil sie zu einem Thema etwas zu sagen haben. Seien es Artikel, Beiträge, Mashups, ihre eigenen Profile, Anmerkungen in Foren (nenne es altertümlich Leserbriefe) oder was auch immer. Manche können das gut, manche weniger. Manche bekommen Geld, manche nichts – manche wollen Geld, manche wollen nichts dafür. Der Rest ist ein Modebegriff. Die Überwindung der Zugangsschwelle ist leichter geworden. Sofort kann alles weltweit verfügbar (!) sein. Dass heißt aber noch nicht, dass es gelesen wird. Noch vor zwei Jahrzehnten hätte ich nicht gewusst, wie ich einen Text an mehr als drei Menschen in sagen wir 300 Kilometer Entfernung und in Echtzeit bringen kann. Heute nehmen auf meiner privaten Homepage 15.000 Menschen und Maschinen meine Inhalte pro Monat auf. Aber es ist deshalb nicht leichter geworden, wirklich Reichweite zu erzielen. Im eigenen Freundeskreis konnte ich immer schon Manuskripte verteilen. Aber damals wie heute liegen die Wege, um Reichweite zu erzielen, an den Knotenpunkten, die Medienunternehmen erzeugen. Und dort tummeln sich weltweit sehr viele, die durch wollen.
CREATEORDIE: Du bist dieses Jahr als Speaker auf der Webinale dabei. Welche Impulse gehen von so einer Konferenz aus?
Harald Taglinger: So vernetzt das Medium ist, es braucht einen Austausch, der sich aneinander reiben kann. Wenn nur alle ihre Sichten publizieren, bewegt sich niemand. Eine Konferenz ist immer noch der ideale Punkt, um genau den anderen Standpunkt oder die neue Idee sofort und unvermittelt aufzunehmen und auch anhören zu müssen. Ich hoffe sehr auf Widerspruch im Referat, auf die bessere Idee, auf eine Hand, die in andere Richtungen weist. Das ist die Chance der webinale. Ich freue mich sehr auf die zwei Tage.
CREATEORDIE: Welche Webentwicklungen und -trends beschäftigen bzw. faszinieren dich derzeit am stärksten? Wo siehst du das Web in zehn Jahren?
Harald Taglinger: Ehrlich gesagt: Wenig fasziniert mich, es ist da und kann begutachtet, aber sehr sehr selten bewundert werden. Es langweilt mich, zu sehen, wie langsam sich die Visionen aus dem vergangenen Jahrhundert umsetzen. "Snowcrash" sackt in "Second Life" ab, Spock sucht auf Google. Web 2.0 würde Bertold Brecht freuen und wegen der Inhalte vermutlich frustrieren. Das Web in zehn Jahren? Alltag, nur aus heutiger Sicht aufregend. Elaborierter, mächtiger in den Features, überall im Einsatz. Ich sehe die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre als Helix, die die immer gleichen Themen neu variiert und damit verbessert. (Semantic) Search, Interaktion, Echtzeit, Bild und Ton, Avatarwelten, Hypertext. Nichts davon fehlte 1995 und nichts davon wird 2018 final gelöst sein. Man kann das als eine Art von Medien-Koan sehen, das die Invention des Mediums treibt. Leider oft nicht die Innovation.
Harald Taglinger auf der webinale 08


























