Sonntag, 12. Februar 2012 |
Ministerien machen Umfragen, Unternehmen googeln - das Ergebnis liefert das Ausgangsmaterial für diesen Standpunkt Sicherheit.
'Firmen erschnüffeln Bewerberdaten im Web' - so und ähnlich lauteten die Überschriften über Berichten über eine Umfrage des Ministeriums für Verbraucherschutz, die man sich hätte sparen können. Natürlich informieren sich die Unternehmen über ihre Bewerber im Internet - genau so, wie die sich dort über die Unternehmen informieren. Wer etwas anderes erwartet, ist noch nicht in der Zeit des Internet und vor allem des Web 2.0 angekommen. Aber es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es in Umfragen und darauf basierenden Artikeln zusammengekocht wird.
ist ein uralter Grundsatz, und im Internet gilt der gleich doppelt. Wer einen Bewerber prüft und auch nur etwas Ahnung vom Netz hat, der sollte wissen, wie leicht man dort Informationen fälschen kann. Stammen die angeblichen Aussagen des Bewerbers wirklich von ihm? Ein schönes Beispiel für so einen Fall ist ein Mann, der aufgrund seiner Äußerungen auf Twitter seinen jetzigen Job vermutlich nie bekommen hätte. Genau das ist auch ein Grund für viele Personaler, die Informationen aus dem Netz eben nicht zu nutzen. Je nachdem, was man sucht, ist das Ausfiltern der falschen Informationen viel zu aufwendig, um es für jeden Bewerber oder auch nur für jeden Kandidaten für ein Vorstellungsgespräch zu machen. Und wer denkt, Seiten wie z.B. Yasni wären dafür eine Lösung, verkennt das Problem: Das, was man da findet, findet man genau so gut mit einer Suchmaschine. Auf den ersten Blick interessanter sind die von den Benutzern zusammengestellten Profile. Aber: Benutzer, die bei Yasni ein Profil haben, haben da natürlich nichts Negatives drin. Wenn ich etwas Negatives über jemanden suche, brauche ich das bei Yasni und ähnlichen Anbietern gar nicht erst versuchen. Also landet man wieder bei einer Suchmaschine oder geht die verschiedenen Social Networks manuell durch und muss sich dann immer noch fragen, ob man zum einen wirklich alle relevanten Informationen gefunden hat und zum anderen die gefundenen Informationen auch wirklich vom Bewerber stammen. Da ist es doch deutlich einfacher, die geeignetsten Bewerber zu Vorstellungsgesprächen einzuladen und sie dabei unter die Lupe zu nehmen.
Wer doch nach Bewerbern googelt und dabei die falschen Informationen auswertet oder falsche Schlüsse zieht, stellt sich damit unter Umständen selbst ein Bein. Im Zweifelsfall landet der wegen einer falschen Information nicht mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladene Bewerber dann eben bei der Konkurrenz und erfindet da das Produkt, das den Markt revolutioniert. Und das nur, weil der Bewerber ein paar Urlaubsfotos online hat und sich in seinem Blog negativ über die Katzen seiner Kollegin äußert, die ihn auf Grund seiner nicht erwähnten Katzenhaarallergie in den Wahnsinn treiben?
Zur Zeit gibt es in der "Arbeitswelt" ganz grob vereinfacht drei Generationen: Die "Generation Offline", die zwar mit Computern groß geworden ist, mit Netzwerken aber allenfalls im Unternehmen in Berührung kam. Die "Generation C-64", die mit Mailboxnetzen wie dem MausNet aufgewachsen ist, sich an die Netiquette hält und dank DejaNews gelernt hat, dass Daten ziemlich schnell in Datensammlungen landen können, an die vorher nie jemand gedacht hätte. Und die "Generation Web 2.0", die nichts besseres zu tun hat, als jedes Fitzelchen Information über mindestens drei Web-2.0-Seiten zu verbreiten. Jede Generation geht anders mit dem Netz und den darin gesammelten Informationen um, und das führt natürlich zu Missverständnissen. Da kann es schon mal passieren, dass die Politiker der "Generation Offline" meinen, das Internet wäre ein rechtsfreier Raum, während doch tatsächlich, im Vergleich zum Internet, jede Stadt ein viel rechtsfreierer Raum ist.
Die Generationen gehen, und eine Zeit lang werden die Mitglieder der "Generation Web 2.0" damit leben müssen, dass sie mit heruntergelassener Hose Menschen der "Generation Offline" und der "Generation C-64" gegenüber stehen, die ihre Daten beisammen gehalten haben. Man könnte jetzt sagen "Das wächst sich aus" - irgendwann gibt es nur noch Vertreter der "Generation Web 2.0", und dann hat der Personaler und der Abteilungsleiter genau so viel Dreck bei Google hinterlassen wie der Bewerber. Dabei übersieht man aber 2 Punkte: Zum einen kommt früher oder später die nächste Generation, und ich für meinen Teil würde es sehr begrüßen, wenn wir die dann als "Generation Datenschutz" o.Ä. bezeichnen könnten. Und dann stehen die Mitglieder der "Generation Web 2.0" wieder mit heruntergelassener Hose dar, diesmal vor dem Bewerbern aus der folgenden Generation. Zum anderen wird es auch der "Generation Web 2.0" irgendwann peinlich sein, beim surfen im Web ständig über die eigenen Jugendsünden zu stolpern. Vor allem, weil eines sicher ist: Das Web vergisst wenig, und je exponierter ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher werden die Peinlichkeiten aus seiner Vergangenheit ausgegraben.
Drehen wir mal ein bisschen am Rad der Zeit. Nehmen wir als Beispiel die Geburtstagsfeier für Herrn Ackermann im Kanzleramt. Schön, Frau Merkel hat die Gelegenheit genutzt und ein paar Menschen eingeladen. Wäre nicht gerade Wahlkampf und hätte Herr Ackermann nicht auch noch damit geprahlt, würde das kaum jemanden interessieren. Aber was wäre, wenn wir nicht 2009 hätten, sondern 2049? Oder wenn es vor 40 Jahren schon Facebook, StudiVZ und Co gegeben hätte? Dann würden die Berichte vielleicht mit Bildern des besoffenen Herrn Ackermann, der gerade von der Abi-Party torkelt, illustriert. Versehen mit dem Titel "Schon vor 40 Jahren genoss er jede Feier". Vielleicht fände sich auch noch ein Videoschnipsel auf YouTube, das zeigt, wie er besoffen in sein Auto steigt. Na, das gäbe vielleicht einen Aufstand. Dass er nach dem Einsteigen den Sitz zurück kurbelt, um an Ort und Stelle seinen Rausch auszuschlafen, würde zufällig abgeschnitten. Weit hergeholt? Ich denke nicht, es gibt da doch einige Angebote im Netz und auch Offline, die für solche Aktionen bekannt sind. Und wer jetzt sagt "Herr Ackermann ist schlau genug, sowas nicht ins Web zu stellen", dem gebe ich vollkommen recht. Aber wie viele der peinlichen Bilder und Videos im Web wurden denn von denen ins Web gestellt, die darauf zu sehen sind? Ist es nicht viel öfter so, das "liebe Freunde" diese Bilder und Videos machen und verbreiten? Und weil sie ja keine Spaßverderber sein wollen, lassen die Opfer sie dann gewähren? Die Aussage von Frau Aigner "Die unbekümmerte Preisgabe persönlicher Daten im Netz kann zum Stolperstein für die berufliche Karriere werden" ist zwar korrekt, ein genau so großes Problem sind aber die von Dritten weitergegebenen Daten. Technische Maßnahmen, wie z.B. Zugriffsbeschränkungen auf bestimmte Benutzer(gruppen), helfen in dem Fall wenig.
Was wir brauchen, ist ein Umdenken der Nutzer - eben die "Generation Datenschutz".
Carsten Eilers