Donnerstag, 24. Mai 2012


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August 2010 | Artikel

Java unter Oracle: ein Worst-Case-Szenario

(Link zum Artikel: http://www.createordie.de/jaxenter//003307)

Gedankenspiel: Was der Community im schlimmsten Falle drohen könnte

Text: Sebastian Meyen
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Seit Monaten schon wartet die Java-Community auf eine klare Aussage von Oracle, wie es mit Java weiter gehen soll. Aber bekanntlich wissen wir alle nichts. Gewiss wird bei Oracle hinter verschlossenen Türen fieberhaft an einer Lösung gearbeitet, wie man den Erwartungen der Community gerecht werden kann - und zugleich auch den Geschäftserwartungen des eigenen Hauses.

Oracle vs. Google

Weitere Meldungen, Berichte und Kommentare zur Auseinandersetzung zwischen Oracle und Google sowie zur Zukuft von Java unter Oracle gibt es in der aktuellen JAXenter-Serie: Oracle versus Google

Das Stillschweigen, nur kurz unterbrochen durch die Stilllegung des OpenSolaris-Projekts und jüngst durch die Klage gegen Google wegen Android, fordert zum Spekulieren heraus. Was wäre wenn ... haben auch wir uns in der Java-Magazin- und JAXenter-Redaktion gefragt. Wie sähe das Worst-Case-Szenario aus Sicht der Community aus?

Das im Folgenden beschriebene Szenario basiert wohlgemerkt in keiner Weise auf realen Fakten oder Insider-Informationen. Es ist rein der Phantasie von uns Redakteuren entsprungen, um zu verdeutlichen, worum es bei Java in Zukunft gehen könnte.

Das Szenario:

  1. Oracle beschließt, aus dem Java Community Process (JCP) ein beratendes Gremium zu machen und entzieht ihm alle exekutiven Befugnisse. Partizipation in Form von Vorschlägen ist erwünscht, Entscheidungen werden allerdings hinter verschlossenen Oracle-Türen getroffen.
  2. Die Entwicklung am OpenJDK wird nach Java 7 langsam zurückgefahren; Innovation wird auf das Closed Source JDK übertragen. Die kostenfreie Verwendung des aktuellen OpenJDK ist zwar nicht in Gefahr - dafür sorgt schon die GPL-Lizenz. Allerdings werden zukünftige Java-Versionen nicht mehr der GPL unterliegen, sondern einer proprietären Oracle-Lizenz.
  3. Android war nur der Anfang - Oracle zieht die Schrauben bei den Patenten und den Trademarks weiter an, sodass auch Open-Source-Projekte wie z.B. Apache Harmony nur noch unter erheblichem juristischen Beschuss und zusätzlichen Re-Implementierungsaufwänden weiterarbeiten können.
  4. Zukünftige Versionen der Java Virtual Machine werden außerdem in zwei unterschiedlichen Editionen angeboten: einer Consumer-VM, die kostenlos für PCs, Smartphones, Tablets usw. zur Verfügung steht, und einer Enterprise-VM, die in zukünftigen Versionen nur noch gegen Laufzeitgebühren einsetzbar ist. Da davon auszugehen ist, dass weltweit Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen VM-Instanzen in kommerziellen Applikationen im Einsatz sind, bietet dieser Markt eine beträchtliche Einnahmequelle. Immerhin muss ja der Verlust an Java-ME-Lizenzen, die durch den Erfolg des iPhones und von Android im Mobile-Sektor hinzunehmen ist, kompensiert werden.
  5. Eine Abwanderung der Fortune-5.000-Unternehmen von der Oracle-VM hin zu einer (kostenfreien) Open Source VM (wie z.B. Apache Harmony) ist unwahrscheinlich, weil niemand ein Risiko bei Maintenance und Support eingehen wird.
  6. Das Community-Feedback ist für Oracle indes nicht von großer Wichtigkeit, denn mit Java verfügt das Unternehmen jetzt über eine Art Betriebssystem für das weltweite Business, das enorme Abhängigkeiten erzeugt. Oracle wird es daher gelingen, Zuverlässigkeit und Serviceverträge zu verkaufen, weil die Unternehmen gar keine andere Wahl haben.

Wir möchten abermals darauf hinweisen, dass es sich hier nicht um Tatsachenbehauptungen handelt, sondern um frei erfundene Spekulationen. Es kann auch ganz anders kommen. Das Szenario scheint allerdings schlüssig, angesichts der Tatsache, dass Oracle nicht in der Situation ist, eine Community aufbauen zu müssen - sie ist bereits vorhanden. Unternehmen neigen in der Regel dazu, Allianzen zu bilden, wenn es darum geht, für oder gegen etwas zu kämpfen.

Was Java betrifft, hat Oracle bereits alles, und es könnte sein, dass die Motivation, das vorhandene Netzwerk zu monetarisieren, bei der Abwägung der Ziele überwiegt.

Allerdings muss man zugeben, dass ein solches Szenario einer ganz erheblichen tektonischen Verschiebung in der IT-Industrie gleichkäme, bei der nicht klar wäre, wie Oracle am Ende dastünde. Denn welche Reaktionen ein solches Szenario bei der Community - bei Entwicklern, Open-Source-Projekten, vor allem aber bei IBM, SAP, VMware (SpringSource), Red Hat und vielen anderen starken Java-Nutzern - auslösen würde, steht auf einem anderen Blatt.

Zeit also, sich auch Gedanken über ein Best-Case-Szenario zu machen.

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Kommentare

Gravatar yves 27.08.2010
um 11:48 Uhr
Best Case? Oracle verabschiedet Java inkl. Patenten an Apache!

Ich sehe das nicht so, dass Firmen den Einsatz von Apache Harmony ausschließen wegen Wartung - immerhin basieren viele andere kommerzielle Projekte auch auf Apache-Produkten, sei es Webserver, der Tomcat oder Jakarta-Bibliotheken.

Allerdings ist für mich die Frage noch nicht geklärt bzw. ersichtlich in wie weit spätere OpenJDK-Releases Patente von Oracle berühren und dann noch legal sind. Sollte z.B. OpenJDK seine Releases immer an die (pot. closed source JDK von Oracle) anpassen, ob sie es dann noch releasen dürfen...
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Gravatar SQS 27.08.2010
um 13:12 Uhr
Das hier skizzierte Szenario ist wirtschaftlicher Selbstmord. Die Plattform wird unattraktiv, die Community wendet sich ab - warum hätte Oracle dann so viel Geld für die Plattform ausgeben sollen? Das Ergebnis wäre, dass das OpenJDK halt weiterentwickelt wird von den anderen Firmen mit Java-Interessen: SAP, IBM, VMware oder vielleicht Google...
Wir reden über Wirtschaft. Es geht nur um Geld. Oracle hat Google wegen Patentverletzungen verklagt hat, um Geld zu machen - entweder indem Google eine Lizenz kauft oder anderweitig Oracle beteiligt. Nicht mehr und nicht weniger.
Allerdings hinterlässt diese Auseinandersetzung einen großen Flur-Schaden in der Community, der durch Artikel wie hier nicht unbedingt geringer wird. Nur sind solche Dinge oft unter dem Wahrnehmungshorizont des Managements.
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Gravatar steve 27.08.2010
um 20:04 Uhr
Ich denke die Beschreibung ist sehr realistisch.

Die "Community" ist Oracle doch sch***-egal (wie man bei OpenSolaris/Android gesehen hat) und interessiert die Entscheider in den Unternehmen schlichtweg nicht.
Oracle's Ruf ist in den interessierten Kreisen (also ungefähr 0,5% der Leute die täglich damit arbeiten) doch eh schon ruiniert und den Rest juckt es eh nicht. Was soll da schon passieren? Sollen die JUGs nochmal beleidigt auf den Boden stampfen wie letztens?

Zumal Oracle zwar nicht das existierende OpenJDK proprietär machen, allerdings mit den Patenten jegliche Weiterentwicklung verhindern kann.
Oracle ist also in einer komfortablen Position.

Ein veraltetes OpenJDK als Abfallprodukt und Einstigesdroge; und wenn der Entwickler nach einer Zeit dann doch vielleicht eine gute VM oder eine aktuelle Klassenbibliothek braucht, dann will Oracle eben Geld und Wartungsverträge sehen.
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Gravatar Thomas Nagel 01.09.2010
um 13:56 Uhr
Wäre es nicht für alle am besten, wenn Oracle alle Java-Rechte an Google verkaufen würde ? Das würde wahrscheinlich für beide Seiten auch billiger, oder...
Grüsse aus Dortmund
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Gravatar Michi 01.09.2010
um 14:55 Uhr
Wenn Oracle die Rechte an Java an Google verkauft und Google das auch noch annimmt, dann ist Google pleite. Java ist für Oracle eine Schlüsseltechnologie (d.h. strategische Größe für ihre Unternehmensplanung) für ihre Produkte und auch um Konkurrenten entgegen zu treten, daher würde das schon einiges kosten und ich meine damit im Bereich oberhalt der Milliardengrenze (mal davon abgesehen, dass das Oracle nicht machen wird). #zitieren
Gravatar Folkert 03.09.2010
um 12:24 Uhr
Das Szenario nur im Kontext der unternehmerischen Konstellation und der finanziellen Interessen von Oracle gegenüber der Community und dem JCP zu betrachten ist zu einfach. Der Staat hat derzeit, aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Entwicklung während der Krise ein großes Interesse, den quartären bzw. tertiären Sektor der Volkswirtschaft zurückzuführen in den primären und/oder sekundären Sektor. Das kann doch jeder hier verstehen, oder?
Die Sektoren, die der Staat kontrollieren kann ohne Unsummen in eine Ihm völlig fremde, unverständliche und umständliche high-tech Infrastruktur zu investieren, die nur noch vom nächsten Hype in der Technik lebt. Der Staat will seine Machtansprüche und Kontrollinteressen gewahrt sehen. Und er, der Staat verdient mit der derzeit noch weit verbreiteten, offenen und freien Verfügbarkeit von Software kein Geld. Oracle will das ändern, Oracle muss das ändern! Schon um die eigenen Interesse zu wahren. Sonst, wäre im nächsten Schritt die globale Konsequenz der Verkauf des Unternehmens an einen
ausländischen Investor, wie z.B. China denkbar. Oracle in der Hand der Kommunisten? Nein! Unvorstellbar! Die Investitionen in die staatliche Infrastruktur, wie Straßen, Gebäude, Brücken, etc. sollen die Wirtschaft stabilisieren. Dafür muss der Staat Kredite aufnehmen, wie z.B. auf dem globalen Kapitalmarkt von
China. Vielleicht fehlt hier ja noch ein Szenario in dem der Staat ein gewichtige Rolle spielt, wenn es um die offenen und freien Interessen an Software geht. Verdient der Staat sein Geld mit offener und freier Software? Nein! Kann er das? Vielleicht, wenn er die Vorgabe macht Straßen, Brücken und Gebäude
mit Java VM's auszurüsten um Metadaten über den Zustand der Infrastruktur direkt und vor Ort zu sammeln. Wenn Oracle viel Geld verdient, gibt es keinen Grund zur Annahme das Unternehmen zu verkaufen, auch wenn es für manch einen von uns derzeit so groß und mächtig erscheint wie Godzilla. Java ist für Oracle nur eine technische Funktionseinheit im eigenen Unternehmen. Nicht mehr und nicht weniger. Emotionen sind dabei nur in der Community zu finden, der es schwer fällt sich von Ihren utopischen Vorstellungen rund um Java zu
verabschieden und die etwas verliert, was Ihr wie ein eigenes Kind sehr ans Herz gewachsen ist. Verdient Oracle mit dieser Einheit kein Geld, dann hat diese Einheit keinen unternehmerischen Wert für Oracle oder? Solche Einheiten passen dann auch nicht in ein System, in dem nur sinnvoll, aufeinander abgestimmte Elemente einen Platz haben. Vielleicht ist hier das Ende von einem wirtschaftlichen Prozess für uns alle sichtbar, der mit dem Verkauf von Digital Equipment an Compaq in den neunziger Jahren seinen Anfang nahm?
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